ZEIT: Sind Sie in Ihrem künstlerischen Leben für Ihre Offenheit und Direktheit auch belohnt worden?

Kermes: Ja, jetzt. In diesem Berliner Konzert zum Beispiel, ich hätte nie gedacht, dass mir an einem Abend so viel Zuneigung entgegenschlagen kann. Manchmal denke ich, ist doch toll, dass ich es geschafft habe, mich so lange nicht zu verbiegen. Es nicht den anderen recht zu machen, sondern mir. Mit meinen Projekten. Alles, was ich gemacht habe, bin ich selbst. Das ist auch mein Erfolgsrezept: Wenn ich meine Individualität aufgegeben hätte, wäre ich eine unter vielen gewesen. Mein Bruder war unlängst bei mir im Konzert, in Dresden im Kulturpalast. Mein Bruder ist ein einfacher Mensch, er war Kranführer und hat mit klassischer Musik nichts am Hut. Der hat hinterher in seinem Sächsisch gesagt: Mensch, ich versteh das nicht, die Simone, die müsste doch viel bekannter sein als die Russin, die alle so toll finden.

ZEIT: Anna Netrebko?

Kermes: Prominenz ist für mich aber nicht wirklich wichtig! Ich bin gerade total glücklich, denn ich kann alles alleine machen. Und wissen Sie was? Endlich weiß ich auch, warum ich einmal Facharbeiterin für Schreibtechnik und staatlich geprüfte Sekretärin gelernt habe! Ist das nicht verrückt? Jetzt, mit diesem Konzert, schließt sich ein Kreis! Ich kann das alles, was ich da machen musste. Ich kann Verträge aushandeln, ich kann mein Orchester Amici Veneziani als GmbH führen, ich weiß, wie Abrechnungen gehen, und ich bin gut im Organisieren. Mit anderen Worten: Ich lasse mich von anderen nicht länger benutzen und aussaugen. Ich bin ein Mensch, der leider sehr leicht ausgesaugt wird, beruflich wie privat. Damit ist jetzt Schluss. Und das macht mich froh.

Teodor Currentzis ist ein Vampir, er verlangt alles von dir.
Simone Kermes

ZEIT: Sie haben vor ein paar Jahren sehr intensiv mit dem Dirigenten Teodor Currentzis zusammengearbeitet, an einem Mozart-Zyklus. Das hörte dann plötzlich auf. Warum?

Kermes: Currentzis ist genau so ein Fall. Er ist ein Vampir, er verlangt alles von dir. Spirituell sind wir nach wie vor verbunden. Als ich mich taufen ließ, hat sein MusicAeterna-Chor gesungen, und es gab eine Prozession. Das werde ich nie vergessen. Ich habe mich beim Singen nicht mit dem Universum verbunden gefühlt, deswegen die Taufe. Ob ich mit Currentzis noch Musik machen könnte, weiß ich nicht. Ich möchte nicht mehr sechs Wochen lang in Perm sitzen ...

ZEIT: ... am Ural, wo er ein Opernhaus leitet ...

Kermes: ... und 13 Stunden am Tag proben müssen. Genau das meine ich: Es ist wichtig, mit Leuten zu arbeiten, die einem guttun. Die Freude haben an der Musik. Die nicht neidisch sind, wenn ein anderer mal mehr Applaus bekommt als sie selbst, die nicht interessiert sind an Intrigen, die überhaupt nicht dauernd gucken: Was macht der oder die? Das ist eine große Krankheit in unserem Geschäft. Man vergleicht sich permanent, man ist dauernd dem eigenen Marktwert auf der Spur oder den Charts. Der Mensch vergisst sich darüber völlig. Ich habe viel Kraft, viel Energie, aber das macht mich müd’, auf Dauer. Ich finde nämlich schon, dass es in der Musik vor allem um den Menschen geht.

ZEIT: Können Sie Kompromisse machen?

Kermes: Früher sehr oft, ja. Heute immer schlechter. Ich möchte das auch nicht mehr, wie gesagt. Aber natürlich muss ich leben, und ich darf es mir auch nicht mit allen verscherzen. Ich plane gerade meine nächste CD, Barockmusik mit zwei Weltersteinspielungen und vier Neukompositionen, speziell für mich geschrieben im barocken Stil. Unsere Basis liegt im Barock, sage ich immer, bis hin zur Popmusik. "Todsünden und Tugenden" soll das Thema sein, perfekt für die chaotische Zeit, in der wir leben. Doch was, wenn das Budget immer knapper wird? Selbst ich als Exklusivkünstlerin von Sony spüre das sehr stark. Die Investitionen der Plattenfirma richten sich nach den Verkaufszahlen der letzten CD, so viel wird dann in die nächste Aufnahme gesteckt. Ohne finanzielles Risiko, ohne Eigenverantwortung und ganz viel Idealismus funktioniert gar nichts.

ZEIT: Ist Alter für Sie ein Thema? Sängerinnen werden im Beruf nicht so alt wie Dirigenten oder Pianisten.

Kermes: Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich fühle mich heute besser als vor zehn oder 15 Jahren, auch stimmlich! Ich mache meine eigene Show, das gibt mir eine Freiheit, die ich nicht kannte. Ich bin mit mir im Reinen und singe meine hohen D, E und F! 30 fand ich eine furchtbare Zeit, 40 war auch nicht viel besser. Und was das Aufhören betrifft: Ich denke, man merkt selbst am besten, wenn es so weit ist.

ZEIT: Das sagt Placido Domingo mit fast 80 auch. Er hat sogar die Stimmlage gewechselt, um weitersingen zu können, vom Tenor zum Bariton.

Kermes: Ganz ehrlich? Viele wollen es einfach noch wissen, sie leben von der Aufmerksamkeit. Man brennt in diesem Beruf. Er beschert einem Momente, die hat man im normalen Leben nicht, und das macht schon süchtig. Aber man muss auch gönnen können, den Jungen gegenüber. Das hat viel mit Demut zu tun, mit Gutherzigkeit. Solange ich liebe, kann ich gut loslassen.