Tote Vögel fallen in Massen vom Himmel. Ein Nachrichtensprecher warnt vor einem "Strahlentsunami" und einer "Überwachungsdiktatur", die bald auf uns zukommen würden. Schuld an alldem: 5G, der neue, ultraschnelle Mobilfunkstandard. Die Angst vor 5G geht um. Das Video wird in der ganzen Schweiz verschickt und ist bereits über 700.000-mal angeklickt worden. Verschwörungstheoretiker wie KlagemauerTV nutzen die Gunst der Stunde, um ihre Schreckensszenarien zu verbreiten. Fake-News?

Das Video ist auf skurrile Weise zugespitzt und enthält Falschmeldungen. Doch die Frage nach den Gefahren von 5G ist berechtigt. Noch gibt es kaum Studien, die zeigen, welche Wirkung die neue Technologie auf die Gesundheit der Menschen haben könnte. Der Telecomanbieter Swisscom räumt auf seiner Website ein, dass durch die 5G-Strahlen "die Haut stärker belastet" werden kann. Die Schweizer Ärzte für Umweltschutz fordern deshalb weitere Studien und warnen dezidiert vor einer zu schnellen Einführung.

Andere können mit derlei Bedenkenträgerei nichts anfangen. Die Millimeter-Wellen seien ungefährlich und würden an der Körperoberfläche absorbiert, sagen Fachleute, darunter der Umweltepidemiologe Martin Röösli. Zudem sei es schlicht nicht möglich, sämtliche biologischen Funktionen, die von 5G beeinflusst werden könnten, im Vorfeld zu untersuchen. Und sowieso, das Handy direkt am Ohr strahle stärker als die 5G-Antennen. Röösli rät, mit Lautsprecher zu telefonieren.

"Arretons!", haben sich vergangene Woche nun Politiker in der Romandie gesagt. Kein weiterer Ausbau von 5G-Antennen, bis nicht klar ist, welche Risiken die neue Technologie birgt. In Genf wurde eine Motion überwiesen, die wissenschaftliche Erkenntnisse über Gesundheitsschäden für Mensch und Tier verlangt. In der Waadt will der Staatsrat ein Moratorium prüfen. Im Jura hat die Regierung entschieden, einen Bericht des Bundesamtes für Umwelt abzuwarten. Dieser soll im Sommer vorliegen.

In derselben Woche, in der die Romands beherzt auf die Bremse traten, gaben die Handy-Provider Vollgas. Sunrise hat bereits im März begonnen, seine "Glasfaser durch die Luft" auszubauen, Swisscom hat Mitte April für mehrere Orte das neue 5G-Netz aufgeschaltet, darunter Zürich und Bern. Bis Ende Jahr sollen über 90 Prozent der Schweiz abgedeckt sein. Zudem will man die Grenzwerte für Antennen erhöhen.

Die Schweiz soll nach Südkorea, wo Anfang April auf 5G umgeschaltet wurde, zu den ersten Ländern gehören, welche die neue Technologie flächendeckend einführen. Die Datenautobahnen in der Luft sollen die Digitalisierung der Gesellschaft in neue Sphären heben. Nicht nur selbstfahrende Autos werden dereinst darauf angewiesen sein, sondern auch die vernetzten Städte – und die privaten User, die ihre Netflix-Serien künftig ohne Ruckeln in der Alphütte streamen können.

Bis vor Kurzem wurden die 5G-Skeptiker übergangen, ihre Ängste als Technikfeindlichkeit abgetan. Die Romands hingegen haben sensiblere Antennen für die Befindlichkeiten in der Bevölkerung. Weil sie wissen: Nur sorgfältige Abklärungen und mehrheitsfähige Grenzwerte können den Weg für eine breite Akzeptanz von 5G ebnen. Solides Wissen nimmt den Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln. Damit keine toten Vögel mehr vom Himmel regnen.