1. Bruder-Klaus-Kapelle

Ein feste Burg ist unser Gott, oder anders gesagt: ein ganz schön grober Klotz. Steht abweisend herum, fremd und rätselhaft. Ringsumher Wälder, Felder, sanft geschwungene Hänge am Nordrand der Eifel, und mittendrin, zwölf Meter steil, ein Zeichen der Uneinnehmbarkeit. Doch sollte sich keiner täuschen: Dieser Gott führt ein Doppelleben. Wer hineinschlüpft durch die dreieckige Pforte, für den zieht sich die Welt zusammen. Abweisende Härte wird bergende Stille.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ein Bauer und seine Frau auf die Idee verfielen, am Feldrain, zwischen Dinkel und wilden Malven, mit einem Kapellchen ihre Dankbarkeit zu bekunden: für ein reiches, behütetes Leben. Sie suchten einen Architekten und fragten nicht irgendwen, sondern den Schweizer Peter Zumthor, der oft als Mönch der Moderne beschrieben wurde, als betonverliebter Mystiker. Anfangs brummelte er streng, das ist so seine Art, doch irgendwann, als die Bauern schon dachten, es werde wohl nichts mit ihrem Kirchlein, rückte er seine Entwürfe heraus. Sehr eigen, sehr wundersam.

Aus 112 Fichtenstämmen ließ Zumthor eine Art Urhütte aufstellen, ein Glaubenszelt mit tropfenförmigem Grundriss. Dann wuchs, Schicht um Schicht, der äußere Betonmantel empor, angerührt mit dem rötlich gelben Sand aus der Umgebung und auf althergebrachte Weise gestampft. Viele Freunde und Mitstreiter der Bauern halfen mit, und als schließlich, für die oberste Schicht, auch der Architekt Hand angelegt hatte, wurde im Inneren ein Köhlerfeuer entzündet, das so lange schwelte, bis die Fichtenschalung halb verkohlt war und man die Stämme leicht herausziehen konnte. Zurück blieb: eine Höhle. Rau und geschwungen die Wände, an denen sich die Abdrücke der Baumborke zeigen. Wer möchte, darf das spirituell verstehen: als Hinweis auf die Anwesenheit des Abwesenden.

Geweiht ist die Kapelle dem Bruder Klaus, der als Niklaus von Flüe im 15. Jahrhundert von sich reden machte, weil er sein Normalleben verließ, um fürderhin Gott und ebenso den Menschen zu dienen. Ein Eremit und ein Schlichter, den man aufsuchte, um politische Streitfälle aufzulösen. Ein Mann, nicht von dieser Welt und doch mittendrin – und in dieser introvertierten Extrovertiertheit der Zumthorschen Kapelle sehr ähnlich.

Wie gemacht scheint das kleine Bauwerk, um die vielen harten Gegensätze der Gegenwart für einen Augenblick zu transzendieren. Ein Ort, der auf archaische Weise modern ist, weich und kantig zugleich, hell und dunkel. Wer hier eintritt und sich auf dem Bänkchen aus Lindenholz niederlässt, hält Einkehr bei sich selbst und unwillkürlich Ausschau nach dem Höheren. Denn die Kapelle hat keine Fenster und kein Dach, nur ein offenes Himmelsauge. Und so zieht es den Blick hinauf, wo die Wolken treiben oder gerade mal wieder ein kräftiger Schauer hereinpladdert. Hier unten ist man behütet, nicht aber verschluckt. Man riecht noch das Feuer, fühlt die Erde, spürt die Elemente – und stellt sich für einen Moment vor, wie es wäre, so ein Leben als Eremit, dem Wesentlichen verpflichtet.

Dann tritt man hinaus aus Zumthors Einsiedelei, und wie weit ist mit einem Mal der Horizont, wie hell der Himmel. Wie schön ist es, in der Höhle zu sein. Und wie belebend, sie zu verlassen.
Hanno Rauterberg

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2. Fußballmuseum

Das WM-Jahr unseres Missvergnügens ist Gott sei Dank vorbei – Zeit, sich daran zu erinnern, wie unerschütterbar vom Versagen in russischen Vorrunden der Fußball die Alltagskultur prägt und bereichert. Der beste Ort dafür ist das Deutsche Fußballmuseum am Dortmunder Hauptbahnhof, die Kathedrale – und ein bisschen auch die Rumpelkammer – für der Deutschen liebstes Spiel. Wie im Kölner Dom gibt es sogar eine Schatzkammer, in der all die WM- und EM-Trophäen in feierlicher Stille vor sich hinglitzern. Aber das Haus bietet mehr als eine Devotionaliensammlung (die Handschriften des heiligen Sepp Herberger, Mario Götzes Schuh aus dem WM-Finale 2014 mit Original-Rasenspuren). Alle paar Monate wird hier eine Art Fan-Messe gelesen, mit den schönsten Stadion-Chorälen zum Mitsingen. Lieder aus der Kurve heißt die Reihe, hervorgegangen aus einer Initiative des Dortmunder Schauspielhauses. Dort lud die eigens gegründete Band The Mundorgel Project zum Rudelsingen aus der legendären roten Volksliederbibel. Beim Liederabend in der Arena des Museums animieren die vier Musiker das Publikum zu den Klassikern des Genres, von Ihr seid nur ein Karnevalsverein (nach der Melodie von Yellow Submarine) bis zur Regionalligahymne mit dem unsterblichen Reim "Fußballzeit bei uns im schönen Wattenscheid". Volkskulturpflege zum Herzerwärmen. Wer da beim finalen You’ll Never Walk Alone keine Gänsehaut bekommt, ist schon durch einen KI-Roboter ersetzt.
Christof Siemes

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3. Theater Memmingen

Die Intendantin Kathrin Mädler vom Theater Memmingen © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wenn es derzeit in Deutschland eine Bühne gibt, die vor Energie fast zu platzen scheint, weil sie sich mit einem neu durchmischten Ensemble fortwährend verwandelt und ausprobiert und dabei eine ganze Stadt erfasst, dann diese. Seit drei Jahren zeigt die 43-jährige Intendantin Kathrin Mädler in Memmingen, wie Gegenwartstheater aussehen kann, das über Programmheftfloskeln hinausweist. Vor drei Jahren begann sie ihre Amtszeit am Landestheater Schwaben mit einer schwebenden, phantasmagorischen Inszenierung von Henrik Ibsens Peer Gynt. Und schon auf der Premierenparty schien sich ein alter Spruch von Fidel Castro zu bestätigen: "Revolution ist der Kampf zwischen Zukunft und Vergangenheit." Während nämlich die Regisseurin ihre Darsteller mit einer kleinen Ansprache vorstellte, zogen ein paar Gäste (gewöhnt an den althergebrachten Ablauf des Doppelabonnements: erst Premiere, dann Abendessen) schon mal mit klappernden Tellern zum warmen Buffet. Dass dies heute nicht mehr geschieht, liegt daran, dass Mädler und ihr Team (allen voran die Dramaturgin Anne Verena Freybott) das Memminger Publikum mit fröhlicher Beharrlichkeit erobert haben. Im Großen Haus und auf der Studiobühne präsentieren sie ein auf zwei zentralen Säulen ruhendes, zu verschiedenen Altersgruppen sprechendes Programm: Hier der Zugriff auf Klassiker – etwa in der gerade neu ins Programm aufgenommenen Aufführung der Räuber, inszeniert von der 27-jährigen Regisseurin Julia Prechsl. Und auf der anderen Seite die Vorstellung zeitgenössischer Erstaufführungen, mit Vorliebe aus dem englischsprachigen Raum. "Unausprobierte Texte" nennt Mädler diese großteils im Studio gezeigten Stücke, allesamt Versuchsanordnungen aus dem Zentrum der Pop- und Medienmoderne. In der Spielzeit 2017/18 war zum Beispiel 4Min 12Sek zu sehen, ein Stück des britischen Autors James Fritz. Ausgangspunkt ist das Smartphone-Video eines Jugendlichen, das vielleicht die Vergewaltigung von dessen Ex-Freundin zeigt. Es geht um die Abstumpfung im Zuge digitaler Weltwahrnehmung, um destruktive Energien im Netz, um blinde Elternliebe, um Klassenverhältnisse.

Noch eine Entdeckung der letzten Spielzeit: Noah Haidles Zwei-Personen-Stück Ada und ihre Töchter über eine abgehalfterte Seriendarstellerin, die in einer Mischung aus Wahn, Verdrängung und Selbstbetrug lebt. Permanent verwechselt die Schauspielerin Ada ihre Fernsehtochter mit ihrer wirklichen Tochter – die ihre Liebe bitter nötig hätte und im Gegenzug ihre eigene Scheinwelt erfindet. Mädler selbst inszenierte das Stück des amerikanischen Autors (Haidle kam auch zur Premiere) als präzise choreografierte Groteske mit sarkastischen Einsprengseln. Setting ist ein ikeahaftes Bällebad (Bühnenbild: Mareike Delaquis Porschka), aus dem Mutter und Tochter nur mit Kopf und Oberkörper herausragen. Zwei Frauen in ihren Blasen.

Die Hauptrollen dieser beiden deutschen Erstaufführungen spielten Anke Fonferek und Elisabeth Hütter. Und zwar so hyperpräsent und begeisternd, dass man am liebsten sofort einen Fanclub gründen würde. Fonferek (48) gehörte bereits vor Mädlers Ankunft zum Ensemble, die freischaffende Hütter (33) wurde von ihr engagiert. Dass beide Darstellerinnen nun solche Funken schlagen, folgt einem anderen, übrigens weitgehend ignorierten Gesetz der Revolution: Gelingen kann sie nur, wenn man beim Vorwärtsstürmen auch das Große im Bestehenden erkennt.

Bevor sie nach Memmingen kam, war Kathrin Mädler Dramaturgin und Regisseurin am Staatstheater Nürnberg und am Theater Münster. In Nürnberg debütierte sie als Regisseurin mit Peter Weiss’ dokumentarischem Theaterstück Die Ermittlung über den Frankfurter Auschwitz-Prozess, inszeniert auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Die Haltung, dass als Bühne nicht nur das Innere eines Theaters taugt, sondern alles, was sich in einen Spielort verwandeln lässt, brachte sie mit ins Allgäu. Am 4. Mai hat das preisgekrönte Stück Am Boden des amerikanischen Autors George Brant Premiere: der Monolog einer jungen Pilotin der U. S. Air Force, die von der Wüste Nevadas aus Drohneneinsätze in Afghanistan steuert. Spielort ist die Lärmschutzhalle des Flughafens Memmingen.

Inzwischen sind die Vorstellungen fast ausnahmslos ausverkauft, und das Landestheater Schwaben ist wirklich zu einem Teil der Stadt Memmingen geworden – und umgekehrt. Es gibt eine Lange Nacht der Kultur und von Dramaturgen und professioneller Technik begleitete Spielclubs, die in ein Bürgerbühnenwochenende münden. Das Theater bespielt die örtliche Kunsthalle, den Stadtpark, neuerdings auch eine Freilichtbühne an der Stadtmauer, verwandelt sich im Sommer in einen Biergarten mit aufgeschüttetem Sandstrand und zur Jahreswende in eine Silvesterparty. Im Mai kommenden Jahres wird Memmingen Austragungsort der Bayerischen Theatertage sein, mit insgesamt 20 Gastaufführungen. Gern würde Mädler den Theaterplatz dafür wieder zum Strand aufschütten lassen. Wobei, das erzählt sie grinsend, das Wegschaffen des Sandes bis zum letzten Körnchen deutlich aufwendiger gewesen sei als das Hinkarren.

In Memmingen wird klar: Ein Theater kann nicht darauf warten, dass die Bürger schon kommen werden. Es tut gut daran, sich zuzubewegen auf die, von denen es lebt und für die es da ist. Im übertragenen wie im konkreten Sinn. Und im Idealfall auf so mitreißende Weise wie Kathrin Mädler und ihr Ensemble.
Katja Nicodemus

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4. Schuberts Haarlocke

Wie Kleckse kleben die beiden Siegel auf dem Papier, als hätte Franz Schubert mit dem Leiermann aus der Winterreise Blutsbrüderschaft getrunken, mit dem "wunderlichen Alten", der am Ende dem Winterreisenden beisteht, als Einziger. Zwischen den Siegeln: ein gläsernes Medaillon, aufgespannt an einer dünnen Kordel. In diesem Medaillon: eine Locke Franz Peter Seraph Schuberts, und ob sich das Löckchen nach fast 200 Jahren immer noch "natürlich" kräuselte oder eher zu Staub zerfiele, löste man es aus seiner Reliquienhaft – wer will das wissen? 1863 wird Schuberts Leichnam auf dem Währinger Ortsfriedhof ein erstes Mal enterdigt, man nimmt die Maße des Skeletts, schneidet besagte Locke ab und lässt ihre Herkunft 1888 – bei der Überführung der Gebeine auf den Wiener Zentralfriedhof – notariell beurkunden. Urkunde und Medaillon sind heute in Schuberts Sterbewohnung in der Kettenbrückengasse im Wiener 4. Bezirk zu besichtigen. Die Locke, das schummrige Gassenkabinett, in dem der Komponist 1828 starb, syphilitisch und an Typhus, 31 Jahre alt – so viel "reale Gegenwart" bietet eigentlich nur die Musik. Die letzten Drehleiertakte etwa aus der Winterreise, in denen so viel Hoffnung liegt wie Depression.
Christine Lemke-Matwey

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5. Haus Schminke

Die Vorstellung, jemand will nach Görlitz, Architektur bestaunen, die herrliche sächsische Renaissance – und braust an Löbau vorbei und verpasst Haus Schminke! Schrecklich. Dieses Haus ist ein kleines Wunder der internationalen Moderne, ein Kunstwerk von Hans Scharoun, der sich mit Mies van der Rohe, Le Corbusier und Frank Lloyd Wright ein Nase-an-Nase-Rennen um das erstaunlichste Wohnhaus lieferte. Hier: eine Nudelfabrikantenvilla. Sieht aus wie ein in Sachsen gestrandetes Schiff, das sich mit Schwung aus dem Garten erhebt und spielerisch Treppenaufgänge und Decks gegeneinander verschiebt, als vertreibe es sich auf elegante Weise die Zeit bis zur nächsten Sintflut. Hans Scharoun war aus Bremerhaven gebürtig, er liebte nautische Elemente. Virtuos aber baute der Professor aus Breslau fluide, atmende Innenräume. In diesem Erdgeschoss tobten einst vier Kinder durch einen großen pulsierenden Raum, der Küche und Esszimmer und Wohnbereich umfasste und von allen Seiten Licht aus dem Garten empfing, der seinerseits Grüße in den Wintergarten schickte, wo Pflanzen aus dem Boden sprossen. Im ersten Stock winzige Rückzugsräume. Stylishes Linoleum, zarte Farben. Ab jetzt können Bewunderer diesen restaurierten Klassiker wieder besichtigen, darin Feste feiern, ja sogar dort nächtigen.
Susanne Mayer

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6. Sowjetisches Ehrenmal

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park in Berlin © Christophe Gateau/dpa

Noch kahl waren die Bäume an diesem ersten Frühlingstag, und die ganze, wunderbar monumentale Anlage ließ sich umso besser überblicken. Der Ort traf mich vor einigen Jahren unvorbereitet: dieser windstille Heroismus, die Weite, die Entschiedenheit des Siegers, vor der man ganz klein und ehrfürchtig wurde und ein bisschen verlegen. Ich wusste schon, dass hier in Berlin-Treptow das riesige sowjetische Ehrenmal steht, erbaut in den ersten Nachkriegsjahren, aber ich hatte nicht geahnt, dass es noch so unmittelbar wirkt. Mit ein wenig Fantasie überträgt sich die erhebende, die heitere, die optimistische Stimmung dieses Geländes noch heute. Man muss sich hier gewaltige Massen vorstellen, die im sommerlichen Gleichschritt die Anlage durchschreiten, am Abend und mit Fackeln natürlich, man hat nur die vereinzelten Touristen, Punks und Hipster auszublenden, die in unserer Zeit für gewöhnlich zwischen den Steinsockeln, den riesigen Skulpturen und Flammenschalen eher ratlos und wie aus der Zeit gefallen umherirren.

Das Ehrenmal ist ganz auf den auf einer Anhöhe stehenden, wahnwitzig großen Soldaten ausgerichtet. In der Rechten hält er ein Schwert, mit dem er ein Hakenkreuz zerschmettert hat, in seinem linken Arm ein Kind, das sich an ihn schmiegt. Er blickt ins himmlische Weite (die Vollendung des Kommunismus war, ist und bleibt doch etwas nie Errungenes). Man erreicht über eine Treppe den Sockel der Statue. Von hier oben hat der Besucher das gesamte Ensemble vor Augen. Erst hier erschließt sich ihm, dass er an einem Trauerort ist.

In der Ferne knien zwei steinerne Soldaten mit gesenkten Köpfen, links und rechts der großen Achse, die auf sie zuführen, erblickt man Marmorsarkophage. Auf ihnen sind Szenen des Krieges nachgebildet: vom Überfall auf die Sowjetunion bis zur Zerschlagung des Nazi-Regimes. Die Drastik wird durch den dargestellten Heldenmut gemildert – und vielleicht dient ja das Heroische seit je vor allem zum Trost der Hinterbliebenen. Goldene Inschriften sind auf jedem Sarkophag eingraviert, Sätze von Stalin, die von "grenzenloser Tapferkeit", von "Standhaftigkeit", der "Kunst zu siegen" der Soldaten erzählen, die millionenfach im Kampf gegen die Deutschen den Tod fanden. Zur etwas heiklen Ambivalenz dieses Ortes zählt, dass im berechtigten Anliegen, der Gefallenen zu gedenken und den Humanismus zu predigen, sich gleichzeitig ein Massenmörder ein Denkmal gesetzt hat.

Die Sowjetunion hat erstaunlich großen Wert darauf gelegt, sich sofort nach ihrem Sieg geschichtspolitisch zu verewigen – es ist eine der monumentalsten von all diesen Stätten in Berlin und Ostdeutschland, die gleich nach Kriegsende in Angriff genommen worden sind, als habe es nichts Dringenderes zu tun gegeben. In Treptow hat sie der damals berühmte Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch konzipiert, der in Wolgograd und Kiew noch weitaus wuchtigere Monumente errichten ließ.

An diesem seltsamen Ort hat das untergegangene Sowjet-Imperium unbeschadet überlebt. Wer hier hinfährt, begreift, dass es sich als ewige Macht dachte, und weiß, dass es nur die paar Jahrzehnte existierte. Weniges berührt doch mehr als etwas Stolzes, das zerbrach.
Adam Soboczynski

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7. Balzer Herrgott

Wenn ich an Denkmälern vorbeigehe, packt mich der Vergänglichkeitsrausch. Er speist sich aus der Gewissheit, dass ich in 50 Jahren nicht mehr sein werde (muss). Schillers und Goethes Denkmäler werden aber noch da sein – am selben Ort und in vielleicht noch größerer Einsamkeit. Diese über ihre Zeit hinausragenden Gestalten haben etwas zutiefst Verlorenes. Anders ist es, wenn ich im Schwarzwald, zwischen Wildgutach und Neukirch, zum Balzer Herrgott gehe. Mit diesem Denkmal verbindet mich etwas: die Hinfälligkeit. Der Balzer Herrgott ist eine in eine Buche eingewachsene Christusfigur, die seit einem Jahrhundert mit dem Baum kämpft. Zahlreiche Legenden drehen sich um die Frage, woher die Figur stammt und wer sie am Baum befestigt hat, von dem sie halb verschlungen wurde. Zwischen den Weltkriegen, heißt es, seien noch die Lenden des Christus frei gewesen, nach dem Krieg war sein Rumpf bis zur Brust überwallt. Heute sieht man noch seinen zur Seite geneigten Kopf und die Halsgrube, der Rest der Gestalt ist umschlossen, wobei das Holz, welches das Gesicht hält, wie ein Kragen oder ein gewaltiges Geschlechtsteil erscheint. Das Kunstwerk könnte in einigen Jahrzehnten völlig verschwunden sein. Man steht davor und denkt, womöglich sei im Inneren aller Dinge Gottes Gesicht zu sehen und nur hier, im tiefen Schwarzwald, habe er vorerst darauf verzichtet, es zu bedecken.
Peter Kümmel

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8. Stummfilmkino

Das Kinopublikum ist verunsichert, neue Technologien machen der alten Aufführungsform Konkurrenz. Eine Nachricht von heute? Nein, diese Klage ist über neunzig Jahre alt. Damals, in den späten Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, begann der Siegeszug des Tonfilms, der den Stummfilm abzulösen drohte. Kein Mensch, so schien es, brauchte künftig noch ein Lichtspieltheater mit Live-Orchester und Hauskomponist. Heute sind es die Streamingdienste, die das Kino bedrohen und ihm das Publikum abspenstig machen. Wie die Zukunft des Kinos aussieht, wenn Filme sofort und überall verfügbar sind? Keiner kann’s sagen.

Das Berliner Kino Babylon scheint zu wissen, wie man in diesen Zeiten überleben kann – mit Stummfilmkonzerten. Vor Kurzem hat das Traditionskino am Rosa-Luxemburg-Platz ein eigenes Orchester gegründet und antwortet auf die digitale Revolution von heute mit den ästhetischen Mitteln von gestern. Unter künstlerischer Leitung des Komponisten und Pianisten Hans Brandner zeigt das Babylon die klassischen Meisterwerke, Panzerkreuzer Potemkin, Nosferatu, Rosita, Metropolis oder auch Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, alle mit Originalmusik. Der Ort dafür ist ideal. Das Babylon ist einer der letzten erhaltenen Stummfilmpaläste Europas, und demnächst steht auch die prächtige Orgel frisch restauriert wieder zur Verfügung, bespielt von Anna Vavilkina, der einzigen Kino-Organistin Deutschlands mit Festanstellung. Die (fast immer ausverkauften) Aufführungen sind von faszinierender Intensität, denn dem Dirigenten Marcelo Falcão und seinen Musikern gelingt etwas Wunderbares: Sie schaffen eine magische Zone zwischen Film und Publikum. Die Live-Musik ist keine akustische Illustration, sie untermalt nicht bloß das stumme Sprechen. Nein, die Musik ist das Lebendige; sie vitalisiert die gefrorene Gestik der Bilder, sie durchdringt den stummen "Text" der Expression und macht ihn gegenwärtig. Die Aufführung der Stummfilme bekommt dadurch etwas Theaterhaftes, als sei sie Kino und Bühne zugleich.

Neu im Programm ist Paul Czinners Fräulein Else, ein Stummfilm nach der Novelle von Arthur Schnitzler, mit dem am 11. April 1929 das Babylon eröffnet wurde. Für dieses Werk existiert keine eigene Komposition; Hans Brandner und Marcelo Falcão haben den Film auf Grundlage von Hans Erdmanns Handbuch der Film-Musik im Stil der Zeit neu vertont. Wie soll man das nennen? Es ist weder Remix noch Rekonstruktion, es ist Neues aus Altem – es ist Kunst.
Thomas Assheuer

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9. St. Katharinen

St. Katharinen in Hamburg © Axel Heimken/dpa

Licht, Wasser, Wort und Musik, das sind die Wirkstoffe jener Schönheit in Rot, die am Hamburger Zollkanal, im Sand der Elbmarsch steht und selbst bei steigender Flut nicht umfällt, was an sich schon erstaunen kann: St. Katharinen, eine der fünf Hamburger Hauptkirchen. Es heißt, ihr Turmschaft aus dem 13. Jahrhundert sei das älteste Bauwerk der Stadt, das aufrecht steht, in Hamburg ist halt viel Historisches umgefallen, und weniges war wirklich alt. St. Katharinen aber, die Wucht aus Backstein, ursprünglich Kirche der Seeleute, steht wind- und wasserfest gegenüber der Speicherstadt, wo früher einmal Elbinseln Grimm, Cremon, Wandrahm oder Kehrwieder hießen – Wortklanginseln. Nun tragen die Straßen, die St. Katharinen umgeben, diese Namen. Die Kirche wurde ein aufgeklärt heller Ort, was auch an der Orgel liegt, die schon der durchreisende Johann Sebastian Bach gern über Stunden spielte und die endlich restauriert werden konnte, gut 70 Jahre nachdem die Bomben sie 1943 zerstört haben. So ist Katharinen wieder zu einem Klangkörper geworden, in dem auch die Stille hell klingt. Aus Licht ist die Kirche, weil ihre Pfeiler, strahlend weiß, im ebenso frisch geweißten Mittelschiff auf eine Höhe von 29 Meter hochstreben. Mag sein, dass die etwa gleichaltrige Kathedrale von Chartres in ihrer Mitte noch fast sieben Meter höher strebt. Aber steht sie am Wasser?
Elisabeth von Thadden

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