DIE ZEIT: Herr Froschauer, waren Sie zu Ostern in der Kirche?

Daniel Froschauer: Aber natürlich! Am Ostersonntag um 9.15 Uhr habe ich in der Wiener Hofburgkapelle eine Mozart-Messe gespielt. Die Kirchenmusik gehört zu meinem Leben einfach dazu, seit ich als Kind zu den Wiener Sängerknaben kam und wir jeden Sonntag in dieser Kapelle auftraten.

ZEIT: Heute sind Sie Erster Geiger, Stimmführer und Vorstand der Wiener Philharmoniker, Ihr Vater war Dirigent und Chordirektor der Wiener Staatsoper. Dass Sie weiterhin auch zur Hofmusikkapelle gehören, ist ein Hobby. Was aber bedeutet dem Spitzenmusiker die sakrale Musik?

Froschauer: Sie ist für mich die schönste Möglichkeit, die Liebe zu Gott auszuleben – ob nun als Musiker oder Zuhörer. Nachrangig finde ich, welche Religion man selber hat. Aus dem Repertoire der Wiener Philharmoniker sind für mich die großen Messen von Mozart, Beethoven, Schubert und Bruckner besonders interessant, darin drücken sich auch schwierige Bekenntnisse zu Gott aus.

ZEIT: Für den 2. Mai hatten die Wiener Philharmoniker ein Friedenskonzert im Berliner Dom geplant. Finanziert von der Stiftung Pro Musica e Arte Sacra in Rom und aufgeführt in einer Symbolkirche des deutschen Protestantismus, sollte es auch ein ökumenisches Ereignis sein. Nun wird es ein Solidaritätskonzert für Notre-Dame. Wieso war das den Philharmonikern wichtig?

Froschauer: Wir spielen in Berlin Anton Bruckners 2. Symphonie, das Konzert ist Teil eines ganzen Bruckner-Zyklus, den Christian Thielemann in den Kathedralen Europas dirigieren wird. Für 2021 war unser Auftritt in Notre-Dame bereits beschlossen. Deshalb sind wir nun besonders traurig. Und es ist uns ein Bedürfnis, mit dem Konzert im Berliner Dom Menschen zu ermutigen, gerade jetzt zusammenzustehen für eine Botschaft des Friedens. Bruckner war übrigens ein tiefgläubiger Mensch, der mit seiner Musik immer auch die Verbindung zu Gott suchte. Seine 2. Symphonie ist für uns eine Herzensangelegenheit, weil die Wiener Philharmoniker sie 1873 uraufgeführt haben. Wenn Bruckner durch die Tonarten geht, vor allem wenn er in die Liebes-Tonart E-Dur wechselt, spürt man auch heute noch das Ehrliche und Ultimative seines Glaubens. Wir werden Bruckner im Berliner Dom mit unserem eigenen Klang spielen, mit den charakteristischen Pauken und Posaunen.

ZEIT: Kannten Sie Notre-Dame eigentlich aus eigener Anschauung?

Froschauer: Ja, sicher. Seit ich 1973 zum ersten Mal in Paris war, gehörte ein Spaziergang zu der Kathedrale immer dazu. Nicht um eine Touristenattraktion zu besichtigen, auch nicht, um zu beten, sondern um innezuhalten. Ich kann den Grund nur schwer in Worte fassen. Warum gehe ich immer, wenn ich in Mailand bin, in den Dom?

ZEIT: Weil er die drittgrößte Kirche der Welt ist? Weil Sie Katholik sind?

Nein. Ich lasse die Größe auf mich wirken und spüre, es gibt eine andere Dimension. Als ich die Nachricht vom Brand in Notre-Dame hörte, war ich in Ägypten, um endlich einmal die Pyramiden zu besichtigen. Abends dann die Bilder aus Paris: Ich konnte es nicht glauben und habe sofort meinen Vater angerufen, wir waren fassungslos.

ZEIT: Was erhoffen Sie für das Konzert in Berlin?

Froschauer: Ich bin neugierig, weil ich noch nie in diesem Dom war. Was die Akustik anbelangt, die in Kirchen oft schwierig ist, bin ich unbesorgt, weil Christian Thielemann mit seiner Opernerfahrung sich solchen Räumen hervorragend anpassen kann. Und Berlin ist ja seine Heimatstadt. Wenn wir nun im Dom ein Meisterwerk der Musik zum Leben erwecken, dann hoffe ich, dass die Zuhörer eine besondere Verbundenheit untereinander spüren. Die Erkenntnis: Wir alle sind vergänglich, aber die großen Werke bleiben.

Informationen und Tickets zum Konzert unter berlinerdom.de/aktuelles und Tel. 030/20 26 91 36