Thomas Melzer ist Richter in Brandenburg. Mit diesem Text beginnt eine lose Reihe, in der Melzer über seine Gerichtsurteile schreiben wird und über die Geschichten, die dahinterstecken.

Am ersten kalten Wintertag dieses Jahres kommt eine Frau namens J. in mein Richterzimmer und lacht. "Ich bin zwar in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Aber denken Sie nicht, dass über meinem Bett Mose 5 hing, 'Die Rache ist mein, sagt der Herr, ich will vergelten'." Jetzt lacht sie nicht mehr. "Ich bin noch immer in Therapie. Und ich habe es mit der Therapeutin besprochen: Wenn diese Frau nicht schon in ihrem irdischen Leben büßt, werde ich darunter keinen Schlussstrich ziehen können. Ich spüre die Panik in mir aufsteigen, wenn ich nur daran denke."

Zehn Jahre zuvor ist Frau J. in die Kleinstadt gezogen, in der ich Amtsrichter bin. In ihrem sanierten viergeschossigen DDR-Block wohnen acht Mietparteien pro Aufgang, überwiegend ältere Menschen. Die ältere Frau J. ist gelernte Buchhändlerin, arbeitete für eine Kirchenzeitung; kurz nach der Wende wurde sie arbeitslos. In der Wohnung über ihr lebt die etwa gleichaltrige Frau H. Sie stammt aus Sachsen, hat ein Germanistikstudium abgebrochen und in einem Kombinat ausländische Arbeiter betreut. Auch sie ist schon lange arbeitslos. Die beiden Frauen finden zueinander. H., für die nie im Leben ein Mann Nägel in die Wand geschlagen hat, bietet sich an, für die Nachbarin J. Regale aufzubauen und Bilder anzubringen. Sie besuchen einander und trinken Kaffee miteinander. Etwa ein Jahr lang geht das so. In den folgenden acht Jahren werden sie einander nicht einmal mehr grüßen, wenn sie sich im Treppenhaus begegnen.

Eine übereinstimmende Erklärung dafür haben sie nicht, als die Sache schließlich vor Gericht kommt. Frau H. sagt, die unter ihr wohnende Frau J. habe überzogen reagiert, als H.s Waschmaschine ausgelaufen sei und sich das Wasser in J.s Küche ergossen habe. Denn schließlich habe die Versicherung den Schaden ja bezahlt. Sie selbst allerdings nehme Frau J. deren Undankbarkeit übel: Als ihr Ein-Euro-Job in einem Archiv zu Ende gegangen sei, sagt Frau H., habe sie dafür gesorgt, dass J. danach die Stelle bekomme. Die habe den Job aber dann nach einem Tag gekündigt. "Weil ich an einer Hausstauballergie leide und im Archiv keine Luft bekam", versetzt Frau J., ohne Frau H. anzugucken. Seit J. auf dem Zeugenstuhl Platz genommen hat, ist die Temperatur im Gerichtssaal um mehrere Grad gesunken. "Ich habe mich von dieser Frau" – deren Namen H. wird die Zeugin im Verlaufe ihrer zweistündigen Vernehmung nicht ein einziges Mal aussprechen – "immer mehr vereinnahmt gefühlt. Sie ist mir auf die Pelle gerückt, deshalb habe ich für Distanz gesorgt. Das hat sie nicht kapiert."

Nach acht Jahren stummen Aneinandervorbeigehens meldet sich die Deutsche Rentenversicherung bei Frau H. und fordert sie auf, ihre Unterlagen für die Beantragung der Altersrente einzureichen. H. weiß diese Unterlagen, darunter ihr alter DDR-Sozialversicherungsausweis, in dem alle Beschäftigungszeiten abgestempelt sind, in einer Blechdose, die wiederum in einem Fach ihrer Schrankwand steht. Doch die Schachtel lässt sich nicht finden, weder dort noch anderswo. Schon bald beschleicht Frau H. eine Ahnung, aus der wenig später fester Glaube wird: Die Nachbarin J. hat die Dokumente entwendet, um ihr zu schaden. Schließlich war J. ja eingeweiht, wo H. im Keller ihren Wohnungstürschlüssel versteckt hatte, für den Fall, dass sie sich einmal ausschließen sollte. Nein, sie habe J. den bösen Verdacht nicht angedeutet, sagt H. vor Gericht. Das sei absehbar sinnlos gewesen, die hätte sowieso alles bestritten und sie höchstens ausgelacht.

In den folgenden Monaten ist Frau H. förmlich von dem Gedanken besessen, wie sie ihre Unterlagen zurückerlangen und J. den Diebstahl heimzahlen könne. Sie erwägt und verwirft Verschiedenes. Im Spätsommer aber kauft sie im Baumarkt eine Sprühdose mit blauer Farbe, eine Rolle Panzerklebeband und eine Hundekette. Am 29. September, dem Tag ihres 63. Geburtstages, ist es so weit. Frau H. wird sich heute selbst ein Geschenk machen.