Außer mir steigt nur ein Soldat mit Samt-Kippa in den gepanzerten Linienbus. Während er noch in Tel Aviv wegnickt, bin ich hellwach. Fast zu schnell geht mir die Fahrt über den Trans-Samaria-Highway, der ohne Umstände in eines der umstrittensten Gebiete unserer Zeit sticht. Bisher kannte ich das Westjordanland nur aus Perspektive der Palästinenser. Ich lebe in Israel, war als Journalistin viel in der Region unterwegs. Ratterte immer in voll besetzten Minibussen um den Sperrwall, wartete in Stahlkäfigen an den Checkpoints aufs grüne Licht am Drehkreuz. Alltag der einen.

Der Alltag der anderen schien mir so uneinsehbar wie ihre umzäunten Enklaven auf den Hügelkuppen. Hinter der Grünen Linie, der international anerkannten Grenze zum Westjordanland, wohnen inzwischen etwa 600.000 jüdische Siedler. Von Israel subventioniert, von der Weltgemeinschaft kritisiert. Die nächsten Tage werde ich bei einigen von ihnen übernachten. Und zwar über die Plattform Couchsurfing, die überall auf der Welt Unterkünfte vermittelt. Anders als Airbnb, das auch Übernachtungsmöglichkeiten in Siedlungen anbietet und seine Gewinne jetzt nach eigenen Angaben an Hilfsorganisationen spendet, ist Couchsurfing kostenlos. Es geht vor allem um den Austausch zwischen Reisenden und Einheimischen. Und ich bin wirklich neugierig: Wer sind die Leute, die sich abzuschotten scheinen und dann doch Fremde willkommen heißen?

Mein erster Gastgeber heißt Ophir und ist Ende 50. Er trägt Shorts, ein lila Basketball-Shirt und statt der Kippa eine Schiebermütze. Wir treffen uns an einer "Trempiada", einem inoffiziellen Stopp für Anhalter, nahe der Stadt Ariel: Wie viele Siedler hat Ophir kein Auto. Stattdessen wird getrampt. Lange warten müssen wir nicht, ein Kombi hält an, wir nehmen auf der Rückbank Platz. Es geht nach Har Bracha im Norden, wo Ophirs Haus auf einem der Zwillingsberge über der Stadt Nablus steht.

Wie aufgeräumt alles wirkt, wenn man auf den Siedler-Straßen unterwegs ist. Irgendwie gelingt es der israelischen Infrastruktur, eine Sichtblende zu legen über Sperrwall, Checkpoints – und Palästinenser. Nur als wir das Städtchen Huwara passieren, blitzt einen Moment die andere Realität durchs Fenster und auch etwas Normalität: Minarette und Autowerkstätten, arabische Reklame und wuselnde Taxis. Unser Fahrer, der silberne Schläfenlocken und eine Pistole im Halfter trägt, verriegelt die Türen.

Am Fuße des Berges Garizim lässt er uns raus. Da steht ein Wachturm, Soldaten patrouillieren. Junge Siedler nehmen uns mit nach oben, wo ein Ausguck und Stacheldraht daran erinnern, dass Har Bracha ein Militärstützpunkt war. Hinter dem Zaun: betoniertes Vorstadtglück, ausgelegt mit Plastikrasen, zwischen den Grundstücken liegen Kinderräder. Man baue inzwischen mehrstöckig, merkt Ophir an und rümpft die Nase, als ein SUV vorbeifährt.

Auf seinem Couchsurfprofil schreibt Ophir, dass er Pink Floyd hört und sein aufregendstes Erlebnis eine Radtour zum Nördlichen Polarkreis war. Ich merke plötzlich, dass er sich für die Nachbarschaft geniert – für deren Spießigkeit. Sie passt nicht mehr zu dem Selbstverständnis als Pionier, mit dem er vor 24 Jahren hierherzog. Sein Fertighäuschen mutet fast museal an, wie es da in einer Geröllhalde zwischen Kaktusfeigen steht. Es wurde 1983 von den ersten Siedlern über Nacht auf den Hügel gesetzt.

Wenig später sitzen wir, Johannisbrotschoten pulend, in der Stube, und Ophir erzählt von seinen Söhnen. Der Älteste studiert an der Jeschiwa, der Thoraschule der Siedlung, wohnt aber noch zu Hause, wie der Jüngste. Der Mittlere dient bei einer Elite-Kampfeinheit; seine Orden liegen in den Regalen vor Ophirs heiligen Schriften: Thora, Talmud und Software-Handbücher.

Neben dem Ofen sieht man auf einem Foto die Pferde von Ophirs Frau in der verschneiten Lüneburger Heide. Die junge Norddeutsche hatte beim Wandern durch Israels Wüsten nicht nur das Judentum lieben gelernt, sondern auch den Israeli. In den Jahren darauf waren sie als Hippies in der Welt unterwegs. Und entschieden sich bei der Suche nach einem spirituellen Zielhafen schließlich für den windverblasenen Berg, auf dem einst die Israeliten ihren Einzug ins Gelobte Land gefeiert haben sollen.