Rainer Bock wirkt in der Großaufnahme wie ein unheimlicher Besucher, dessen Gesicht man durch einen Türspion näher kommen sieht. Er hat eine hohe, runde Stirn, die sein spitzes Profil förmlich überwölbt, sodass die Augen in einem Ganztagesschatten liegen – was es ihm einfach macht, seinem Blick etwas Lauerndes zu geben.

Als junger Mann hat er zu seinem Spiegelbild gesagt: "Mit der Schnauze kannst du doch nicht auf die Bühne." Es war eine Selbsteinschätzung, über die er sich zum Glück hinwegsetzte.

Bock ist das Gegenteil eines Volksschauspielers. Er ist eher: das unvergessliche Gesicht in der Menge. Im Strom der Gestalten, den die weltweite Geschichtenproduktion auf unsere Bildschirme spült, erkennt man ihn immer häufiger. Bei Brian de Palma, Quentin Tarantino, Steven Spielberg, Michael Haneke war er zu sehen. In Serien wie Homeland, Better Call Saul, SS-GB taucht er auf: als Bote von schlechtem Wetter, Ungewissheit, zwielichtiger Intelligenz.

Systeme, die Ordnung stiften, Recht durchsetzen, Gutes bewirken sollen, tendieren dazu, sich selbst zu zersetzen. Und die Menschen, die in solchen Systemen arbeiten, scheinen einen wesentlichen Teil ihrer Energie darauf zu verwenden, einander zu beschatten, zu kontrollieren, zu misstrauen. Einander Angst zu machen.

Der tolle Schauspieler Rainer Bock ist in solchen Zusammenhängen wie zu Hause. Er spielt oft die grauen Faune und Etagen-Eckensteher der Bürokratie, Männer, die immer schon da waren und nur beim Nachnamen genannt werden. Den Typen, die er darstellt, kann es passieren, dass sie von ihrer Karriere nach oben transportiert, aber auch ins Abseits geschoben werden – man kann nämlich zugleich aufsteigen und vertrocknen. Der Bock-Typus ist für seine Kollegen potenziell gefährlich. Er hat alle internen Machtkämpfe überlebt und war immer dabei, und nun stört er. Seine schweigende Zeugenschaft wird den anderen zur Belastung.

Bocks Figuren sind, unter ihrer blassen, von Vitamin-D-Mangel gezeichneten Büro- oder Kasernenhaut, immer wachsam, ja schlaflos. Sie sind weder extramutig noch abgrundböse: Der Umstand, dass wir alle die Nachfahren der Opportunisten, der Schlauen und der Mitgelaufenen sind, ist ihnen anzusehen. Was man auf ihren Gesichtern vor allem anderen erkennt, ist Argwohn.

Wenn Bock an einem Schreibtisch sitzt (das verlangen seine Rollen oft von ihm), wirkt er, als blicke er, aus Gedanken gerissen, von unten auf – ins Auge desjenigen, dessen Akten er soeben studiert hat.

Es gab im deutschen Schwarz-Weiß-Fernsehen der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre eine Tradition des Nachkriegskammerspiels, in dem spröde Männer ihre im "Dritten Reich" aufgelaufenen Konflikte miteinander klären, gleichsam schweigend ins Abrechnen vertieft. Darin hätte Rainer Bock seinen Platz gefunden – neben Männern wie Hans Helmut Dickow, Pinkas Braun, Hannes Messemer, Hans Korte, Horst Tappert, Klaus Schwarzkopf. Auch Bock spielt oft Typen, die sich mit Zahlen, Plänen, Regeln wohler fühlen als im Umgang mit Menschen. Er spielt die Undurchschaubaren, die in einer Bürokratie schlau auf Grund Gelaufenen, die für die Stabilität des Ganzen sorgen, ohne dass sie verhindern könnten, dass das System am Ende auch sie vernichtet. Wenn Bock im Film einen Blick wirft, weiß man: Dies ist der Beginn einer Konspiration. Als frage er sein Gegenüber: Bist du dabei? Gehörst du zu uns oder zu den anderen? Wobei "wir" und "uns" keine Begriffe sind, die Bocks Figuren mit Überzeugung verwenden: Denn es zerfällt ja am Ende der Geschichten, in denen sie mitspielen, jede Menschengruppe zuverlässig in ihre Einzelteile. Von Zusammenhängen bleibt nicht viel übrig.