Fünf Geländewagen, vier kleine Rover, sechs US-Flaggen, zwei Golfbälle – und das ist nur der Kleinkram. Die Menschheit hat allerhand auf dem Mond zurückgelassen. Als in der vergangenen Woche die israelische Raumsonde Berescheet beim Landemanöver zerschellte, sind noch einmal knapp 600 Kilo Schrott hinzugekommen. Sie gesellen sich zu ausgebrannten Raketenstufen, abgestürzten Orbitern und alten Landefähren; insgesamt liegen rund 200 Tonnen menschengemachtes Material auf dem Mond herum.

Eine Müllabfuhr fehlt, und die Kräfte der Natur wirken auf dem Mond wesentlich langsamer als auf der Erde. Schließlich gibt es dort mangels Atmosphäre weder Niederschlag noch Wind. Selbst der berühmte Astronautenstiefelabdruck, den Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond am 21. Juli 1969 in den lockeren Regolith genannten Mondstaub gedrückt hat, dürfte wohl noch weitgehend unversehrt erhalten sein. Für Archäologen und Souvenirjäger bietet der Mond also viele dankbare Ziele.

Wie gut sich die menschlichen Hinterlassenschaften tatsächlich erhalten haben, weiß indes niemand, denn keine der historischen Landungsstätten – seien es die der Luna-, Surveyor-, Apollo- oder Chang’e-Missionen – wurde bisher ein zweites Mal besucht. Es existieren lediglich grob gepixelte Aufnahmen der Kameras verschiedener Mondsatelliten. Besonders schön zeigen aktuelle Bilder des amerikanischen Lunar Reconnaissance Orbiters die Orte der sechs Apollo-Landungen. Selbst die jedes Mal aufgestellten Fahnenmasten sind darauf als kleine Punkte zu erkennen.

Wie die menschlichen Hinterlassenschaften heute im Detail aussehen und welche Abnutzungsspuren die ungefilterte kosmische und solare Bestrahlung zur Folge hatte, will das Berliner Start-up PTScientists erstmals mit zwei kleinen Rovern aus der Nähe untersuchen. Die Firma ist aus dem von Google ausgelobten (und 2018 beendeten) Wettbewerb um den Lunar X-Prize für die erste private Mondlandung hervorgegangen. Zwar hat sie die nötigen 100 Millionen Euro für die Archäologie-Mission zum Mond noch nicht zusammen, mit der Produktion ihres Landegeräts hat sie aber schon begonnen und kann dabei auf die Unterstützung von Sponsoren wie Audi und Vodafone sowie auf Kooperationsvereinbarungen mit der deutschen und der europäischen Raumfahrtagentur zählen.

Losgehen soll es im kommenden Jahr, Ziel ist die historische Landestelle von Apollo 17 am Rand des Mare Serenitatis auf der Nordseite des Mondes. Am 14. Dezember 1972 war Gene Cernan dort wieder in die Aufstiegsstufe gestiegen und hatte als vorläufig letzter menschlicher Besucher den Mond verlassen. Zurück blieben das Unterteil der Landefähre, ein Mondauto, eine kleine Forschungsstation, der unvermeidliche Fahnenmast mit US-Flagge und mehr als 34 Kilometer Fuß- und Reifenspuren. Wo sie verlaufen, ist auf den Bildern der Lunar Reconnaissance-Sonde gut zu erkennen.

Rat holen sich die PTScientists für ihre Detailplanung bei dem Astronauten Harrison Schmitt, der ebenfalls mit Apollo 17 auf dem Mond gelandet war. Der Gründer und Chef von PTScientists, Robert Böhme, verspricht: "Wir werden sehr genau darauf achten, dass wir den historischen Ort nicht zerstören."

Schutzmaßnahmen für das kulturelle Erbe im All

Böhme möchte vor allem das fast 50 Jahre alte Mondauto unter die Lupe nehmen. Weil es rund 250 Meter vom Apollo-Landeplatz entfernt zurückgelassen wurde, müssen die beiden Rover der PTScientists nur wenige der alten Spuren kreuzen. Spektralkameras sollen dann Nahaufnahmen zur Erde funken, von Ledergurten, Klebebändern und Plastikteilen an dem Mondauto. Da im Washingtoner Luftfahrtmuseum ein exaktes Duplikat steht, kann der Zerfallszustand der Materialien dann direkt mit dem Originalzustand verglichen werden. "Daraus werden wir eine Menge über die Verhältnisse auf dem Mond lernen", meint Böhme.

Der PTScientists-Chef gehört auch zum Vorstand einer Organisation, die unter dem Namen For All Moonkind alle Landeplätze auf dem Mond und auf anderen Himmelskörpern unter internationalen Schutz stellen will. Das ist bisher nämlich nicht geschehen. Zwar haben 193 Staaten das Unesco-Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt ratifiziert. Es gilt sogar in Nordkorea, Mikronesien oder dem Südsudan, nicht aber auf dem Mond. Denn der gehört zu keinem Staat und ist im engsten Sinn des Wortes extraterritorial: auf der Erde liegt er nicht.

Mit Artefakten vom Mond ließe sich wohl gutes Geld machen. 2017 wurde bei Sotheby’s ein kleiner Beutel versteigert, in dem Neil Armstrong Mondgestein gesammelt und zur Erde gebracht hatte. Fast zwei Millionen Dollar zahlte ein Privatmann dafür. "Wie viel ein Sammler dann wohl für die erste Flagge auf dem Mond zahlen würde?", fragt Michelle Hanlon, die Gründerin von For All Moonkind. Sie fordert alle künftigen Raumfahrtmissionen auf, eine von ihrer Organisation entworfene Deklaration zum Erhalt des kulturellen Erbes im All zu unterschreiben.

Außer den PTScientists hat das bisher noch niemand getan. Das ist vorerst wohl auch nicht nötig. Zwar sind derzeit rund ein Dutzend weitere Missionen zum Mond in Planung, viele von privatwirtschaftlichen Unternehmen. Einen ehemaligen Mondlandeplatz peilt aber keine davon an. Denn alle Apollo-Missionen führten an gut erreichbare, weitgehend flache, geologisch aber ziemlich langweilige Regionen in der Nähe des Mondäquators. Dort will niemand mehr hin.

Inzwischen gelten die Pole des Mondes als weit attraktivere Ziele für die Suche nach interessanten Mineralien und Wassereis – vor allem der Südpol mit seinen tiefen, dauerhaft schattigen Kratern. In seiner Nähe findet sich eine kleine Ebene, auf der sogar eine durchgehend von der Sonne beschienene Mondstation errichtet werden könnte. Ein Anflug ist wegen der zerklüfteten Landschaft allerdings weit komplizierter als im flachen Terrain der großen Mare. Eine weiche Landung hat es deshalb in Polnähe noch nicht gegeben – und damit auch keine schützenswerten Artefakte für künftige Mondarchäologen.