"Grundsätzlich muss man sagen, dass so eine Kündigung erfolgreich sein kann", sagt der Anwalt zur zweiten Kündigung, die Bılgıc erhält. Man müsse abwägen zwischen den Interessen des Mieters, zu bleiben, und des Vermieters, neuen Wohnraum zu schaffen. Im Zweifelsfall entscheidet das Amtsgericht. Bılgıc sei einer der "kleinen Leute", die man auf billige Art loswerden möchte. Kündigungen wie seine seien schlechter Stil, aber Usus für die "Unternehmen, die in der Großstadt um sich greifen". Der Anwalt kennt Fälle, in denen Mieter beleidigt oder bedroht werden, um sie loszuwerden.

Auch Marson ist irgendwie sauer. Jemand wie Bılgıc ist Sand im Getriebe, weil die Zeitkalkulation für das Bauvorhaben so nicht aufgehen kann.

Dass ein Türke wie er sich wehren würde, das hätte die Covivio Immobilien GmbH wohl nicht gedacht, denkt Bılgıc. Er verlangt alles nur noch schriftlich, so hatte es die Sachbearbeiterin ihm geraten. Und es fühlt sich gut an, zu sagen: Sprechen Sie mit meinem Anwalt. Er hat der Covivio den Krieg erklärt, er glaubt, er bekomme deshalb keine vernünftige Wohnung angeboten.

Wir bitten Sie, Ihre Räumungsbereitschaft uns gegenüber bis zum 14.04.2019 zu bestätigen, da ansonsten zum vorgenannten Termin eine Räumungsklage Ihnen gegenüber erhoben werden müsste.

Auf einem DIN-A4-Blatt auf der Pinnwand steht: "Wegen Kampf gegen Vermieter". Ein Fahrradschrauber hat seine Nummer dagelassen und gesagt, wenn sie kommen, ruf mich an. Wir sind da, zu fünfzigst. Wir beschützen dich.

An diesem Tag kommen sie zu dritt, und sie sind ungefähr so alt wie Bılgıcs Tochter, Ende 20. Auf dem Tisch liegt ein Putzlappen als Tischdecke. Bılgıc hat Schaumküsse gekauft. Bevor er ihnen die Hand gibt, reibt er sie sich an der Hose ab. Sandrine Woinzeck von "Zusammen für Wohnraum" sitzt auf einem der wackeligen Stühle, sie trägt goldene Schuhe und Ohrringe und sagt mit verschränkten Armen gleich zur Begrüßung, sie sei keine Expertin. Es gehe um Politik. Mit Freunden ist sie in einem Netzwerk. So haben sie schon ihr Haus vor einem Bauriesen gerettet. Sie wühlen in Briefen und scrollen auf ihren Smartphones. Sie wirken wie Übersetzer. Und sie erklären Bılgıc, dass er für einen Widerspruch gesundheitliche oder familiäre Gründe angeben oder die Einkommenssituation erläutern muss. Bılgıc sagt: Wenn ich hier weg muss, dann bin ich allein, wahrscheinlich obdachlos, dann trinke ich wieder. Die drei jungen Erwachsenen nicken. Das reicht. Aber wie bestätigt man das?

Bılgıc hält sein Handy mit beiden Händen ans Ohr:

"Hallo, hier ist Bılgıc. Berta, Ida, Ludwig, Gustav, Ida, Cäsar. Darf ich mit Marson sprechen?" Die Sekretärin sagt, er habe keine Zeit. Er soll eine E-Mail schreiben. Bevor er Danke sagen kann, legt sie auf.

"Hast du überhaupt eine E-Mail-Adresse?", fragt Tobias Reinhardt, auch von Zusammen für Wohnraum. "Nein", sagt Bılgıc. Tobias findet die E-Mail-Adresse auf dem Briefkopf des Anwalts, schickt eine Mail. Er erklärt Bılgıc, dass er nun alle paar Stunden auf das Briefkuvert-Symbol auf seinem Handy klicken muss.

Fragt man Bılgıc, was er möchte, dann sagt er: einfach nur hier bleiben. Dass alles so weitergeht wie davor. Dafür hat er sogar einen Vorschlag: Er könnte als Hausmeister zuarbeiten. Pünktlich würde er seine Miete bezahlen. Aber er weiß auch, dass er sich die Wohnung, die hier gebaut werden soll, nicht leisten kann. Genau genommen keine Wohnung im Viertel. 48 Wohnungen werden hier in einem Jahr entstehen. Die neuen Wohnungen werden nicht für Leute wie ihn gemacht, die vom Amt abhängig sind.

Bılgıcs bester Freund Mustafa sagt ihm, nachdem er sich über die Covivio im Internet informiert hat, dass die Mieten bei knapp tausend Euro für ein bis zwei Zimmer lägen. Dass die Immobiliengesellschaft, deren Logo jetzt in allen Gebäudeeingängen hängt, mehr als 15.000 Wohnungen in Berlin habe und mehr als 40.000 in ganz Deutschland, auch Hotels. Dass es schon vorher Beschwerden gegeben habe. Die Berliner Woche schreibt, dass in einem Berliner Bezirk Garagen abgerissen wurden, ohne dass die Anwohner davon wussten. Auf der Webseite steht: "Soziale Belange in das unternehmerische Handeln der Covivio zu integrieren ist uns wichtig."

Bılgıc notiert die Adresse auf einem Briefumschlag. Drei Versuche, bis seine Schrift schön und die Adresse fehlerfrei ist. Er will auch mal einen Brief schreiben. Darin steht: Warum wollt ihr mich obdachlos machen?