Viele kennen das Abendmahl von Leonardo da Vinci und von Raffael. Doch wie viele Christen und Juden wissen, wo das Motiv herkommt? In Lukas 22 heißt es: "Es kam nun der Tag der süßen Brote, an welchem man musste opfern das Osterlamm." Und Jesus sprach: "Gehet hin, bereitet uns das Osterlamm, auf dass wir’s essen."

Zelebriert wurde an diesem Abend das jüdische Passah-Fest (Pessach), das in diesem Jahr mit dem christlichen Ostern zusammenfällt und auf den gemeinsamen Ursprung verweist. Für Christen beginnt die Leidensgeschichte Jesu, die in der Kreuzigung gipfelt und mit der Auferstehung endet. Die Juden erinnern sich an pharaonische Sklaverei, die Befreiung durch Gottes Hand und die nationale Wiedergeburt ("Auferstehung") im Gelobten Land.

Das "süße Brot" ist die ungesäuerte Matze, die wie ein überdimensionierter Cracker aussieht. Im Christentum ist sie zur Hostie mutiert; sie verkörpert den Leib Christi, "der für euch gegeben wird". Den Wein, der Sklaven verboten war, trinken die Juden, um ihre Freiheit zu feiern. Bei Lukas ist der Wein das "Blut, das für viele vergossen wurde".

Jede neue Religion versucht, die alten Wurzeln zu kappen, sie aber für sich zu nutzen, indem sie die eigenen Motive aufpfropft. Die zwölf Apostel entsprechen den zwölf Stämmen Israels, die 40 Tage Jesu in der Wüste spiegeln die vierzigjährige Wanderschaft der Israeliten. Der eine nahm’s vom anderen, aber beide haben sich bei den älteren Kulturen bedient. Zum Beispiel findet sich ein Urmythos, die Sintflut, im Gilgamesch-Epos, das 3000 v. Chr. entstand.

Zieht man den Monotheismus von Ostern/Pessach ab, zeigt sich ein Frühlingsfest, das in die Urzeit der Menschheit zurückgeht. Das Ei, das im christlichen wie jüdischen Brauch auftaucht, ist ein Fruchtbarkeitssymbol. Die grünen Kräuter beim Pessach-Mahl und die Ostersträuße stehen für die wiedererwachte Natur. Das Opferlamm sollte die Götter schon immer gnädig stimmen. Johannes (1, 30) sagt über Jesus: "Seht, das ist Gottes Opferlamm, das die Sünde der Menschen wegnimmt." Die Israeliten schlachteten das Lamm auf Gottes Geheiß. Mit dem Blut sollten sie die Türpfosten bestreichen, damit der Todesengel, der Ägyptens Erstgeborene schlug, an ihren Häusern vorbeigehe.

Heiden, Juden, Christen – verschiedene Mythen, gleiche Muster, die dem ewigen Rhythmus der Natur entwachsen. Diese erwacht aus ihrem totenähnlichen Schlaf und bricht die Herrschaft der Dunkelheit, die aufsprießende Saat verkörpert den Sieg des Lebens über den Tod, die Wiederauferstehung. Für Juden und Christen verdichten sich ihre Frühlingsrituale zum Befreiungs- und Erlösungsmythos.

In Epheser 1 heißt es: "In ihm (Jesus) haben wir die Erlösung durch sein Blut." In Exodus erlöst Gott die Kinder Israel, obwohl die nicht immer dankbar waren – ein "hartnäckiges" Volk, das ständig "murrte" und an die Fleischtöpfe Ägyptens zurückkehren wollte. Hier zeigt sich ein zutiefst weltliches Motiv: Die Freiheit ist kein Geschenk, sondern muss immer wieder erkämpft werden. In diesem Sinne war der Auszug der erste Befreiungskrieg.

Zum Schluss noch eine hochaktuelle Botschaft. In Exodus 23 steht die Ermahnung: "Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen." Diese Verpflichtung gilt für alle – ob Juden oder Christen, gläubig oder nicht.