Wie militarisiert man eine unschuldige Seele? Wie macht man aus aufgeweckten Kindern bösartige Gotteskrieger? Oder dies: Wie gelingt es rechten Eltern in Deutschland, ihre Kinder zu Hassern und Hetzern zu erziehen?

Zwei Dokumentarfilme widmen sich der Frage, wie Eltern ihre Kinder radikalisieren und ihren fundamentalistischen Wahn an die nächste Generation weitergeben. Sie spielen in unterschiedlichen Erdteilen, man kann sie kaum vergleichen – und kommt aufgrund ihrer strukturellen Ähnlichkeit doch nicht umhin, dies zu tun. Of Fathers and SonsDie Kinder des Kalifats läuft seit einigen Wochen in den Kinos und zeigt den syrischen Rebellenführer Abu Osama, wie er seine acht Söhne zu Gotteskriegern abrichtet, wie er Hassgift in den Kinderseelen einlagert und sie für den "Pfad des Todes" präpariert. Der Film Kleine Germanen besteht im Hauptteil aus einer comicähnlichen Animation und handelt davon, wie rechte Eltern ihre Zöglinge zwar nicht zu Killern, wohl aber zu völkischen Kämpfern erziehen, "zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl". Der Feind ist bei den Dschihadisten wie bei den Völkischen derselbe: Es ist die westliche Dekadenz, es ist der Liberalismus, es sind Jeans, Pop und Comics. Und Amerikaner.

Die wichtigste Mission, die die Kinder im Marschgepäck haben, ist der Kampf um religiöse beziehungsweise um kulturelle Hegemonie. Während die Dschihadisten der Al-Nusra-Front fürs Kalifat bomben, träumen die deutschen Rechten vom rassereinen Führerstaat, denn "Germanen dürfen niemals Sklaven fremder Völker sein. Wer anders aussieht, ist keiner von uns." Einen Unterschied gibt es aber doch: Bei den Kleinen Germanen laufen Heidenkinder durchs Unterholz, sie lesen alte Sagen und himmeln blutrünstige teutonische Götter an; die Dschihadisten-Söhne dagegen beten zum einen Gott. Damit sie dabei Hass auf den Feind empfinden, muss ihr Vater Abu Osama lügen – er muss das islamische Tötungsverbot liquidieren, denn erst dann klingen die Suren, die er seinen Kindern im Dämmerlicht am Bett vorliest, so, wie sie klingen sollen: wie Peitschenhiebe.

Talal Derkis unter Lebensgefahr gedrehtes Werk Of Fathers and Sons ist ein reiner Dokumentarfilm, er wurde mit Preisen überschüttet und auch für den Oscar nominiert. Bei den Kleinen Germanen bildet eine computeranimierte, von Interviews gerahmte Aussteigergeschichte den braunen Faden; die Regisseure Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger erzählen das Schicksal der ehemaligen rechtsradikalen Elsa, die als Kind in die Fänge ihres geliebten Großvaters geraten war. Doch was Liebe zu sein schien, entpuppte sich als Kindesmissbrauch. Opa spielt mit Elsa "Bolschewiken abknallen", und wenn sie im heiligen Krieg "für Führer, Volk und Vaterland" besonders tapfer war, heftet er seiner Enkelin ein SS-Abzeichen an die Kinderuniform. Die Saat geht auf; Elsa nimmt das Gefühlserbe des Großvaters an und heiratet einen Neonazi. Zusammen schlagen sie wahllos Migranten nieder und zünden Heime von Asylsuchenden an. Vor der Polizei haben sie keine Angst. "Aufgeben ist nur was für Feiglinge."

Die soldatische Pädagogik funktioniert deshalb so gut, weil bei den Erwachsenen viel Liebe im Spiel ist. Hingebungsvoll schmust und scherzt Abu Osama mit seinen Söhnen, und dass sie die Namen muslimischer Märtyrer tragen, erfüllt ihn mit patriarchalem Stolz. Auch hier ist es eine perverse Liebe; sie erzwingt eine unentrinnbare emotionale Abhängigkeit und verwandelt Zärtlichkeit in einen Nährstoff für das Böse, für Hass, Verrohung, für all die Lektionen der Grausamkeit. Einmal postiert Talal Derki die Kamera auf den Fußboden, liebevoll spielen die Söhne mit einem kleinen Vogel. Eine Einstellung später liegt dessen Kopf neben dem Rumpf. "Papa, wir haben den Vogel geschlachtet. Wir haben seinen Kopf heruntergedrückt und abgeschnitten – wir haben es genauso gemacht wie du mit dem Mann."