Wunden und Wunder – zusammen ergibt das Ostern. Für manchen von uns mag diese theologische Dualität bis zum Beginn der Karwoche nur noch ein abstraktes Konstrukt gewesen sein, bestenfalls ein entlegenes biblisches Gerücht. Da stand plötzlich in der Nacht vom 15. auf den 16. April die Pariser Kathedrale Notre-Dame in Flammen, wie ein brennendes Menetekel erleuchtete sie den Nachthimmel. Und als die Königin aller Kathedralen in Schutt und Asche zu versinken drohte, wurden wir wieder gewahr, was Passion ist. Da überkam uns nicht nur eine kulturgeschichtliche Verlustangst, weil mit dieser Kirche das wohl schönste Exemplar der mittelalterlichen Gotikkunst untergegangen wäre. Der Schreck, der uns ereilte, war metaphysischer Natur, es wehte – um mit dem "Engel der Geschichte" des Philosophen Walter Benjamin zu sprechen, ein "Sturm vom Paradiese her". Und der erwies sich als Feuersturm in einer lauen Frühlingsnacht. Aber was dann kam, war das schon ein Wunder? Die Feuerwehrleute konnten das Kirchenschiff halten, nach vierstündigen Löscharbeiten war klar: Das kulturelle Erbe kann bewahrt werden, die Königin kommt mit schweren Blessuren davon.

Und als wäre es auf Ostern hin eine Auferstehungsgeschichte auf Französisch, nahmen mit jedem Tag die Hoffnungszeichen zu: Am Anfang standen die geretteten Rosettenfenster, dann kamen die Spendensummen in nie gekannter Höhe und schließlich, vielleicht erst mit dem Abstand der ersten Tage möglich, das Staunen darüber, wie viel eine Kirche im Zentrum des alten Europa in der Moderne von heute an weltweiter Anteilnahme auszulösen vermag. Ist das Christentum eben doch weit weniger stumm in seiner Ausstrahlung, als es oft heißt? Und ist die Welt, die so säkular oft daherkommt, weit weniger stumpf gegen den drohenden Verlust eines heiligen Ortes?

Doch mitten hinein in die ansteigende Hoffnungskurve der Rettung von Notre-Dame bricht eine neue Schreckensnachricht, am Ostersonntag selbst, ins Ostergeschehen selbst, in Gottesdienste am anderen Ende der Welt, von Paris aus gesehen.

Der Terrorangriff in Sri Lanka auf sechs Kirchen und drei Luxushotels hat über 300 Tote und rund 500 Verletzte gefordert. Und diesmal ist es kein Zeugnis des Glaubens, das der Verwüstung ausgesetzt ist. Es sind Menschen, die tagtäglich mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele für ihren Glauben einstehen, einfach, indem sie in die Kirche gehen: So verschieden die Orte, so unterschiedlich hier der Brand aus Zufallsgrund, dort der Terrorakt aus barbarischen Motiven, so vergebens wäre jeder Versuch der Sinnstiftung im Angesicht des Leids. Doch keinen Sinn zu sehen im Leid sollte uns nicht zum Wegsehen verführen: nicht von den Verzweifelten und nicht von der eigenen Verzweiflung der Ratlosigkeit. Wer kann da noch unbedarft auf die Auferstehung setzen?

Vielleicht geht mehr nicht, an diesem Ostern, als uns einzugestehen: Wie schwer ist es auszuhalten – dieses Spannungsfeld zwischen Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden" und Klopstocks "Preis dem Todesüberwinder". Ist das selbst nicht schon Martyrium? Diese Gläubigen, die das Ende des Martyriums Christi am Kreuz in der Osternacht feierlich begehen wollten, werden wieder zurückgebombt in den Tod.

Warum nur, fragen wir, dieser Stachel, wo doch mit den Nachrichten aus Paris alles auf so gutem Wege schien?

Den Brand von Notre-Dame in Paris und den Terror in Sri Lanka nach den Kriterien einer täuschenden Nähe zu beurteilen, nach dem, was uns nahegeht, weil es uns näher liegt, kulturell und geografisch, wäre genau der falsche Impuls. Wie soll man fragen, was ein Menschenleben gegen eine Steinstatue wiegt? Aus beiden spricht die Passion, die Leidensfähigkeit, der wir Menschen auf Erden unaufhörlich ausgesetzt sind. Brauchte es sonst eine Erlösung? Deshalb braucht es die Auferstehung. Vielleicht ist jetzt genau die Zeit, den großen Deutungsversuchen einmal für einen Moment zu entsagen.