Klaus Maria Brandauer, 75, ist einer der großen Schauspielstars deutscher Sprache. Zu internationalem Ruhm kam er mit den Filmen "Mephisto" und "Jenseits von Afrika" und als Bösewicht im James-Bond-Film "Sag niemals nie". Im Sommer wird er bei den Nibelungen-Festspielen in Worms in Thomas Melles Stück "Überwältigung" den Hagen von Tronje spielen. Wir treffen Brandauer in Worms. Er entschuldigt sich, er sei wegen der vielen Arbeit übermüdet und "nicht gut drauf", aber das stimmt natürlich gar nicht.

DIE ZEIT: Herr Brandauer, Sie machen Sommertheater – aber diesmal nicht in Salzburg, wo Sie den Jedermann gespielt haben, sondern in Worms. Wie kam es dazu?

Klaus Maria Brandauer: Ich hab Die Welt im Rücken von Thomas Melle gesehen, die Theaterfassung mit Joachim Meyerhoff am Burgtheater. Und das hat mich sehr beeindruckt. Ein paar Wochen später kam die Anfrage, ob ich mich mit Thomas Melle treffen möchte, der gerade ein Nibelungen-Stück für Worms schreibt. Da hab ich gesagt: Man kann ja drüber reden ...

ZEIT: Was verbindet Sie mit Thomas Melle? Spüren Sie eine Gemeinsamkeit? Das Rasende, Rastlose, Verrückte, das seinen Roman Die Welt im Rücken auszeichnet, müsste Ihnen aus vielen Rollen bekannt vorkommen.

Brandauer: Melle versucht eine neue Sicht auf den Nibelungen-Stoff. Er zeigt, dass Menschen in ihrem Leben verschiedene Erscheinungsformen annehmen. Die Konstruktion ist: Ein Kind sieht die Welt und wird ermordet, nämlich Kriemhilds Sohn Ortlieb, und schaut dann zurück auf das Leben seiner Verwandten.

ZEIT: Melle beginnt mit dem Gemetzel an Etzels Hof und erzählt dann in Rückblenden. Er fragt: Was ist Schicksal, und wo könnten sich die Figuren auch ganz anders verhalten ...?

Brandauer: Melle möchte klarmachen: Es gibt immer auch Alternativen, und dann würde die ganze Nibelungensage vielleicht einen anderen Verlauf nehmen.

ZEIT: Steckt da der sehr deutsche Wunsch dahinter, die Geschichte umzuschreiben?

Brandauer: Ja. Das geht natürlich nicht. Aber es ist eine Möglichkeit, über Geschichte nachzudenken.

ZEIT: Sie spielen den Hagen von Tronje – einen kühlen Strategen, aber auch eine hasserfüllte Figur. Welche Rolle kann der in einer solchen Konzeption haben? Er ist die treibende Kraft.

Brandauer: Auf der einen Seite ist er sehr gerne der Diener seines Königs. Das ist für ihn die Voraussetzung für alles. Er steht – nibelungentreu – zu seinem schwachen Gunter. Er versucht das Machbare zu schaffen, er analysiert, und er handelt, nicht ohne Rücksicht zu nehmen, aber wenn ihm etwas unausweichlich erscheint, stellt er sich nicht dagegen. Er ist Realpolitiker.

ZEIT: Fällt Ihnen eine Figur aus der Politik ein, die ihm da ähnlich wäre?

Brandauer: Sicher, aber ich sag’s lieber nicht. Nein, im Ernst: So eins zu eins läuft das nicht. Es geht ja im Theater immer darum, einen kompletten Menschen zu zeigen, mit seinen Licht- und Schattenseiten und nicht nur ein Abziehbild. Gerade was hinter einer öffentlichen Person steht, macht diese ja auf der Bühne erst interessant, der Moment, wenn die Kamera ausgestellt wird.

ZEIT: Das Stück von Thomas Melle heißt Überwältigung. Wer wird wovon überwältigt?

Brandauer: Wir werden alle ständig überwältigt, von Gefühlen, die einfach so über uns kommen. Die Frage ist, wie sehr man diesen Impulsen nachgibt. Wenn man alle unterdrückt, verleugnet man sich selbst, und wenn man allen Raum gibt, wird man irgendwann zum Tier. Auf der Klaviatur spielen wir alle, mal besser, mal schlechter. Und da setzt ja auch das Theater an. Hagen fühlt sich von Kriemhild angezogen, findet sie zumindest aufregend, aber das funktioniert nicht.

ZEIT: Sie überraschen mich! Hagen, der einsame Wolf ...

Brandauer: Ja, auch – aber eben nicht nur. Ich finde es immer spannend, einer Figur am Anfang eine solche Komponente mitzugeben, die man dann wieder über Bord werfen kann. Das kann auch noch viel absurder sein. Ich brauche solche Möglichkeitsräume, aus denen ich mich bedienen kann.

ZEIT: Aber Hagen ist doch ein Scharfmacher – politisch, nicht erotisch. Eingebunden in Loyalitäten. Von Heiner Müller gibt es, in Germania Tod in Berlin, einen schönen Dialog dazu. Einer sagt: Ich weiß immer noch nicht, warum wir uns hier mit den Hunnen herumschlagen. Antwort: Bist du ein Hunne, dass du zum Kämpfen einen Grund brauchst?

Brandauer: Heiner Müller wusste aber auch, dass das Politische und das Erotische gar nicht so fern voneinander liegen! Er kannte die Welt, und er kannte die Menschen und war deshalb überzeugt davon, dass es mit uns nicht mehr aufwärtsgeht, sondern nur noch vorwärts, und selbst das ist inzwischen nicht mehr sicher. Unser gesamtes Unheil wird von uns selbst angerichtet. Auch wenn wir mit den besten Absichten antreten, es entgleitet uns früher oder später. Kriemhild macht ja auch eine große Entwicklung durch, sie ist nicht von Anfang an die Rachegöttin. Deshalb finde ich ja die Verbindung von Hagen zu ihr so interessant.