In einer Erhebung von CDP, einer britischen Umweltorganisation, erklärten 21 von 25 US-Großkonzernen, sie seien "inhärenten Klimarisiken mit beträchtlichen finanziellen oder strategischen Folgen" ausgesetzt. So sorgt sich der Erhebung zufolge Coca-Cola um das Trinkwasser für die braune Brause. Disneys Vergnügungsparks könnten wegen Hitzewellen Besucher verlieren. Die Bank of America, der zweitgrößte Finanzkonzern der USA, fürchtet, dass Hauseigentümer ihre Hypotheken in einer Zeit zunehmender Überflutungen nicht mehr bezahlen können. Die Telefongesellschaft AT&T hat allein 2017 rund 627 Millionen Dollar ausgegeben, um durch Stürme umgeknickte Sendemasten zu reparieren. Das Unternehmen erwartet, dass solche Kosten bei häufigeren Hurrikanen und Tornados weiter steigen.

PG&E kann bei Geschädigten und Kunden mit wenig Verständnis rechnen. Das Unternehmen steht schon seit Langem in der öffentlichen Kritik. Explosionen von PG&E-Gaspipelines töteten in den vergangenen Jahren neun Menschen. Die Aufsichtsbehörden kamen zu dem Schluss, dass PG&Es Anlagenwartung "unzureichend und ineffektiv" gewesen sei. Die Aufsichtsbehörden verurteilten den Konzern zu einer Strafzahlung von 1,6 Milliarden Dollar.

Auch beim Stromnetz kommt das Unternehmen mit der Instandhaltung nicht hinterher. PG&E gehören rund 200.000 Kilometer Überlandleitungen in Kalifornien – Kabel, die man fünfmal um den Äquator spannen könnte. Anders als in Europa verläuft in den USA der Großteil der Stromleitungen oberirdisch. Die USA sind groß. Leitungen unterirdisch zu verlegen kostet im ländlichen Raum pro Kilometer rund 900.000 Dollar. Mit oberirdischen Holzmasten kommt man auf etwa 100.000 Dollar.

Um die Gefahr von elektrischen Feuern zu mindern, ist PG&E zwar verpflichtet, regelmäßig Bäume und Gebüsch um die Leitungen herum zu beschneiden. Doch die Firma sagt selbst, dass das eine schier unmögliche Aufgabe sei. Anfang 2018 erklärte PG&E, bei 120 Millionen Bäumen bestünde das Risiko, dass sie in Berührung mit den Transmissionsleitungen des Unternehmens kommen könnten. Das Management fasste den Plan, 1,4 Millionen Bäume jährlich zu stutzen. Dann würde es rechnerisch immer noch 85 Jahre dauern, bis alle gefährdende Vegetation beseitigt ist. Das Unternehmen sagte auf Anfrage, man habe die Präventionsmaßnahmen nach den Bränden verbessert. Zusätzlich zu den Crews am Boden kämen Helikopter und Drohnen zum Einsatz.

Kaliforniens staatliche Feuerwehr Cal Fire heuert zusätzliche Saisonkräfte an, wann immer die Gefahr von Bränden am höchsten ist. Früher war das auf die Sommermonate beschränkt. "Aber kürzlich waren wir noch im Einsatz, da stand schon der Weihnachtsbaum in der Wache", sagt Briana Schuette, Notfallkoordinatorin in Yuba County, die bis vor Kurzem als Saison-Einsatzkraft für Cal Fire gearbeitet hat.

Von den 20 schlimmsten Waldbränden in der Geschichte Kaliforniens ereignete sich die Hälfte seit 2015. Der verheerendste war bisher das Camp Fire im November vergangenen Jahres. Es vernichtete nahezu die komplette Stadt Paradise im Nachbarbezirk von Yuba County. 18.804 abgebrannte Gebäude zählte die Feuerwehr, 85 Menschen kamen im Feuer um. Wer nach der Katastrophe durch die Straßen von Paradise fuhr, sah ein modernes Pompeji. Ausgeglühte Autos, Treppen, die im Nichts enden, Vogeltränken vor verkohlten Trümmern. Von den Häusern stand oft nur noch der gemauerte Kamin.

Die Ermittlungen der Behörden über die Ursache des Feuers sind noch nicht abgeschlossen. Doch PG&E hat bereits eingeräumt, dass sich auch dort kurz vor dem Brand Kabel von einem der Hochspannungsmasten des Unternehmens gelöst hatten. Über zehn Milliarden Dollar hat der Stromversorger für die Vernichtung von Paradise vorsorglich schon einmal zurückgestellt.

William Alsup macht dem Unternehmen große Vorwürfe. Der Mann ist Bundesrichter, ein passionierter Wanderer und Naturfreund, seine Fotos kalifornischer Flora und Fauna hängen in den Gängen des Gerichts von San Francisco. Alsup sagt, PG&E habe die Interessen seiner Investoren über die Sicherheit der Anwohner gestellt. Seine Begründung lässt sich an Zahlen ablesen. PG&E hat seit 2014 Dividenden im Wert von 3,5 Milliarden Dollar ausgeschüttet – und die Anlagen des Unternehmens haben in der gleichen Zeit 1500 Waldbrände verursacht. Alsup findet: Der Stromversorger hätte die Mittel für den Brandschutz verwenden müssen.

Seit der Gasexplosion von 2010 überwacht er PG&E: Das Unternehmen wurde damals strafrechtlich verurteilt, und Alsop fungiert als dessen Bewährungshelfer. Er kontrolliert, ob das Unternehmen die gerichtlichen Auflagen einhält. Anfang April untersagte er, dass PG&E weitere Gewinne ausschüttet. Die Elektrizitätsgesellschaft solle erst mal die Bäume stutzen. Eine vergleichbare richterliche Entscheidung hatte es bisher nie gegeben. Fragen dazu beantwortete das Unternehmen nicht, sondern verwies auf seine Pflichtmeldungen an die Börsenaufsicht.

Mit dieser Entscheidung änderte sich auch etwas am Finanzmarkt. Dort galten die Aktien von Energieversorgern mit Monopolstellung und garantierten Einnahmen bisher als grundsolide Papiere: langweilig, aber mit zuverlässiger Rendite. "Investoren haben das physische Risiko durch den Klimawandel unterschätzt, das ändert sich nun", sagt Michael Wara, ein auf Klima und Energie spezialisierter Jurist an der Stanford University. Für Verursacher unkalkulierbarer Waldbrandrisiken wird es nun schwieriger und teurer, private Investoren zu gewinnen.