Vielleicht ist unsere Debattenkultur, die seit den 68ern auf robuster und offener Diskussionslust, auf Konfrontation und Provokation beruht, tatsächlich ein Auslaufmodell. Der neue Mensch ist deutlich sensibler, er hat ein feines Sensorium für Diskriminierung, für Belange von Unterdrückten, und er findet es zumindest diskussionswürdig, dass bislang weithin akzeptierte Kunstwerke entfernt werden, da sie von einer bestimmten Gruppe als verletzend empfunden werden. Er hält es auch nicht für empörend, wenn missliebige Diskutanten von Universitäten wieder ausgeladen werden. Er hält es, ganz im Gegenteil, für sehr wünschenswert, wenn an Theatern klargemacht wird, dass Personen einer bestimmten Gesinnung keinen Zutritt erlangen sollen. Von der Sensibilisierung in allzu menschlichen, in sexuellen Angelegenheiten ganz zu schweigen. Hier ist man vom zielstrebigen Draufgänger als Männerideal doch etwas abgerückt.

Das alles ist nicht wertend gemeint. Man muss auch nicht gleich von Hysterikern oder Fanatikern einer Meinungsdiktatur sprechen. Es ist nicht der Staat, der mit der Gedankenpolizei anrückt, es sind die Gesellschaft und ihre Öffentlichkeit, die ganz selbstständig an der Verfeinerung von Sitten und den bislang üblichen, breitbeinigen Gebräuchen arbeiten. Rustikale Karnevalssitzungen, Macho-Getue, Witzigkeiten auf Kosten von Minderheiten oder Frauen sind aus der Mode gekommen, und wo noch nicht, da werden sie lebhaft beklagt. Nicht, dass es nicht auch berechtigte Kritik an den so hohen Ansprüchen der braven neuen Welt gibt: Die Hypokrisieanfälligkeit ist mit Händen zu greifen, der Klassencharakter evident, die Politisierung von Alltäglichkeiten anstrengend, die Praxis triumphiert nicht selten über die hehre Theorie, und man könnte sich wohl auch zu Recht fragen, ob die Sittlichkeitsforderungen der Millennials so progressiv sind wie immer behauptet. Verschärfte Appelle ans gute Benehmen, an Disziplin und Sprachnormen waren schließlich immer eine Bastion der Konservativen, von denen viele wiederum seit einiger Zeit kein Problem damit haben, einen Präsidenten zu wählen, der zu locker-room talk neigt.

Es ist jedenfalls interessant, zu sehen, wie im affektiven Umbau der Gesellschaft, in dem wir uns befinden, ein bestimmter Typus der Unterhaltungsindustrie in Bedrängnis geraten ist: nämlich die risikoaffine, die tabubrechende, die sich um nichts scherende, anarchische Künstler- und Entertainerfigur, wie sie einst beispielsweise Harald Schmidt mit seinen Polen- und Nazi-Witzen verkörperte oder Benjamin von Stuckrad-Barre mit der sogenannten Popliteratur oder eben Bret Easton Ellis, eine der wichtigsten Ikonen der einst so junggeniehaften Männer des Kulturmilieus. Junge, enthemmte, etwas drogenselige Männlichkeit, man muss daran fast schon erinnern, war noch vor einigen Jahren schwer angesagt, und als Ellis’ Roman American Psycho 1991 erschien, gab’s einen Kulturskandal, auf dem sein inzwischen etwas verblasster Ruhm gründet.

American Psycho handelte von einem 27-jährigen Wall-Street-Yuppie namens Patrick Bateman, der sich sehr für Designerklamotten, Upperclass-Marken, Geld, seinen schönen Körper und ansonsten für wenig mehr interessierte. Er führte ein politisch unkorrektes Doppelleben als Serienkiller und brachte Prostituierte auf bestialische Weise beim Sex um: unter anderem mit einem Küchenmesser oder mit Säure, die er ihnen in den Schritt kippte. Dass der Roman von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften für eine Weile aus dem Verkehr gezogen wurde, dass Feministinnen auf Frauenverachtung hinwiesen, dass Ellis sich in Amerika gezwungen sah, den Verlag zu wechseln, wurde damals als lächerlich empfunden, als hoffnungslos gestrig und piefig, und es steigerte nur das Ansehen des schwulen Schriftstellers im Kulturmilieu, der dann für viele Jahre als "Kultautor" oder "Enfant terrible" oder, noch schlimmer, als "Grenzgänger", in jedem Fall aber als "cool" galt. Dann wurde das Buch mit Christian Bale im Jahr 2000 verfilmt, und Ellis wurde noch berühmter.

Aber bereits einige Jahre später, als ihn Stuckrad-Barre für sein autobiografisches Drogenerfahrungsbuch Panikherz (2016) aufsuchte, mit ihm im Hotel Chateau Marmont in Hollywood rumhing und ihn als "Kokain-Popper" und "Fürst der Künstlichkeit" etwas rührselig abfeierte, da musste man sich bereits mühsam vergegenwärtigen, wer das eigentlich noch mal war, dieser Bret Easton Ellis, der da in diesem Stuckrad-Barre-Buch plötzlich als Superstar auftauchte und der ja tatsächlich eine ganze Generation von Schriftstellern und Journalisten prägte wie kaum ein Zweiter. Schon wegen seines unterkühlten, schmucklosen, rasanten Stils und weil alles, worüber Ellis schrieb, so männlich krass kaputt war, dass es einst die Restbestände kulturkonservativer Moral auf die Palme brachte. Von heute aus besehen, erscheinen der Erfolg und der Ruhm und die nahezu ausschließlich männliche Bewunderung, die ihm jahrelang entgegenschlug, als ein letztes Aufbäumen des Patriarchats in popkulturellem Gewand.

Man muss wissen, dass Ellis nach dem Erfolg von American Psycho ein paar Drogen- und Alkoholprobleme hatte und dass die darauffolgenden Bücher, nach jeweils langen Zeitabständen veröffentlicht, bei Weitem nicht mehr so erfolgreich und auch bei Weitem nicht mehr so gut waren. Zuletzt bekam man vielleicht noch mit, dass er einen Podcast veröffentlichte, der Interviews mit zumeist etwas weniger bekannten Hollywood-Schauspielern und Schriftstellern beinhaltete, was man nicht zwingend als gutes Zeichen werten konnte. Oder aber man hatte mitbekommen, dass er die sehr unglückliche Neigung hat, häufig nachts, alles Mögliche zu twittern, vor allem aber auch zuverlässig das, was in der linksliberalen Kulturschickeria Amerikas als verwerflich und völlig unmöglich gilt. Zum Beispiel, dass Kathryn Bigelow als Regisseurin überschätzt werde, weil sie eine gut aussehende Frau sei. Er lästerte über stereotype Schwulendarstellungen in Filmen, die alle für besonders wertvoll hielten. Er beklagte sich über die politische Korrektheit der Generation Snowflake, also jener Millennials, die sich für besonders verletzlich halten und auf abweichende Meinungen dramatisch reagieren. Er twitterte, dass er festgestellt habe, mit Leuten in einem Restaurant gewesen zu sein, die sich als Trump-Wähler entpuppt hätten (ein Tweet, den Trump retweetet hat, was für ziemliches Aufsehen sorgte). Kurzum: Er tweetete sich nach Maßgabe der neuesten, sehr fein justierten Kommunikationscodes hoffnungslos ins Abseits, was leicht passieren kann, wenn sich die Welt um einen herum verändert, man selbst aber das bleibt, was man war. Einst nutzte die Provokation der dunklen Künstlerfama, heute gilt die Abweichung von den Normen der Unterhaltungsindustrie als abgestanden und leer, und selbst Houellebecq ist eher der Pausenclown, den man resigniert toleriert, aber nicht mehr ernst nimmt.