Beginnt mit den Anschlägen in Sri Lanka eine neue Welle der Christenverfolgung?

Diesen Eindruck möchten die Angreifer und ihre Hintermänner zweifellos erwecken: Ein Anschlag an Ostern auf betende Christen brachte ihnen die globale Aufmerksamkeit, die ein Angriff auf Buddhisten oder Hindus nicht erzeugt hätte. Selbstmordattentäter sprengten sich vergangenen Sonntag während des Ostergottesdienstes in zwei katholischen und einer evangelikalen Freikirche des Landes in die Luft, weitere in drei Hotels in der Hauptstadt Colombo und an der Ostküste Sri Lankas. Die Täter, nach bisherigen Angaben der sri-lankischen Behörden allesamt Einheimische, gehörten offenbar zu einer bislang kaum bekannten Gruppe mit dem Namen National Tawhid Jamaat (NTJ).

Am Dienstag behauptete der "Islamische Staat" (IS), die Attentäter von Sri Lanka seien seine Mitglieder, und legte ein Video vor, in dem sich einige Vermummte zu ihm bekannten. Denkbar ist, dass lokale Splittergruppen inzwischen in der Lage sind, mithilfe von außen Terroranschläge von solchen Dimensionen auszuführen. Mit mehr als 320 Toten und über 500 Verletzten zählen die Attentate zu den mörderischsten seit dem 11. September 2001.

Angriffe auf Kirchen und Synagogen sind in der Tat ein Markenzeichen des IS. Weit häufiger noch hat der IS jedoch seine Selbstmordattentäter in die Moscheen "abtrünniger" Muslime, also von Schiiten und Sufi-Anhängern, geschickt – vor allem in Syrien und im Irak. Die Zahl muslimischer Opfer der Dschihadisten geht in die Tausende.

Wo die Anschläge stattgefunden haben

Quelle: AFP, Auswärtiges Amt, ITB, statista, Weltbank © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Gotteshäuser haben in Krisenregionen oft als geschützte Zonen gegolten. Dieses Tabu brechen gewaltbereite Islamisten immer häufiger. Aber wie zuletzt im neuseeländischen Christchurch oder beim Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh gilt dies auch für Attentäter christlicher Herkunft. Erstere begründen ihre Angriffe immer mit ihrer Religion, Letztere mit einem Mix aus Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie.

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War Sri Lanka nicht längst ethnisch und religiös befriedet?

Der Bürgerkrieg zwischen den "Tamil Tigers", einer Miliz der tamilischen Minderheit, und der sri-lankischen Armee endete 2009 nach 26 Jahren und rund 100.000 Toten mit einer totalen Niederlage der Rebellen. Die Ursachen des Konflikts, vor allem die der Vormachtstellung der singhalesischen Mehrheit, sind jedoch bis heute nicht beseitigt. Noch immer werden Tausende Opfer vermisst, Menschenrechtsverletzungen der Bürgerkriegsparteien wurden kaum aufgeklärt. Trotzdem hatte sich das Land in den vergangenen Jahren ökonomisch erholt und politisch geöffnet. Zuletzt wurde deutlich, wie wenig das Schema "Singhalesen gegen Tamilen" der Realität entspricht. Die Singhalesen sind überwiegend buddhistisch und haben den Buddhismus als "führende" Religion in der Verfassung festgeschrieben. Tamilen sind mehrheitlich Hindus, Christen finden sich auf beiden Seiten. Sri Lankas Muslime sprechen überwiegend Tamilisch, sehen sich aber oft als eigene ethnische Gruppe.

Wie sich die Bevölkerung zusammensetzt

Quelle: AFP, Auswärtiges Amt, ITB, statista, Weltbank © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Religion ist ein Konfliktstoff auf der Insel – angeheizt durch buddhistische Nationalisten, unter ihnen viele Mönche, deren militante Intoleranz wenig mit dem globalen Image des Buddhismus als gewaltfreier Religion zu tun hat. Ihre Zielscheiben sind Christen und vor allem Muslime.

Zuletzt ist es mehrfach zu kleineren Pogromen gegen Muslime mit Brandstiftungen und Toten gekommen, offenbar gezielt ausgelöst durch Hetze und Verschwörungstheorien in den sozialen Medien. "Christen und Muslime eint mehr, als sie entzweit", sagt Nishan de Mel, Leiter des sri-lankischen Thinktanks Verité Research und selbst Angehöriger der christlichen Minderheit. "Die gewohnten Narrative funktionieren nicht mehr." Beide Gruppen haben nun Angst: Die Muslime vor neuen Angriffen und dem pauschalen Terrorverdacht, die Christen vor weiteren Attentaten.

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Hätten die Anschläge verhindert werden können?

Den Attentaten ging offenbar ein komplettes Versagen des Sicherheitsapparates und der politisch Verantwortlichen voraus. Der indische Geheimdienst hatte die sri-lankischen Behörden über bevorstehende Selbstmordattentate in Kirchen und Hotels informiert. Diese frühen Hinweise gingen offensichtlich auf ein Verhör der Inder mit einem IS-Verdächtigen zurück. Bereits Anfang April zirkulierte in Sicherheitskreisen ein Memo mit Namen und Aufenthaltsorten von Verdächtigen aus dem Umkreis von NTJ.

Bis zu den Anschlägen am vergangenen Sonntag war die Gruppe allerdings nie bewaffnet in Erscheinung getreten. 2018 wurde ihr die Schändung von Buddha-Statuen zur Last gelegt. Möglicherweise waren die Sicherheitsbehörden zu sehr auf tamilische Separatisten fixiert.

Welchen Anteil die Religionen haben

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Die Tamil Tigers hatten als erste Aufstandsbewegung systematisch Selbstmordattentäter eingesetzt. Fest steht, dass die beiden höchsten staatlichen Vertreter, Sri Lankas Präsident Sirisena und Premierminister Wickremasinghe, seit Monaten tief verfeindet, die Sicherheitskräfte in ihre Fehde mit hineingezogen haben und ihre politische Schlammschlacht nun auch vor den Augen einer völlig schockierten Nation weiterführen. Das verheißt nichts Gutes für die Aufklärung der Tat. Denn Sri Lankas Behörden müssen nun vor allem eine Frage beantworten: Wie konnte sich eine kleine einheimische islamische Splittergruppe binnen weniger Monate in ein straff organisiertes Selbstmordkommando verwandeln? In eine Terrorgruppe, die mit militärischem Sprengstoff, einem großen Vorrat an weiteren Bomben und einer Liste von Zielen ausgestattet war, die Sri Lanka nun auf das Feld des globalen Terrorismus katapultiert hat? Es ist anzunehmen, dass NTJ-Anhänger im Ausland ausgebildet worden sind oder zumindest logistische Hilfe von außen erhalten haben.

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Breitet sich der Dschihadismus jetzt auch im Süden Asiens aus?

Sri Lankas Muslime machen knapp zehn Prozent der rund 21 Millionen Einwohner aus. Im großen Nachbarland Indien stellen die 170 Millionen Muslime die größte Minderheit. In beiden Ländern stehen sie Mehrheitsreligionen gegenüber, die derzeit massiv antimuslimische Propaganda anfachen. In Sri Lanka sind es unter anderem radikale Buddhisten und ihre "Partei des nationalen Erbes". In Indien sind es radikale Hindus und die Regierung von Premierminister Narendra Modi. Im kleinen Sri Lanka wie im großen Indien haben sich Muslime trotz wiederholter antimuslimischer Gewalt und politisch sanktionierter Hetze bislang weitgehend immun gezeigt gegen dschihadistische Propaganda. Loyalität zu ihrem jeweiligen Staat ist ihnen wichtiger als ihre religiöse Identität. Die wiederum beruht überwiegend auf einem moderaten Islam.

Allerdings ist auch in Sri Lanka seit Längerem der Einfluss des erzkonservativen Wahabismus saudischer Prägung zu beobachten. Ein religiöser Import, ins Land getragen von muslimischen Sri Lankern, die wie Hunderttausende andere asiatische Gastarbeiter nach Jahren in den Golfstaaten in ihre Heimat zurückgekehrt sind.

Wie viele Touristen das Land besuchen

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Auf diesen Trend verwies bereits 2007 der damalige US-Botschafter Robert Blake in einem vertraulichen Bericht an das US-Außenministerium. Öffentlich wurde Blakes Einschätzung durch WikiLeaks. Blake betonte aber auch, dass einheimische Imame mit großem Engagement gegen die Radikalisierung ihres Glaubens ankämpften. Offenbar lange Zeit mit Erfolg, denn in tamilischer Sprache verfasste Propaganda-Videos des IS fanden auf Sri Lanka kaum Resonanz.

Mit einigen wenigen Ausnahmen. 2016 gaben die Behörden in Colombo bekannt, dass sich auch 32 sri-lankische Staatsbürger dem IS im Irak und in Syrien angeschlossen hatten.

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Wie geht es weiter für die sri-lankische Gesellschaft?

Der Schock über die Bomben während der Gottesdienste der Katholiken überschattet immer noch das andere große Anschlagsziel: Sri Lankas Tourismus. In drei großen renommierten Hotels sprengten sich Selbstmordattentäter in die Luft, zwei in der Hauptstadt Colombo, eine in Batticaloa an der Ostküste des Landes. Auch hier war der Zeitpunkt entscheidend. Am späten Vormittag sind die Hotels nicht nur voller oft ausländischer Gäste, sondern auch einheimischer Familien, die sich dort zum Brunch versammeln.

Was der Staat einnimt

BIP in Milliarden US-Dollar

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Dieses Szenario ist bitter vertraut: Große Hotels gehören inzwischen zu den sogenannten weichen Zielen von Terroristen. 2008 hatten pakistanische Dschihadisten bei einem Angriff in Mumbai unter anderem im Taj-Mahal-Hotel über 160 Menschen getötet und im gleichen Jahr das Marriott in Islamabad angegriffen. Vergangenes Jahr überfielen die Taliban das Intercontinental in Kabul und töteten 42 Menschen.

Wie stark dieser Ostersonntag Sri Lankas Wirtschaft treffen wird, hängt davon ab, ob und wie schnell die Regierung das Vertrauen wiederherstellen kann. Polizei, Armee und Geheimdienste werden drohende Racheakte gegen Muslime unterbinden müssen. Dazu müssen sie gegen ohnehin bereits aufgebrachte Teile der singhalesisch-buddhistischen Mehrheit vorgehen. Um deren Mob-Reaktionen zu verhindern, hatten die Behörden unmittelbar nach den Anschlägen die sozialen Medien abgeschaltet und eine Ausgangssperre verhängt (die inzwischen wieder aufgehoben ist). Aus Batticaloa wurden am Dienstag Übergriffe gegen Muslime gemeldet.

Es ist gut möglich, dass die wenigen Jahre des Friedens in Sri Lanka an diesem Ostersonntag zu Ende gegangen sind.

Mitarbeit: Gregor Becker, Lea Frehse, Katharina Meyer zu Eppendorf, Yassin Musharbash, Jan Ross

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Artikels stand fälschlicherweise, dass drei katholische Kirchen die Anschlagsziele in Sri Lanka gewesen sind. Es waren aber zwei katholische und eine evangelikanische Freikirche. Wir haben das korrigiert. Die Redaktion.

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