Was ist Liebe? Freiwillige Abhängigkeit, behaupte ich. Mal kommt in der Liebe mehr die Abhängigkeit zum Vorschein, mal mehr die Freiwilligkeit. Der Philosoph Hegel besaß die desillusionierende Weisheit, dass man die Verrücktheiten der Liebe in etwas Vernünftiges überführen müsse, und das wäre dann die Ehe. Das Ende einer Liebe kann wie die Befreiung von einem Wahn sein – Pech, wenn nach dem Ende vom Wahn noch etwas geblieben ist.

Liebe ist aber schwer auf einen Begriff zu bringen. Eine Geschichte von F. Scott Fitzgerald beginnt mit der Erregung über die Worte: "Liebe in der Nacht; Liebe in der Nacht", und der Protagonist probiert sie in drei Sprachen aus: Russisch, Englisch und Französisch. "In jeder Sprache", heißt es dann, "bedeuten die Worte eine andere Art von Liebe und eine andere Art von Nacht." Fitzgeralds Geschichte heißt natürlich Liebe in der Nacht, und sie steht in der sehr lesenswerten Anthologie Dein ist mein ganzes Herz. Alles gut gemachte Geschichten von McCullers, Dörrie, Murakami, Maupassant, Palmen, Munro, Taylor, Gavalda, Brett, Wells, Zehrer, Haruf.

Konsequent trägt die erste Geschichte den Titel: Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden. Wovon also? Bei Raymond Carver erzählt ein Arzt vom Unfall eines alten Paares. Gipsverbände und Bandagen, vom Kopf bis zu den Füßen, kleine Löcher für Augen und Mund. Der Mann, so der Arzt, war deprimiert: "Ich beugte mich manchmal über das Loch für seinen Mund, versteht ihr, und dann sagte er, es sei nicht unbedingt wegen des Unfalls, sondern weil er sie, seine Frau, durch seine Augenlöcher nicht sehen könne. Er sagte, deshalb fühle er sich so elend", und dann betonte der Arzt diese Erfahrung mit der Liebe: "Ich meine, es brachte den alten Sack fast um, dass er die verdammte Frau nicht angucken konnte."

Das ist der Absolutismus der Liebe. Für die gegenteilige Vorstellung, nämlich dass in der Liebe alles nur relativ sein kann, steht ein anderes Werk aus der Anthologie. John Updikes Dein Liebhaber hat eben angerufen ist eine der Geschichten, die sich technisch erledigt haben. Heute hat, ob Frau, ob Mann, jeder sein eigenes Handy. Waren das Zeiten, als im Heim der Ehepartner das Telefon klingelte und wenn der oder die Falsche abhob, der Kontakt sofort abgebrochen wurde!

Auch wenn Updike leicht schlüpfrig ("anlassig" sagt man in Wien) von Liebe und Ehe erzählt, so ist doch Dein Liebhaber hat eben angerufen ebenso ein schöner Text über das Wesen des Telefons: "... schrille Töne, gebieterisch und klagend, die erst nach dem zwölften Mal aufhörten; dann wurde am anderen Ende der Leitung aufgelegt."

Ursula Baumhauer (Hg.): "Dein ist mein ganzes Herz. Geschichten über die Liebe"; Diogenes Verlag, Zürich 2019; 272 S., 10,– €