Aber auch Fremde klopfen, schieben ihre Fahrräder in Bılgıcs Gang und fragen, ob er sie reparieren könne. Noch immer hängen die Fahrradladen-Schilder an der Fassade, die Räder reihen sich bald wie Dominosteine vor der Wohnung. Schrottplatz oder Fahrradladen, von außen ist es kaum zu unterscheiden.

Bılgıc sagt nicht Nein. Er bietet Tee an, fährt mit der Handfläche über die Fahrradreifen und sagt: Wir sehen mal. Dabei weiß er nicht einmal, wie man einen Reifen flickt. Sein Nachbar hilft ihm, nachdem die Besucher wieder durch den Torbogen verschwunden sind. Ein Nachbarschaftsdeal, der einen Zwangs-Frührentner zu einem Fahrradschrauber macht und, viel wichtiger: ihn beschäftigt, um nicht zu trinken.

Manche bringen Kuchen mit, eine Studentin kocht ihm regelmäßig Suppe. Eine Künstlerin malt ihm ein Schild: "Fahrrad selbst schrauben". Hier und da klimpert Geld in die Kaffeekasse. Der Messingkessel auf dem Herd köchelt den ganzen Tag vor sich hin. Irgendwann kommen die Leute nicht mehr wegen ihrer kaputten Fahrräder, sondern sie kommen auf eine Tasse Tee vorbei.

Über den Zaun sieht Bılgıc, wie sie einen Nachbarschaftsgarten errichten. Er fragt nach. Sie schenken ihm eins der Beete. In Sommer 2017 wachsen zwischen den Fahrradleichen Paprika und Tomaten, wie in seiner Heimat. Bılgıc träumt von einem Café.

An seiner Pinnwand hängen die Nummern der Besucher, Postkarten, dazwischen eine Notfallnummer des Jüdischen Krankenhauses. An einsamen Tagen läuft Bılgıc durch den Torbogen. Er steht auf der Schulstraße, weiß nicht, ob er nach rechts oder links gehen soll. Links bedeutet Netto und Erlösung für 4,99 in Form von Wodka. Rechts, das Jüdische Krankenhaus, kalter Entzug, zehn Tage. Die Wege sind etwa gleich lang. In diesen Momenten traut Bılgıc sich nicht, eine der Nummern zu wählen.

Bılgıc will nicht mehr ins Krankenhaus, wo ihn die Schwestern schon beim Vornamen kennen. Aber im Herbst vor zwei Jahren merkt er, es ist ernst.

Was war diesmal los, fragt die Oberärztin. Bılgıc antwortet so leise, als wollte er sie nicht stören: "Geburtstag".

"Haben Sie da gefeiert?"

"Nein."

"Waren Sie alleine?"

"Ja."

Das war 2017, berichtet Bılgıc. Spätestens seit der Selbsthilfegruppe weiß er: Feiertage sind Rückfalltage. Der ehemalige Vermieter sagt zu ihm: Bitte, trink nicht so viel. Ich will, dass du weiterlebst. Wenn er weiterlebte, hätte er ständig Mietschulden, sagt Bılgıc. Aber dem Vermieter ist es egal, wenn er zwei Monate keine Miete sieht. Einmal hat der Vermieter Bılgıc erzählt, dass seine Mutter Alkoholikerin gewesen sei. Sie starb daran.

Bevor der Millionär bei ihm vor der Tür stand, war das Haus schon mal verkauft worden. Dreimal musste Bılgıc seinen Dauerauftrag ändern. Mehr bekam er von den Käufern nicht mit. Bis er im Oktober 2018 einen Brief der Covivio Immobilien GmbH in der Hand hält:

Sehr geehrter Herr Kursat Bılgıc, zwecks wohnwirtschaftlicher Verwertung kündigen wir Ihren Mietvertrag zum 30.11.2018, da ein Fortsetzen des Mietverhältnisses einen erheblichen wirtschaftlichen Nachteil für uns darstellen würde. Der komplette zweite Hofbereich, in der sich auch Ihre Wohnung befindet, wird abgerissen und ein Neubau wird dort entstehen. Eine neue Wohnung haben wir ja bereits für sie gefunden, welche sie ja auch schon besichtigt haben und Ihnen diese gefallen hat.

In Wirklichkeit hat Bılgıc die Wohnung nie gesehen. Sie wird ihm angeboten um Weihnachten 2017, Rückfallzeit. Weil Bılgıc auf Entzug ist, besichtigt seine Tochter die Wohnung. Ihr soll der Mitarbeiter gesagt haben: Unterschreiben Sie einfach.

In einer Glasvitrine im Wohnzimmer hebt Bılgıc das Angebot auf, das Papier ist abgegriffen, man sieht ihm an, dass es schon durch viele Hände gegangen ist. Die Alternativwohnung liegt in einem grauen Wohnblock, zweiter Stock, Balkon, zwei Zimmer. Klingt doch nett, möchte man sagen. Sie kostet 658 Euro. Wie er das bezahlen soll mit einer Rente von etwas mehr als 700 Euro, fragt er beim Amt und beantragt mehr Wohngeld. Eine andere viel zu teure Wohnung wird Bılgıc angeboten. Die Covivio GmbH erklärt, sogar drei Wohnungen seien Bılgıc angeboten worden, was dieser bestreitet. Schriftverkehr kann die Covivio GmbH nicht vorlegen.

So eine Kündigung habe sie noch nie gesehen, sagt die Sachbearbeiterin und lacht. Der Antrag auf Wohngeld wird abgelehnt, mit der Begründung, die Miete sei für eine Person zu hoch. Sie rät ihm zu klagen, das Amt übernehme die Anwaltskosten.

Du bist richtig bei mir, sagt der Anwalt Oliver Marson. Er ist freundlich, groß, seine Unterschrift schwungvoll. Bılgıc ist sich sicher: Jemand, der wie er redet und Briefe schreiben kann, der kann das für ihn regeln.

Bılgıc fragt: Was, wenn ich Nein sage. Darf ich das?

Der Anwalt erklärt die Kündigung für ungültig, sie entspricht nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen. Der Vermieter nimmt sie zurück. Bılgıc schöpft Hoffnung, auch wenn er oft nicht versteht, was der Anwalt meint.