"Im Dazwischen liegt ein Versprechen" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Stamm, als Sie im Januar 1963 im Spital Münsterlingen auf die Welt kamen, sahen Sie als Erstes den Bodensee.

Peter Stamm: Er war gefroren.

ZEIT: Erinnern können Sie sich wohl kaum daran.

Stamm: Nein, aber meine Mutter hat erzählt, dass eine Krankenschwester mich hochgehoben und ans Fenster gehalten habe. Sie erzählte mir diese Geschichte später immer wieder.

ZEIT: Was sind Ihre ersten bewussten Erinnerungen an den Bodensee?

Stamm: Er war für mich schon als Kind wichtig und später auch als Jugendlicher.

ZEIT: Aufgewachsen sind Sie aber in Weinfelden, also hinter dem Seerücken. Woher kommt dieser starke Bezug zum See?

Stamm: Mein Vater hatte ein kleines, selbst gebautes Segelschiff am Bodensee. Damit waren wir relativ viel auf dem See. Und Wasser ist mir sehr nahe. Als Fluss, als See, sogar als Regen.

ZEIT: Heute leben Sie als Schriftsteller in Winterthur, kehren aber regelmäßig zum Schreiben an den Bodensee zurück.

Stamm: Ich gehe immer wieder nach Gottlieben ins Thurgauer Literaturhaus, dort kann man sich günstig einmieten. Das letzte Mal war ich vor ein paar Wochen dort.

ZEIT: Wie ist der See im März?

Stamm: Er war kalt, hatte gerade mal sechs Grad. Aber in zwei Monaten ist er 15 Grad wärmer. Was da für Energiemengen umgewälzt werden, und wenn er gefriert, was da für eine Eismasse entsteht. Das ist beeindruckend!

ZEIT: Ich habe gelesen, Sie hätten sogar vor einigen Jahren einen Bodensee-Sticker auf Ihr Auto geklebt.

Stamm: Der klebt dort bis heute. Das finde ich eben so schön am Thurgau: Wir haben bei uns im Quartier einen Bündner, bei dem steht groß auf der Heckscheibe "Echter Bündner". Meinen Bodensee erkennt nur, wer ihn kennt. Alle anderen halten ihn für einen Rostfleck.

ZEIT: Was bedeutet Ihnen der Bodensee?

Stamm: Als Kind fand ich ihn immer etwas langweilig. Wir liefen endlos am Ufer entlang und sahen kaum etwas, weil überall Schilf wuchs. Einige Dörfer, wie zum Beispiel Ermatingen, wenden sich vom See regelrecht ab. Die deutsche Seite ist viel stärker bebaut. Für die Deutschen ist der Bodensee halt viel wichtiger als für uns. Die haben kaum größere Seen im eigenen Land. Ich kenne Leute aus Frankfurt, die am Bodensee in die Ferien gehen.

ZEIT: Das würden Schweizer nicht tun?

Stamm: Nein, die fahren vielleicht sonntags mit dem Velo einmal rundherum. Weil es angenehm flach ist.

ZEIT: Der Bodensee, der Thurgau, generell Landschaften tauchen in Interviews mit Ihnen immer dann auf, wenn es um Heimat geht. Wie kommt das?

Stamm: Ich hatte Landschaften schon immer gerne, war immer sehr gerne draußen, bis heute. Und ich bin davon überzeugt: Es prägt einen, wo man aufgewachsen ist. Ob im Thurgau, im Glarnerland oder am Zürichsee. Das formt den Charakter aus.

ZEIT: Das geografische Sein prägt das Bewusstsein?

Stamm: Ja. Die Landschaft und das Klima sind wichtige äußere Einflussfaktoren.

ZEIT: Wie würden Sie also die Bodenseelandschaft und ihre Bewohner beschreiben?

Stamm: Der Begriff der "ungefähren Landschaft" kommt früh in meinen Büchern vor. Der Thurgau ist nicht urban, ist aber auch nicht ländlich. Es ist nicht viel los, Frauenfeld, die Kantonshauptstadt, hat nicht einmal 20.000 Einwohner. Die Landschaft verläuft sich, ist irgendwie diffus. Und von den Thurgauern sagt man, sie seien launisch. Man weiß nicht so recht, woran man bei ihnen ist.

ZEIT: Das Studio Basel der ETH Zürich rund um die Stararchitekten Herzog & de Meuron sprach von einer "stillen Zone".

Stamm: Das trifft es gut.

ZEIT: Was macht das mit den Leuten, die in dieser Landschaft leben?

Stamm: Ein Beispiel: Alle Berner, die ich kenne, haben sicher 20 Bücher über Bern. Über die Berner Mundart, den Berner Gring, die Berner Küche. Ich kenne niemand, der ein Buch über den Thurgau hat. Außer jenes, das man bei der Jungbürgerfeier erhält.

"Konstanzer sind mir näher als die Bündner"

ZEIT: Ich las irgendwo den lakonischen Satz von Ihnen: "Ich bin halt ein Thurgauer, wir sind nicht so schwierige Leute."

Stamm: Kennen Sie das Thurgauerlied?

ZEIT: Nein.

Stamm: (summt) "O Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön, wie bist du so schön! Dir schmücket der Sommer die Täler und Höhn!" Im zweiten Teil des Lieds ist der Text nur noch "Trallala, trallala, trallalallalala ..." Es gibt nicht mehr zu sagen über den Thurgau: eine schöne Landschaft, that’s it!

ZEIT: Als Kanton könnte man deshalb einem kulturellen Minderwertigkeitskomplex verfallen.

Stamm: Nein, denn dafür müsste man sich stark mit sich selber beschäftigen. Die Thurgauer machen aber einfach.

ZEIT: Wer einfach macht, dem fehlt häufig der weite Blick.

Stamm: Ich weiß nicht, ob das stimmt. Im Grenzkanton Thurgau sehe ich eher als in Zürich das Bewusstsein, dass es noch eine Welt jenseits der Schweiz gibt – und Konstanz ist nun mal schöner als Kreuzlingen.

ZEIT: Wie haben Sie diese Grenzen persönlich geprägt?

Stamm: Die Konstanzer sind mir bis heute näher als die Berner Oberländer oder die Bündner. Ich mag Grenzen, vor allem dieses Niemandsland dazwischen. Wenn man mit dem Zug fährt, wird er, je näher die Grenze kommt, umso leerer. Bevor er sich, hinter der Grenze, nach und nach wieder füllt.

ZEIT: Was gefällt Ihnen daran?

Stamm: In diesem Dazwischen liegt ein Versprechen: Hier kann man weg, irgendwo hin. In Konstanz ist Hamburg gefühlt viel näher als in Winterthur.

ZEIT: Obschon Ihnen Landschaft so wichtig ist, beschreiben Sie sie in Ihren Büchern nur sehr wohldosiert, wieso?

Stamm: Ein Kritiker schrieb mal, ich würde Landschaft evozieren. Das hat was. In meinem Roman Ungefähre Landschaft liegt die Landschaft in den Leuten: wie sie sich bewegen, wie sie sich verhalten. Ich nehme ja selber die Landschaft auch nicht wahr, indem ich sie beschreibe, sondern indem ich in ihr bin. Das versuche ich auch in meinen Texten und reproduziere im besten Fall in den Lesern dieses Gefühl.

Konstanzer sind mir näher als die Bündner

ZEIT: Sie sagten mal, Heimat sei die Landschaft im Umkreis von zehn Kilometern um den Ort, wo man geboren wurde. Wie kamen Sie darauf?

Stamm: Das ist die Strecke, die man zu Fuß in einer vernünftigen Zeit zurücklegen kann.

ZEIT: Gilt diese Definition noch heute?

Stamm: Obschon die Leute viel unterwegs sind, haben sie noch immer einen kleinen Heimatradius. Wir waren zu Hause vier Geschwister, drei davon arbeiteten im Ausland. Aber als wir zurückkamen, sind wir alle wieder in die Nähe des Thurgaus gezogen: nach Frauenfeld, St. Gallen, Zürich und Winterthur.

ZEIT: Nur wegen der Landschaft?

Stamm: Auch wegen des Dialekts. Wenn ich als Thurgauer in Bern lebe, hört man mir das ein Leben lang an. Ich bin dort nicht daheim.

ZEIT: Aber es gibt Berner, die im Thurgau leben.

Stamm: Immer, wenn ich eine Bernerin im Thurgau antreffe, ist sie wegen des Partners umgezogen. Freiwillig würde das niemand machen! (lacht)

ZEIT: Eint der Dialekt auch die Menschen rund um den Bodensee?

Stamm: In Konstanz verstehen die Deutschen die Schweizer besser, wenn sie Schweizerdeutsch statt Hochdeutsch sprechen. Und ein Filmemacher sagte mir mal: "Die Alemannen sind die Kurden Europas. Ein Volk ohne Land." Das fand ich dann etwas übertrieben.