Tinte rettet Leben – Seite 1

Mit seinem ersten Roman und islamkritischen Äußerungen zu den Kölner Silvesterausschreitungen von 2015/16 ist der 1970 geborene algerische Autor Kamel Daoud fast über Nacht zu einem international bekannten Intellektuellen geworden. In seiner Heimat war er durch seine Leitartikel für den Quotidien d’Oran, die Tageszeitung für die Küstenstadt im Westen Algeriens, allerdings auch zuvor schon bekannt. Fans von Albert Camus kennen Oran als Schauplatz seines Romans Die Pest, und auf den in Algerien geborenen Camus und dessen bekanntestes Werk Der Fremde hatte sich Daoud mit seinem Erstling Der Fall Meursault auch bezogen.

Darin erzählt Daoud die Geschichte des Arabers, den der "Fremde" namens Meursault bei Camus gleichsam aus Versehen ermordet. Meursault wird dafür zwar vor Gericht gestellt, verurteilt wird er aber nicht für den Mord an dem Araber (eine Lappalie aus Sicht der Kolonialherren), sondern für seine Gefühlskälte und fehlende Mutterliebe, also eigentlich, weil er in seiner eigenen Kultur ein Außenseiter ist.

Daouds Roman-Replik erzählte dieselbe Geschichte aus algerischer Sicht. Die Pointe: Auch der algerische Erzähler ist ein Fremder in seiner Gesellschaft, ein Alkoholiker, der seine Mutter hasst und seinerseits aus Versehen zum Mörder wird.

Fremd und ausgestoßen im eigenen Dorf ist auch Ismaël, der Erzähler in Daouds neuem Roman Zabor. Weil seine Mutter bei der Geburt gestorben ist und der Vater eine neue Familie hat, lebt er bei seiner unverheirateten Tante Hadjer. Der Vater zählt zu den Patriarchen des Dorfes und heißt Ibrahim, arabisch für Abraham. In der Bibel und auch nach islamischer Überlieferung verstößt Abraham seine Dienerin Hagar (arabisch Hadjer) und ihren gemeinsamen Sohn Ismaël.

Daoud spielt in seinem im Original auf Französisch geschriebenen Roman absichtlich mit solchen biblischen und koranischen Anspielungen, auch wenn das bei einem so explizit islamkritischen Autor überraschen mag. Aber schon in Der Fall Meursault hieß der Erzähler Haroun (Aaron), sein Bruder, der von Meursault ermordete Araber, dagegen Moussa (Moses). Wenn Daoud ein Religionskritiker ist, dann einer, der tief in die Religion verstrickt ist. Von dieser Verstrickung – und der Befreiung aus ihr – handelt sein zweiter Roman.

Zabor ist eine Art symbolisch überhöhte Autobiografie, die zwar ganz der intimen Fantasiewelt des Schreibenden verpflichtet ist, aber doch auf den berühmten "autobiografischen Pakt" zuläuft, in dem Held und Autor sich treffen: "Zabor", der Titel des Romans, ist das arabische Wort für "Psalm", der Verfasser der biblischen Psalmen ist bekanntlich König David, und David heißt auf Arabisch wiederum Daoud – wie der Autor. Poesie und Fantasie sind in diesem Buch wichtiger als die Geschichte. Wenn man sich beim Lesen darauf einlässt, wird man reichlich belohnt.

Vater Ibrahim liegt im Sterben, und Ismaël hat sich in die Vorstellung hineingesteigert, sein Schreiben könne das Leben des Vaters verlängern: Solange Tinte fließt, bleibt auch das Blut im Fluss, ja die ganze Existenz. Nach traditioneller muslimischer Vorstellung ist dagegen alles seit Urzeiten vorherbestimmt und das Buch des Schicksals längst geschrieben. Ismaël will diesen Prozess umkehren. Lautete das erste Wort an den Propheten Mohammed "lies!", so fragt Ismaël: "Warum hieß das erste Wort des Engels nicht 'schreib!'?"

Treffen sich Magie und Moderne

Die Sprache freilich, von der das Überleben des Vaters abhängt, ist nicht das altehrwürdige Arabisch. Das hat zwar eine große Magie, die Daoud in zahlreichen poetischen Beschreibungen auch beschwört, dennoch will es seinem Helden nicht gelingen, die alte Sprache wieder lebendig zu machen. Da entdeckt er auf dem Cover eines französischen Kriminalromans eine schöne Frau und muss das Buch lesen, obwohl er nie richtig Französisch gelernt hat.

Bleibt das Problem: Wie bringt man sich die Sprache der alten Kolonialkultur ganz allein in einem zurückgebliebenen Dorf im algerischen Hinterland bei? Mit der Kraft der erotischen Fantasie! "Es reichte aus, noch mehr zu lesen und weiter im Verständnis der Worte voranzuschreiten, um den Körper noch intimer zu berühren und nicht nur das Abbild des Körpers zu empfinden, sondern auch die Emotion!"

Ismaël wird zum sprachlichen Robinson Crusoe, der sich auf seiner Insel die Bedeutungen des Französischen selbst zusammenbaut. Was dabei herauskommt, sieht nur äußerlich wie gewöhnliches Französisch aus. Innerlich wird es von einem Geist erfüllt, der aus dem magischen Sprachverständnis des Koran-Arabisch stammt. So treffen sich Magie und Moderne in der freien Aneignung der Sprache der ehemaligen Kolonialherren durch einen algerischen Dorfjungen.

Zwar stirbt der Vater am Ende trotzdem, mit ihm aber auch das Patriarchat. Hatte die in Traditionen erstarrte algerische Gesellschaft keine Sprache mehr für das, was sie plagt und unfrei macht, so wurde Kamel Daoud und seinen Helden ausgerechnet das Französische zum neuen Ausdrucksmittel dafür.

Im Frühjahr 2019, in dem die Algerier mit ihren Protesten den greisen Patriarchen-Präsidenten Bouteflika zum Rücktritt gezwungen haben, könnte man auf den Gedanken kommen, alle Algerier hätten ähnliche Erfahrungen gemacht wie Kamel Daoud. Und natürlich wurde der prominente algerische Autor schon aufgefordert, sich in dieser Übergangsphase auch politisch zu engagieren. Doch hat er sich vorerst dagegen entschieden. Und warum? Wenn die Befreiung bei der Sprache anfängt, hat Kamel Daoud mit diesem von der Macht der Sprache besessenen, die französische Sprache feiernden Roman allen Leserinnen und Lesern die Schlüssel zur Befreiung selbst in die Hand gegeben.

Kamel Daoud: Zabor
Roman; aus dem Franz. von Claus Josten; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 384 S., 23,– €, als E-Book 19,99 €