Seit fünf Jahren wohnt Simone Kermes in Berlin-Mitte. Eine helle Gartenhaus-Wohnung voller Bilder, lustiger Lampen und Stofftiere. Und mit Flügel natürlich. Die Sängerin empfängt im Designer-Minikleid, es gibt Tee und Bio-Kuchen. Vor ein paar Wochen hat Kermes im Berliner Kammermusiksaal mit ihrem Händel-Programm das erste Konzert ihres Lebens selbst veranstaltet. Von dieser Erfahrung ist sie immer noch ein bisschen high.

DIE ZEIT: Frau Kermes, als Sängerin will man doch eigentlich singen und mit dem Rest des Geschäfts möglichst wenig zu tun haben, mit Auslastungszahlen, Kartenpreisen et cetera. Warum haben Sie sich das alles aufgebürdet?

Simone Kermes: Ich hatte keine andere Wahl. Ich wollte dieses Konzert unbedingt singen, in Berlin, und alle Agenturen, mit denen ich sonst zusammenarbeite, haben mich hängen lassen. In Berlin mache man nur Miese, hieß es, Berlin sei arm und keine Sängerstadt. Daraufhin habe ich eben alles selbst gemacht. Ich habe Flyer verteilt und Plakate kleben lassen, ich weiß jetzt, was das Lichtpaket Nummer 3 im Kammermusiksaal beinhaltet und was nicht, ich habe die Gagen meiner Musiker verhandelt und so weiter. Also, ich kenne mich jetzt aus. Und am Ende waren wir zu 80 Prozent ausverkauft! Ich hab’s nicht in den Sand gesetzt.

ZEIT: Hatten Sie schlaflose Nächte?

Kermes: Ja. Als der Verkauf so gar nicht anlaufen wollte. Berlin ist eine sehr späte Stadt, das habe ich gelernt. Und Berlin ist, was die Musik betrifft, immer noch eine geteilte Stadt, es tut mir leid. Wer ins Konzerthaus geht, geht ins Konzerthaus, und wer in die Philharmonie geht, geht in die Philharmonie. Auch die Künstler übrigens! Außerdem hatte ich Angst, dass mich im Konzert meine Emotionen überwältigen würden, dass ich die Organisatorin nicht von der Künstlerin würde trennen können. Das funktionierte aber sehr gut, ich war an dem Abend ganz cool. Mir geht es um die Musik, um Tiefe und Echtheit, ich will ja keine Veranstalterinnenkarriere machen.

ZEIT: Ihre Kollegin Barbara Hannigan singt und dirigiert auf der Bühne, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja geigt und rezitiert und entwirft ihre Auftrittskleider selbst. Warum wollen Frauen im Musikbetrieb ab einem bestimmten Alter alles alleine machen?

Kermes: Was ist die Alternative? Soll ich auf dem Cover meiner neuen Händel-CD aussehen wie die junge Helene Fischer? Das sieht gut aus, gar keine Frage. Aber es hat mit der Sache nichts zu tun, mit dieser Musik. Also mache ich meine eigenen Fotos mit meiner eigenen Fotografin und bezahle die auch selbst. Ich kann nicht anders, ich habe mich immer schon eingemischt.

Ich mit dieser Punkfrisur!
Simone Kermes

ZEIT: Ist die Differenz zwischen Ihren künstlerischen Visionen, auch was das ganze Drumherum betrifft, und dem, was der Markt verlangt, mit der Zeit größer geworden?

Kermes: Nein. Ich musste mein ganzes Leben lang kämpfen, richtig dazugehört habe ich nie. Als Fünfjährige habe ich gesagt: Ich will Sängerin werden. Das hat niemand verstanden, mir hat auch niemand geholfen. Da fing es im Grunde an. Dann an der Hochschule, ich mit dieser Punkfrisur! Und so ging es weiter. Ich war nie kompatibel mit dem Klassik-Betrieb, ich stand immer außer der Reihe. Viele haben Angst vor mir, auch viele Dirigenten. Ich gebe Energie, neue Impulse. Das hat man nicht gern. Die denken, ich bin zu stark – obwohl ich gar nicht stark bin. Ich bin ganz weich, aber ich bin auch ehrlich, und ich will arbeiten.

ZEIT: Das klingt nach genau der Primadonna, die wir uns doch alle wünschen: begabt, entschieden, auch entschieden exzentrisch und in der Kunst unbestechlich.

Kermes: Ich sehe doch, was passiert. Selbst die Künstler an der Spitze sind nicht frei, die sind Getriebene ihrer Agenturen. Der Druck ist immens, und oft wird er direkt an die Stimmbänder weitergegeben, und dann sind diese Leute kaputt. Und in den Levels darunter macht sowieso niemand den Mund auf. Da ist man abhängig und hat Angst, seinen Vertrag oder die nächste Rolle zu verlieren, sobald man sich querstellt. Im Grunde fängt das im Studium an. Ich habe jetzt ein paar Meisterklassen gegeben, das war toll, aber an einer Hochschule würde ich sterben. Das sind Selbsterhaltungsbetriebe, da wird ausgebildet und ausgebildet – und niemand sagt den Studenten die Wahrheit. Niemand übernimmt die Verantwortung, auch wenn klar ist: Das wird nie etwas, da ist zu wenig Stimme, zu wenig Talent, zu wenig Musikalität. Schlimm. Und die deutsche Musikkultur wird sowieso nirgends gefördert.

ZEIT: Die deutsche Musikkultur?

Kermes: Das ist jetzt vielleicht politisch nicht korrekt, so etwas zu sagen, aber ich würde gerne für den deutschen Sängernachwuchs etwas tun. Für den deutschen Stil, den man braucht, um Händel richtig singen zu können oder Mozart. Das wird total vernachlässigt. Die Internationalisierung hat einen hohen Preis. Alle sollen alles können – und keiner kann mehr etwas richtig. Hier geht es nicht um Nationalismus oder Ausgrenzung, hier geht es um ein Kapital! Händel war Europäer, er hat als Deutscher in der Welt Fuß gefasst. Wir müssen wieder genau in die Noten schauen. Wir machen so viel falsch! Wagner zum Beispiel ist nicht laut und fett, Wagner war Belcantist, er sollte so transparent klingen wie Bellini und absolut textverständlich sein.