Ist es ein politisches Naturgesetz? Haben sich umstrittene Großreformen erst mal bewährt, können Politiker links und rechts der Mitte sie nicht in Ruhe lassen. Dabei gäbe es genug sozialpolitische Aufgaben im Land, für die es noch keine überzeugende Lösung gibt: die Frage etwa, wie man sozial benachteiligten Kindern effektiv zur Seite springt. Oder wie der Staat ärmeren Bürgern helfen kann, ein Altersvermögen aufzubauen. Die politische Energie wird aber von Versuchen absorbiert, ein im Kern bewährtes System zu "verbessern", das doch längst eine Grundsicherung für Arbeitslose und ihre Familien anbietet – aber dafür eben Eigenleistung und Engagement für den Arbeitsmarkt verlangt. Vom Prinzip her wird hier niemand für das Arbeitsleben aufgegeben, auch wenn er sich selbst aufgegeben hat.

"Verschlimmbessern" ist definiert als "etwas zu verschlechtern beim Versuch, es zu reparieren". Und zwar auch dann, wenn es gar nichts zu reparieren gibt.

Eine große Koalition kann mit ihrer Mehrheit manchmal Veränderungen durchsetzen, an die niemand mehr geglaubt hat. Zum Beispiel die für ein zukunftssicheres Rentensystem, das nicht auf Kosten der immer weniger Jungen geht. 2007 kam Schwarz-Rot dem Kunststück erstaunlich nahe, hob das Eintrittsalter auf 67 Jahre und schrieb den Beitragssatz erst einmal bei knapp unter 20 Prozent fest. Die Experten waren sich erstaunlich einig: Die Reform würde die Lasten fairer auf Alt und Jung verteilen und die Gesellschaft von einer Hypothek befreien – die sonst am Ende von künftigen Steuerzahlern zu bezahlen wäre. Deutschland hatte ein großes Problem gelöst.

Allerdings nur für sieben Jahre. Dann kam die Revision. Union und SPD wollten allerhand Wählergruppen etwas Gutes tun – und stützten sich dabei gegenseitig. Also kam es zur Mütterrente, zur Rente mit 63 und zu höheren Erwerbsminderungsrenten. Ende vergangenen Jahres wurde auch die Sparsystematik ausgehöhlt, indem Berlin das Niveau der Rente, gemessen an den Löhnen bis 2025, garantierte und zudem neue Leistungen beschloss.

Damit nicht genug: Die CSU will in diesem Jahr der drei Landtagswahlen im Osten die Grundsicherung im Alter ausweiten, die SPD mit der "Respekt-Rente" noch einen Schritt weiter gehen. Die Folge schon bisher: Die Rentenversicherung und der Finanzminister gehen neue Verpflichtungen ein, die Balance zwischen Jung und Alt geht verloren, und dem leer gefegten Arbeitsmarkt kommen Arbeitskräfte ab 63 abhanden.

Man wünschte sich, die Parteien könnten zu ihren eigenen Reformen stehen. Stattdessen folgen sie dem politischen Drang, ständig etwas zu verändern, um sich als tatkräftig zu erweisen. Ganz so, als ließen sich mit dem Festhalten an Prinzipien keine Wahlen gewinnen. So aber schaffen sie immer neue Anreize für die Bürger – die dann oft am Ziel vorbeigehen.

So wie beim Kobra-Effekt, dem der verstorbene Ökonom Horst Siebert ein Buch widmete. Die Story: Als die Briten Indien als Kolonie beherrschten, kam es zu einer Kobra-Plage. Also versprach der Gouverneur für jedes erlegte Tier eine Prämie. Die Bürger brachten viele tote Schlangen, die sie nur leider für diesen Zweck überhaupt erst gezüchtet hatten. Weil Bürger und Firmen findiger sind, als ihre Abgeordneten sich vorstellen können, sind nicht Detailregeln, sondern allgemeine Regeln oft die beste Wirtschaftspolitik – wenn man dabei bliebe.

Ein Verbot hoher öffentlicher Neuverschuldung in normalen Konjunkturzeiten galt lange als sinnvoll, aber nicht durchsetzbar. In der ersten Hälfte des Jahres 2009 waren die Zeiten nicht normal, die Finanzkrise versetzte die Weltwirtschaft in einen freien Fall. In der Zeit schrieb das Parlament eine solche "Schuldenbremse" in die Verfassung. Keinen full stop, in Krisenzeiten darf der Staat mit aufgenommenem Geld gegensteuern. Aber doch eine Selbstbeschränkung für die größte Volkswirtschaft im Euro-Raum und ein Zeichen für stabile Finanzen in Europa.

Die Bremse funktioniert. Deutschland hat seine öffentlichen Schulden in diesem Jahrzehnt von rund 80 auf die 60 Prozent der Wirtschaftsleistung zurückgefahren, die der Euro-Vertrag eigentlich als Obergrenze vorsieht – und konnte dank hoher Steuereinnahmen deutlich mehr Geld ausgeben. Doch kaum kriselt die Konjunktur einmal, stellt eine große Expertenkoalition das Instrument infrage. Die einen wollen bestimmte Investitionen ausnehmen, andere die Bremse aussetzen oder entfernen – statt das einst als richtig anerkannte Instrument wirken zu lassen. Man kriegt eine Idee davon, wie sich Wirtschaftspolitiker an diesem Erfolgsmodell abarbeiten, es korrigieren und die Verschuldung feinsteuern wollen.

Wie menschlich das alles ist, sieht man im privaten Leben. In der persönlichen Krise greifen viele zum self management. Sie geben sich kluge Regeln vor, organisieren sich Aufpasser und legen ein Verhalten fest. Dann wird alles besser, die Selbstoptimierer sind stolz auf sich – bis andere Fragen dringlicher werden und sie die eigenen Regeln verletzen. Schließlich erfinden sie gute Gründe dafür, sie aufzuheben.

Der Drang des Moments siegt dann über die langfristige Idee. Und am Ende ist, wie auf dem so schönen Bild des kleinen Kindes, alles verschmiert.