Aber als die Wut weiter anschwoll, setzte Lauinger sich mit den Vorgesetzten des Staatsanwalts zusammen. Danach verkündete man die Einstellung des Verfahrens – und die Versetzung Zschächners. Er selbst, sagte Lauinger, habe natürlich keinerlei Einfluss genommen. Er begrüße jedenfalls die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, erklärt Lauinger der ZEIT: "Sie stärkt die Kunstfreiheit."

Aber saß er nicht mit im Raum, als die Entscheidung zur Verfahrenseinstellung getroffen wurde?

Ja. Nun muss er damit leben, dass eine breite Öffentlichkeit seine Entscheidung als Eingeständnis wertet: dafür, dass diese Ermittlungen nie hätten stattfinden dürfen.

Dabei hätte Lauinger den Fall früher und diskreter beenden können. Denn der Minister war gewarnt.

Schon im November 2018 war in der Thüringer Zeitung Freies Wort ein Bericht erschienen, der sich mit der einseitigen Ermittlungspraxis des betreffenden Geraer Staatsanwalts auseinandersetzte. Dieser, war dort zu lesen, ermittle auffällig intensiv gegen Linke – und auffällig lasch gegen Rechtsextremisten.

In der Thüringer Koalition wächst das Gefühl, dass der Minister mit seinem Hang, Probleme auszusitzen – und sie irgendwann dann aber durch hektisches Agieren noch zu vergrößern –, zur Last für Ramelows Regierung werde, zumal im Wahljahr 2019. Denn Lauinger schafft es öfter, die rot-rot-grüne Regierung, die sich ansonsten auffällig wenige Affären leistet, schlecht aussehen zu lassen.

Seit Jahren befasst sich ein Untersuchungsausschuss mit der Frage, ob Lauinger einst sein Amt missbraucht hat, um seinem Sohn eine Prüfung zu ersparen: Der Gymnasiast hatte wegen eines Auslandsaufenthalts nicht an einem gesetzlich vorgeschriebenen Leistungstest am Ende der 10. Klasse teilgenommen. Das Bildungsministerium entschied, dass der Sohn die Prüfung nachholen müsse. Lauinger nahm das nicht hin. Er setzte sich bei Kabinettskollegen und Ministeriumsbeamten für seinen Sohn ein und erreichte die Versetzung ohne Auflagen. Als dies einige Wochen später bekannt wurde, stellte er sich und seine Familie als Opfer dar, beschuldigte die Bildungsministerin und sagte mehrfach die Unwahrheit.

Später geriet der Justizminister selbst ins Visier der Staatsanwaltschaft Erfurt, wegen des Verdachts auf Verrat von Dienstgeheimnissen. Im Juli 2018 hatte Lauinger Ministerpräsident Ramelow und Finanzministerin Heike Taubert (SPD) darüber informiert, dass die Staatsanwaltschaft Gera wegen einer (inzwischen eingestellten) Steuersache gedenke, die Immunität des CDU-Fraktionsvorsitzenden Mike Mohring aufheben zu lassen. Das Verfahren gegen Lauinger wurde eingestellt – aber erst, nachdem man Ramelow und Taubert verhört hatte. Was für unschöne Berichte und Schlagzeilen sorgte.

Den normalen Gesetzen der politischen Mechanik zufolge hätte spätestens dieses zweite Malheur Lauingers Rücktritt bedeuten können. Doch der grüne Landesverband hielt zu seinem Minister – was sich mit den komplizierten Kräfteverhältnissen innerhalb der Thüringer Grünen erklärt.

Lauinger, ein Realo, stand stets loyal zu Katrin Göring-Eckardt, die als Bundestags-Fraktionschefin und Thüringerin ein Machtfaktor in der Landespartei ist. Zugleich machte sich Lauinger viele Freunde im linken Lager: Als Justizminister ist er auch für Migration zuständig; er verfolgt einen äußerst liberalen Kurs. Göring-Eckardt soll die Partei vor die Wahl gestellt haben: "Stützen oder stürzen" – man müsse sich entscheiden. Die Wahl fiel aufs Stützen.

Und nun, nach dem neuen Ärger? Viele Grüne, in Erfurt wie Berlin, sind seit Langem genervt von Lauinger, Göring-Eckardt und die Thüringer Umweltministerin Anja Siegesmund sollen intern auf Abstand gegangen sein. Doch austauschen kann man den Minister ein halbes Jahr vor der Wahl kaum noch. Was bleibt, ist politische Vorsorge: Auf der grünen Landesliste für den Landtag taucht der Name Lauinger nicht auf.