Was Ostern angeht: Vorher kommt ja leider immer der Karfreitag, vor der Auferstehung auch dieses Jahr wieder der Kreuzweg, die Kreuzigung, das Kreuz. Was bedeutet aber nun das Kreuz?

Das haben die Deutschen sich in letzter Zeit nicht mehr so richtig klargemacht. In der Kreuzdebatte, die von Markus Söder entfacht wurde, als er die bayerischen Landesbehörden zum Aufhängen des wichtigsten christlichen Symbols verdonnerte, erschien es als ein Triumphzeichen. Gepriesen von den Fans des Söder-Erlasses (Wir sind Abendland!), geschmäht von den Gegnern (Wir sind pluralistisch, auch in Glaubensfragen!) – doch beide Seiten deuteten es triumphalistisch.

Dann kam die Missbrauchsdebatte. Nun erschien das Zeichen der Kirche als ein Zeichen der Beschämung, unter dem sich die Opfer versammelten; und wer als Bischof noch bei Trost war, wählte seine Worte mit Bedacht.

Nicht so Joseph Ratzinger, der gewesene Papst. In einem seitenlangen Pamphlet, mit dem er das Thema Missbrauch endlich abschließen und Ostern einläuten will, hat er soeben erklärt, dass am Missbrauch in der Kirche nicht die Kirche, sondern die moralisch verkommene Welt schuld sei. "Verweltlichung" lautet sein Warnwort, das er als junger Theologe fand und nun noch ein letztes Mal wie einen Bannfluch gegen die glaubensferne Moderne schleudert. Gegen alle, die seine Kirche angeblich vergiftet haben durch Ungehorsam und Widerspruch. So hält der Greis uns anklagend das Kreuz entgegen.

Die Kirche ist keine Moralagentur zur Verbesserung der Menschen

Aber was ist in Wirklichkeit dieses Kreuz? Jedenfalls kein Drohsymbol, sondern Zeichen einer Niederlage: Gott wird Mensch, und unter Menschen erleidet er das Schlimmste. Seine Heilsbotschaft bringt den Heiland in Verdacht, ein Lügner zu sein, er wird verraten, gefoltert, gekreuzigt – bis er schmerzvoll und mit seinem Schicksal hadernd stirbt. Danach erst folgt der helle Moment der Auferstehung. Jesu irdische Niederlage verwandelt sich auf unerklärliche Weise in etwas Überirdisches. In eine Hoffnung. In ein Erlösungsversprechen. Man kann es glauben oder nicht. Was folgt daraus für das Verhältnis der Kirche zur Welt?

Zuerst dies: Dass sie mit ihrer Botschaft auf der Schwelle steht zwischen dem profanen und dem sakralen Raum. Dass die Kirche in der Welt ist, aber nicht von dieser Welt. Die Dogmatik-Professorin Johanna Rahner sagt es so: "Es gibt aus christlicher Sicht keine weltfreie Kirche und keine kirchenfreie Welt. Kirche und Welt stehen in einem offenen Verhältnis." Inkarnation, also Menschwerdung Gottes, bedeute, dass Gott in Beziehung zu den Menschen tritt. Die Kirche aber habe den Auftrag, dies sichtbar zu machen.

Man könnte auch sagen: Das Christentum ist keine Jenseitsreligion zur Verächtlichmachung der Welt. Die Kirche wiederum ist keine Moralagentur zur Verbesserung des Menschen. Wo immer sie die ihr Anbefohlenen mit Geboten traktiert und zu kontrollieren versucht, verfehlt sie ihren eigentlichen Zweck – nämlich bei den Menschen zu sein, wie sie nun einmal sind. Mit den Worten der Bergpredigt: Ihr sollt nicht urteilen und nicht richten! – Was dann?

Deutschlands oberster Protestant, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat diese soeben gewarnt, sich nicht als "Kontrastgesellschaft" zu verstehen. Mit Blick auf Ostern sagte Heinrich Bedford-Strohm: "Liebe zu Christus heißt immer auch Liebe zur Welt und zu den Menschen, die uns in ihr begegnen." Das klingt selbstverständlich. Aber es gibt neben dem Kontrollwahn gewisser katholischer Kirchenvertreter ja auch die Besserwisserei gewisser Protestanten. Und die Hybris, dass der Glaube einen über die Zweifler und Atheisten erhebe, war stets konfessionsübergreifend.

Kurzum: Die Glaubwürdigkeitskrise, in die die katholische Kirche sich durch die Missbrauchsskandale selbst gestürzt hat und die auf die evangelische Kirche abfärbt, lässt sich nicht durch forcierte Glaubensgewissheit überwinden. Auch nicht durch die Verteufelung der Welt. Darin zeigt sich nur die alte Angst vor der Freiheit: dass man heute keinen mehr zum Glauben zwingen kann. Die Stärke der deutschen Kirchen ist aber, dass sie mit dieser Freiheit kein Problem mehr haben. Sie klagen vielleicht ein bisschen zu oft über leere Gottesdienste. Sie haben manchmal Angst, anzuecken oder uneins zu sein. Aber sonst sind sie in der Welt heimisch. Das ist ihre Chance: dass den Kirchen ihre Wahrheit doch noch geglaubt wird und auch ihr Kreuz.