Wenn jetzt in den Großkinos am Stadtrand der neuste Superhelden-Blockbuster anläuft, dann endet damit eine Ära: Über zwanzig Filme hat der amerikanische Comicverlag Marvel sich in den letzten zehn Jahren für unsere Leinwände, Streamingdienste und Flugzeugbildschirme ausgedacht. Und sie alle überspannt ein gemeinsamer Erzählbogen, den der neuste Film, Avengers: Endgame, nun zu einem Schluss führen soll. Man ist also gespannt: Wie sieht die Gerechtigkeit aus, die am Ende dieses weiten Bogens durch das "Marvel Cinematic Universe" auf uns wartet?

Zur Erinnerung: Die Superhelden, Iron Man, Captain America, der unglaubliche Hulk und die anderen, mussten sich, im vorausgegangenen Teil der Reihe, dem galaktischen Oberschurken Thanos geschlagen geben. Thanos konnte seinen Plan umsetzen und verwandelte die Hälfte allen Lebens in unserem Universum zu Feinstaub. Uff! Wie wollen die Marvel-Autoren diese Katastrophe noch in ein glückliches Ende wenden? Zunächst einmal gar nicht. In Endgame begegnen wir Thanos erneut, halb Kinn, halb Kleiderschrank. Doch er lässt seine Rüstung verrotten, sie dient als Vogelscheuche zwischen Bohnenstangen und Obstbäumen. Thanos wandert, in Leinen gehüllt, durch ein grünes Paradies, ein siegreicher Öko-Terrorist im Ruhestand, erleichtert: Die Halbierung der Weltenbevölkerungen war ihm ein schmerzhaftes, doch notwendiges Übel, um das Leben vor sich selbst zu schützen, vor Überbevölkerung, Ressourcenverschwendung.

Und tatsächlich sind die Anfangsszenen, in denen uns Endgame über die halb entvölkerte Erde führt, die schönste halbe Stunde, die das Marvel-Kino bisher hervorgebracht hat. Es ist schon etwas her, seit Thanos siegte, und jene Helden, die er verschonte, leisten inzwischen Trauerarbeit wie moderne Männer und trösten einander. Manche finden das Glück, das ihnen so lange verwehrt war: an der Küste Norwegens oder im amerikanischen Hinterland, wo sie mit der Kleinfamilie im Holzhaus am See wohnen und ein grünes, ein besseres Leben führen. Sie alle fahren jetzt einen nagelneuen Elektrosportwagen von Audi, und Captain America, der große Moralist unter den Marvel-Helden, wagt einmal, das Unsagbare auszusprechen: Sei nicht immerhin das Wasser jetzt sauberer als früher?

Für gut dreißig Minuten also scheint der Massenmörder Thanos der heimliche Held dieses Superheldenfilms, und es braucht die übrigen zweieinhalb Stunden, um uns großen Moralisten jenen furchtbaren Gedanken wieder aus den Gehirnen zu prügeln: Wäre es nicht, wegen der Umwelt und so, schon besser, wenn die Hälfte von uns verschwände? Und die andere Hälfte kriegt Elektrosportwagen?