© Monja Gentschow für DIE ZEIT

Wer in Bad Salzuflen strandet, war meist schon vorher ein Wrack. Sonst hätten ihn Kranken- oder Rentenkasse nicht hergeschickt. Dabei wollte man doch lieber an die See. Oder in die Berge. Oder in einen Kurort mit mondänerem Namen. Salzuflen! Wie das schon klingt. Und wo zum Teufel liegt das eigentlich?

Irgendwo zwischen Bielefeld, Detmold und Minden. Auf jeden Fall nicht in Ostwestfalen, sondern in Lippe! Da sind die Lipper eigen. Und wichtig ist, dass es rund um Bad Salzuflen viel Landschaft gibt: Hügel, Wälder, Felder, Gehöfte. Für die Ruhe ist das wichtig. Und für die Bewegung.

Hier also sollen Sie wieder flottgemacht werden in drei, in vier, vielleicht auch in sechs Wochen. In einem der graubetonigen Zweckbauten am Rand der Stadt, die "Reha-Zentrum" heißen oder "Salzetalklinik" oder "Klinik am Burggraben". Und zwei Stunden? Das wird die Zeit sein, die Ihnen höchstens bleibt zwischen Kuranwendung und Therapiestunde, zwischen Gesprächskreis und Nordic Walking.

Also erst mal hinaus in den Kurpark! Riesenhafte Bäume, Rasenflächen, geschotterte Wege, ein See, Trauerweiden. Wir überqueren ein Flüsschen namens Salze und wenden uns nach links. Kramen Sie jetzt schon einmal Ihre Kurkarte aus der Tasche. Oder drei Euro für eine Tageskurkarte. Gleich erreichen wir ein Kassenhäuschen.

Sie finden das knickrig? Dann schauen Sie sich um! Jetzt nämlich verlassen wir die romantische Landschaft des Salzetals und betreten den südlichen Teil des Kurparks: feinste baröckelnde Gartenbaukunst, umstanden von imposanter Kurbad-Architektur (Säulen, Mansarddächer, Kuppeln, Terrassen, all so was, möglichst weiß und klassizistisch). Sie fühlen sich plötzlich underdressed? Ach was! Wer würde heute schon in Krinoline oder Gehrock durch den Kurpark flanieren? Und alles andere ist hier eh ein Stilbruch.

So wie die Konzerthalle aus dem Jahr 1963, die den Kurpark zur Altstadt hin begrenzt: viel Glas, umrahmt von wenig Naturstein. Funktionell wie eine schicke, leichte Regenjacke. Und deshalb schön. Stilbrüche müssen sein, wenn man Leib und Seele neu sortiert.

Wollen wir uns die viel gerühmte Akustik anhören? Gleich! Um 16 Uhr ist Kurkonzert. Dann werden sich wieder knapp dreißig Zuhörer auf den exakt 1123 samtbezogenen Sitzplätzen verlieren, und auf der Bühne wird das Kurorchester spielen, als ginge es um sein Leben. Drei Herren: ein Geiger, ein Pianist, ein Kontrabassist. Zwischen den Stücken verständigen sie sich halblaut auf Ungarisch. Dann folgt das nächste Potpourri. Der Eintritt: mit Kurkarte frei.

Doch wir wollen weiter in die Altstadt. Und stehen erst einmal vor einem Rätsel: Sind das die Reste der Stadtmauer? Nein, Sie Kurort-Neuling! Das sind Gradierwerke. Hohe Wände aus Holz und Reisigbündeln, über die die Salzsieder früher die Sole rieseln ließen, um sie zu konzentrieren. In den warmen Monaten rieselt es noch immer. Sich hier aufzuhalten ist dann wie ein Strandspaziergang bei starker Brandung: gut für die Atemwege.

Und hinter den Gradierwerken beginnt sie endlich, die Altstadt. Biegen wir ein in die Lange Straße! Sehen Sie diese prächtigen Fachwerkhäuser, die nach oben immer weiter vorkragen? Alle aus dem 16. und 17. Jahrhundert, manche üppig beschnitzt. Und erstaunlich wenig Bankfilialen in den Erdgeschossen. Dafür Restaurants, Juweliere, Buchhandlungen und, na ja, ein Laden namens "Socks for you". Ein Branchenmix halt, gewachsen aus den Bedürfnissen des Kurgasts: was für den Bauch, was für die Seele, was für den Kopf, was für die ständig kalten Füße.

Wobei ein Kaffeehaus wie das KleinerGrünauer drüben hinter dem Alten Rathaus auch alle vier Bedürfnisse gleichzeitig stillen kann. Wir haben Glück, es ist noch ein Tisch frei! Es gibt Cappuccino, Mohntorte, ein Exemplar der Lippischen Landeszeitung. Und die Freundlichkeit der Azubis, die einen hier bedienen, wärmt die Seele bis in die Fußspitzen.

Gleich müssen Sie zurück in die Klinik? Zur Ergotherapie?

Nur ein Wort noch: Wenn Sie das nächste Mal zwei Stunden Zeit haben, dann hören Sie sich das Kurkonzert bis zum Ende an. Oder gönnen Sie sich einen Salatteller im Wirtshaus Zum Salzsieder. Oder etwas Türkisches, Gegrilltes bei Yol. Erkundigen Sie sich, was es im Kur- und Stadttheater gibt. Genießen Sie es, dass dieses Bad Salzuflen ein Kultur- und Gastronomieangebot hat wie keine andere Kleinstadt im deutschen Nirgendwo. Sie werden noch viel Zeit dafür haben in den nächsten Wochen. Vor allem aber: Sagen Sie nie wieder "Salzuflen, wie das schon klingt"!

Und jetzt: Gute Besserung!