... im Kopf

Dass das Gehirn in der Pubertät verrücktspielt, weiß jeder. Jugendliche sind launisch, risikofreudig und unberechenbar – alles, weil ihr Gehirn in dieser Zeit umgebaut wird und die einzelnen Bauabschnitte ungleich schnell vorankommen.

Manches wird früher fertig, andere Hirnbereiche sind länger in Arbeit. Wer sich auf der halb fertigen Großbaustelle des Berliner Flughafens (BER) umsieht, bekommt einen guten Eindruck davon, wie es im Denkorgan Pubertierender zugeht. Doch wann ist der Umbau abgeschlossen? Diese Frage ist ähnlich offen wie jene nach der Eröffnungsfeier des BER. Denn das Gehirn ist nie statisch, selbst im fortgeschrittenen Alter können neue Nervenzellen sprießen. Als konkretester Anhaltspunkt für die neuronale Volljährigkeit gilt vielen Forschern die Frage, wie Emotionen verarbeitet werden – darin unterscheiden sich jugendliche und erwachsene Gehirne nämlich deutlich.

Sollen Jugendliche emotionale Gesichtsausdrücke beurteilen, wird vor allem ihre Amygdala aktiv, ein Hirnareal, das spontane Erregungszustände wie Angst oder Aggressivität kanalisiert. Bei Älteren hingegen werden Emotionen im präfrontalen Cortex verarbeitet, zuständig für Impulskontrolle und langfristiges Denken. Diese Steuereinheit entwickelt sich viel langsamer als die Amygdala. Deshalb springen Jugendliche auf viele Dinge spontan und emotional an, während Erwachsene eher abwägen und länger überlegen. Im Schnitt ist der präfrontale Cortex mit etwa 25 Jahren ausgereift – wobei es große individuelle Unterschiede gibt. Die eine hat ihre Impulse schon früh im Griff, der andere (meist sind es Männer) eher später. Mit Blick aufs Gehirns kann man also sagen: Wir sind erwachsen, wenn wir unsere Impulse kontrollieren. Das ist bei den meisten mit etwa 25 der Fall – bei manchen allerdings auch nie. Ulrich Schnabel

... in der Schule

Reifezeugnis" und die "mittlere Reife" – die traditionellen Bezeichnungen der Abschlüsse zeugen vom Auftrag der Schule, den Nachwuchs auf das Erwachsensein vorzubereiten. Reif für das Studium an der Hochschule soll das Gymnasium die ihm Anvertrauten machen. Der mittleren Reife folgt in der Regel die Berufsausbildung.

Im Schutzraum der Schule eignen wir uns im Idealfall an, was wir für den Ernst und den Spaß des Lebens wissen und können müssen. An die Matrizenrechnung oder die Tragik bei Kabale und Liebe können wir uns später nicht erinnern, aber das macht nichts; viel wichtiger ist, dass uns verschiedene Fenster zur Welt geöffnet wurden, über die Sprache, die Kunst, die Naturwissenschaften oder die Geschichte. Auf der Klassenfahrt nach England, in der Schülervertretung, auf Schulfesten und durch die tägliche Begegnung mit Mitschülern und Lehrern entwickeln wir unsere Persönlichkeit, unseren Charakter, üben uns in Gemeinschaft. Getreu dem Bonmot: "Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat."

Dass wir durch die Schule erwachsen werden, merken wir paradoxerweise daran, dass uns die Grenzen der Bildung bewusst werden. "Wieso, weshalb, warum?", heißt es im Erkennungslied der Sesamstraße, "wer nicht fragt, bleibt dumm." Der Nachwuchs, wenn er noch richtig klein ist, setzt das meist auch um und fragt und fragt und fragt. Bis sich der Erwachsene genervt und mit schlechtem Gewissen zu einem "Das ist nun mal so" oder noch schlimmer "Darum!" hinreißen lässt. Worauf das Kind schweigt. Und nach kurzer Pause weiterfragt. Wer erwachsen ist, hat seinen Frieden damit geschlossen, dass es vor allem auf die großen Fragen wohl nie eine befriedigende Antwort geben wird. Thomas Kerstan

... vor Gericht

Was Gut und Böse ist, wissen schon Kindergartenkinder, aber strafmündig ist man erst mit 14 Jahren. Dann traut der Gesetzgeber einem Menschen zu, die Folgen seines Tuns halbwegs zu überblicken. Das war nicht immer so, im Reichsstrafgesetzbuch von 1871 wurden schon Zwölfjährige von der Strafjustiz zur Rechenschaft gezogen. Das Jugendgerichtsgesetz von 1923 setzte schließlich auf die "verstandesmäßige Einsichtsfähigkeit" des 14-jährigen Bürgers. Die Grenzziehung dürfte sich an den Lebensumständen dieser Kohorte orientiert haben: Für sie endete die Volksschule nun nach acht Jahren, man ging in die Lehre. Eine wissenschaftliche Begründung, warum ausgerechnet der 14. Geburtstag den Menschen zum Angeklagten machen kann, der Mord eines 13-Jährigen aber straflos bleibt, gibt es nicht.

Vom 14. bis zum18. Lebensjahr unterliegt der Jugendliche dem Jugendstrafrecht, hier geht es – im Unterschied zum Erwachsenenstrafrecht – nicht um Vergeltung oder Schuldausgleich, sondern um erzieherische Maßnahmen, also allein um die Frage: Mit welchen Mitteln kann der Staat in ihrem Charakter noch formbare Delinquenten von weiteren Straftaten abhalten und sie in die Gesellschaft zurückholen?

Weil sich Menschen überaus unterschiedlich entwickeln, werden heranwachsende Täter zwischen dem 18. und dem 21. Lebensjahr abhängig vom Stadium der inneren Reife vom Strafgericht nach dem Jugendstrafrecht oder dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt. Der Gesetzgeber lässt den Strafrichtern also den Spielraum, auch Volljährige noch wie Jugendliche zu behandeln. Durch eine Vielzahl an Maßnahmen und Auflagen (anstelle von Gefängnis) können sie die Heranwachsenden noch erreichen. Und haben damit sehr oft Erfolg. Sabine Rückert

... im Kino

Der Weg von der Jugend zum Erwachsensein ist im Kino meistens ein Drama. Es geht um das Lebensgefühl, einer Welt anzugehören, der man sich nicht zugehörig fühlt. Um Zwischenzustände, Schwellenkunde, Überreaktionen.

Schon die Titel sprechen für sich: Denn sie wissen nicht, was sie tun, Die Halbstarken, Dazed and Confused, The Virgin Suicides. Es gibt den Parcours der Schwererziehbaren zwischen Schulschwänzerei, Kriminalität und verständnislosen Eltern (Sie küssten und sie schlugen ihn) oder Sex als großen Katalysator für was auch immer (Die Reifeprüfung). Und dann wäre da noch jene konsequente Art des Adoleszenz-Films, die erzählt, was Erwachsenwerden auch und vielleicht vor allem bedeutet: Leerlauf, Suche, Sprachlosigkeit. So wie in Thomas Arslans Mach die Musik leiser über eine Gruppe Jugendlicher, die im Essen der Neunzigerjahre auf einem Parkplatz abhängen. Ende der Schulzeit. Endzeit.

Meisterlich hat auch der amerikanische Regisseur Richard Linklater den vermeintlichen Stillstand rhythmisiert: in der Langzeitbeobachtung Boyhood. Über zwölf Jahre hinweg versammelte Linklater seine Schauspieler alljährlich einige Tage lang vor der Kamera. Sein Film erzählt die Kindheit und Jugend von Mason (Ellar Coltrane), einem Jungen in Austin, Texas. Die Grundschule, kleine Streitereien mit der Schwester, Pubertät, Videospiele. Die Konflikte der getrennten Eltern, erste Party, erste Liebe, erster Job. Vor allem aber geht es um den Alltag dazwischen. Man erlebt, wie die Eltern von einer Szene zur anderen fast unmerklich altern, bei Mason die Pickel auf der Stirn erblühen, bei seiner Schwester der Babyspeck verschwindet. Boyhood zeigt das dramatische Verstreichen der Zeit, das uns nie undramatischer erschien als in unserer Jugend. Katja Nicodemus

... oder nicht?

Da kommt Homo sapiens nicht raus. Mag er auch die Spezies mit der längsten Kindheit und Adoleszenz im ganzen Tierreich sein, spätestens wenn sich der eigene Nachwuchs einstellt, heißt es Verantwortung tragen, erwachsen sein. Und zwar nonstop. Kann man es ihm da verdenken, wenn er sich der Melancholie hingibt, empfindsam seufzend dem "inneren Kind" nachzusuchen: So war ich eigentlich – was ist aus mir geworden?

Hier das Kind, so begeisterungsfähig, staunend und unmittelbar; da der Erwachsene als entfremdeter Homo Faber, nur in Ausnahmefällen zur Weltbewunderung fähig. "Einstmals genügte ein Schlüsselbund, um Staunen zu erregen; jetzt müssen Sie dazu schon in den Yosemite-Nationalpark oder an die irische Westküste reisen", schrieb die Philosophin Susan Neiman in ihrem Buch Warum erwachsen werden? Autsch!

Doch zweierlei gibt es einzuwenden. Erstens wie freigiebig Kinder ihre Mitmenschen zu Passivstaunern machen. Ein Kind beim selbstvergessenen Spiel mit den letzten Ausläufern der Wellen am Strand zu beobachten schlägt jede Ratgeberlektüre. Zweitens lässt sich Aktivstaunen üben. Wissen und Wundern schließen sich nicht aus, sie sind beide Produkte der Neugier. Niemand muss zum Staunen nach Yosemite, ein Blick in den Spiegel und ein gutes Sachbuch genügen: Jedes zweite Atom in unserem Körper stammt von außerhalb der Milchstraße. Woraus wir bestehen, ist vor Urzeiten in fernen Sonnen entstanden. Statistisch gesehen trägt jeder Leser dieser Zeilen Atome in sich, die einmal in Shakespeare und Beethoven gesteckt haben ... – So erstaunlich ist die Realität, dass sie jedermann kindliches Staunen zu bescheren vermag. Der Biologe Richard Dawkins nennt es den "Zauber der Wirklichkeit". Und für den wird Homo sapiens nie zu erwachsen. Stefan Schmitt