Als Francis Fukuyama 1989 das Ende der Geschichte verkündete, da verschwanden mit der großen Geschichte auch die vielen kleinen Geschichten. Wo die westliche liberale Demokratie triumphiert hatte, da gab es fortan auch ein Narrativ, in dem die Geschichte derjenigen, die unterlegen waren, nur insoweit Platz finden konnte, als sie im Laufe der Zeit selber zu Opfern der Geschichte geworden waren. Wer als politisch verfolgt, gesellschaftlich marginalisiert oder als literarisch unerwünscht galt, konnte damit rechnen, im Chor der Stimmen auf Resonanz zu stoßen. Er musste aber auch damit leben, dass die Geschichte, die er eigentlich erzählen wollte, immer nur wieder von ihrem Ende – und also von ihrem notwendigen Scheitern handeln konnte. Hegels Rede von der Wirklichkeit als der "Schädelstätte des absoluten Geistes" schien sich bewahrheitet zu haben: Am Ende der Geschichte thront der Geist auch noch über seiner eigenen Erinnerung, die sich jetzt als dröge Knochenlandschaft unter ihm erstreckt.

Doch so wenig, wie die Geschichte 1989 an ihr vorläufiges Ende gekommen ist, so wenig haben solche Lebensgeschichten, die von Anfang an quer zu ihr standen, aufgehört, nach einer Erzählung zu verlangen. Neu im dreißigsten Jahr nach dem Mauerfall ist allerdings, dass es längst nicht mehr nur um Korrekturen, Verschiebungen, Differenzierungen im ohnehin schon umkämpften und vielseitig ausgeleuchteten Erinnerungsbild "DDR" geht. Unter dem emotionalen Druck, unter den die Demokratie im Jahr der Europawahl nicht nur in Deutschland gerät, wird der Epochenumbruch 89/90 über den Kreis ehemaliger Oppositioneller hinaus plötzlich als ungenutzte historische Chance wahrgenommen und selbstbewusst auf Impulse und Potenziale geprüft. Geschlechtergerechtigkeit, Migrationsfragen, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz – alles schon einmal da gewesen, alles nicht neu: Konzepte, die im Neuen Forum und anderen Bürgerbewegungen vorgedacht wurden. Damit rückt in das bestellte erinnerungspolitische Kraftfeld von Fortschritts-, Arrangement- und Diktaturgedächtnis eine neue Erzählung: der ostdeutsche Umbruch als europäische Utopie.

Während des dreitätigen Festivals "Palast der Republik – Kunst, Diskurs & Parlament" war dazu unlängst im Haus der Berliner Festspiele die Installation Sturzlage zu sehen. In einem Abstellraum, der zu den Räumen der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin-Pankow gehört, hatte die Berliner Kunsthistorikerin Gabriele Dolff-Bonekämper die Tische und Stühle vom Zentralen Runden Tisch wiedergefunden.

Von dort, unweit des Ortes, an dem ab Ende 1989 Vertreter von Oppositionsgruppen mit der Regierung der DDR um die gewaltfreie Fortsetzung der im Herbst begonnenen Revolution rangen und um die Vorbereitung erster freier und demokratischer Wahlen, gelangten die Sitzungsstühle – noch mit Staub und Spinnweben überzogen – in das Festspiele-Haus im Berliner Westen. Über die Jahre hatten sie sich von einer Lagerkonstruktion in eine vorzeigbare Skulptur verwandelt.

Die Möbel, die aus der Versenkung wiederaufgetaucht waren, stehen sinnbildlich für den politischen Erfahrungsschatz, der in den Erzählungen von Mauerfall und Wiedervereinigung gern verschwindet. Als materielle Hinterlassenschaft einer historisch denkwürdigen Tafelrunde sind sie weit mehr als Relikte einer politisch turbulenten Zeit. Sie symbolisieren, mit Freud gesprochen, das "innere Ausland", das die um 89/90 zirkulierenden Gesellschaftsentwürfe bis heute geblieben sind. Dass der ostdeutsche Verfassungsentwurf im April 1990 ungelesen auf dem Runden Tisch liegen blieb, "statt ihn zum Anlass zu nehmen, aus dem im Prinzip bewahrenswerten Grundgesetz jene vom deutschen Volk in freier Entscheidung zu beschließende Verfassung zu machen, die sein Paragraph 146 fordert", konnte schon der Soziologe Wolf Lepenies nicht verstehen, als er Anfang der Neunzigerjahre das bundesrepublikanische business as usual auf die paradoxe Formel von der "Folgenlosigkeit einer unerhörten Begebenheit" brachte. Rund um Opposition und Bürgerbewegungen geht es dem neuen Utopiegedächtnis um Formen des Protests und der Demokratie, um gesellschaftspolitische Gegenentwürfe und utopische Realitäten. Aus der Sicht derer, die dadurch hoffen, auch ein Stück geschichtlicher Deutungshoheit zurückzugewinnen, sollen sie heute wieder aktuell und brauchbar sein: Alltagswiderstand und dissidente Kulturproduktion, oppositionelle Frauen-, Friedens- und Umweltgruppen, Initiativen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender in der DDR.

Im Unterschied zum ohnehin nur noch in den Netzwerken der alten Kadereliten vor sich hin existierenden Fortschrittsgedächtnis denkt das Utopiegedächtnis die DDR von ihrem Ende her. Folgt man dem Kuratorenteam um den Festspiele-Intendanten Thomas Oberender, geht es den neuen Erinnerungslandschaften darum, nach den "progressiven Impulsen" der Revolution im Osten zu fragen, um sie mit den "aktivistischen, demokratieverteidigenden Kräften von heute" in Europa zusammenzubringen. Schon ist, wie während der Festivalwoche "Comrades, I Am Not Ashamed of My Communist Past" am Theater Hebbel am Ufer zu hören war, von einer "Aufarbeitung der Aufarbeitung" die Rede.

Theodor W. Adorno hatte 1959 unter dem Titel: "Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?" einen später berühmt gewordenen Vortrag gehalten. Darin zeigt er die Grenzen des nach dem Zweiten Weltkrieg geführten Erinnerungsdiskurses auf. Der Text markiert eine Zeitenwende, widerspricht er doch ausdrücklich jenen Positionen, die nach 1945 am liebsten einen "Schlussstrich" unter eine noch immer höchst lebendige Vergangenheit gezogen hätten. Adorno ließ die alte Bundesrepublik von ihrer Vergangenheit nicht loskommen. "Aufgearbeitet" könne und müsse eine Vergangenheit werden, "bewältigt" werden könne sie – gerade die deutsche – aber nicht.

Die Erzählung vom ostdeutschen Umbruch als europäischer Utopie tappt ganz sicher nicht in diese Falle. Während andernorts die Erzählung von der "wehrhaften Demokratie" wiederauflebt, steht hier zur Debatte, welche Demokratie in den Monaten von Wendehoffnung, Revolutionserfahrung und Vereinigungsjubel eben auch möglich gewesen wäre.

Da aber noch jeder Versuch, von der Geschichte einen "alternativen" Gebrauch zu machen, selektiv ist und instrumentell, entgeht diese Form der historischen Selbstverständigung nicht dem Verdacht, dass sie der Sache, um die es ihr geht, einen Bärendienst erweist. Dem "objektiven Potenzial des Verhängnisses subjektiv entgegenzuarbeiten", setzt die Schwere dessen, wogegen anzugehen ist, "kaum in Bewegung", wie Adorno sagt. "Berichtigungen", so wahr sie sein mögen, blieben "zweideutig". Auch sie schmeckten nach "Propaganda".

Ein Ende des "Empowerment Ost" ist im dreißigsten Jahr des Mauerfalls, in dem in drei ostdeutschen Ländern ein neuer Landtag gewählt wird, nicht abzusehen. Am 1. Juni eröffnet in der Kunsthalle Rostock eine von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Ausstellung über den Palast der Republik. Sie soll das ehemalige Regierungsgebäude der DDR als zentrales Kulturhaus, als Ort der Utopie und Inspiration, als Politikum wiederentdecken: Restaurants, Spreebowling, Ostberliner Nachtleben. Die Europawahl wird dann schon vorbei sein, vielleicht aber auch gezeigt haben, wie dringend die Suche nach neuen Erzählungen ist.