Man sollte die Robustheit eines Volkes an der Stärke der Kritik messen, die es in der Kunst zu ertragen bereit ist. Polens Wehrhaftigkeit wird gerade vom Filmregisseur Wojciech Smarzowski getestet, bei dem der inflationäre Ausdruck "Skandalkünstler" ausnahmsweise mal zutrifft. Seine Gesellschaftskritik ist so stark und die Wucht seiner Filme so ohrenbetäubend, dass man mit Fug und Recht behaupten kann, Polens Selbstbewusstsein muss noch einigermaßen intakt sein, wenn Smarzowski seine Filme drehen und auch noch mit Steuermitteln finanzieren kann. Aber dazu später mehr.

Das Filmfestival FilmPolska, das in Berlin bis zum 1. Mai die wichtigsten polnischen Filme zeigt, hat sich dazu entschlossen, eine vom staatlichen polnischen Filmkunstinstitut (PISF) mitfinanzierte Retrospektive von Smarzowskis Werken zu präsentieren. Wer sich die Mühe macht, die sechs ausgewählten Filme anzuschauen, erhält einen Schnellkurs in moderner polnischer Geschichte und lernt besser zu verstehen, wie dieses Land sich derart spalten und in zwei Richtungen entwickeln konnte: in eine säkulare, westlich orientierte, turboliberale und in eine tiefkatholische, in sich gekehrte, melancholische auf der anderen Seite.

Autopsie eines Volks

Man kann ruhig mit Smarzowskis neuestem Werk beginnen und sich anschließend chronologisch in die Vergangenheit zurückarbeiten. Klerus erschien 2018 und stellte dabei einen neuen Rekord auf: Mehr als sieben Millionen Menschen hat der Film in die Kinos gelockt. Der Festivaldirektor Kornel Miglus nennt Smarzowski "den modernen Wajda" – auch Smarzowski unterzieht das Volk einer Autopsie und steckt seine Finger in Wunden, die sich hinter dicken Schichten Selbstverleugnung verbergen. Klerus ist radikale Volksanalyse: Der Film porträtiert die üblichen Verfehlungen einer katholischen Priesterschaft, von der jeder kirchlich sozialisierte Pole gehört hat, es aber nie wagen würde, mit seinen Großeltern darüber zu sprechen.

Im Zentrum des Films stehen die drei Priester Lisowski, Trybus und Kukuła sowie der Erzbischof Mordowicz. Jeder von ihnen verbirgt ein dunkles Geheimnis. Trybus (Robert Wieckiewicz) liebt heimlich eine Frau und nutzt die Sonntagskollekte nicht für den Ausbau der Dorfkirche, sondern zur Mehrung seines Vermögens. Es kommt zur Zerreißprobe, als Trybus erfährt, dass er seine Geliebte geschwängert hat. Um einen Skandal zu verhindern, drängt er auf Abtreibung des Kindes.

Den anderen beiden ergeht es nicht besser. Lisowski (Jacek Braciak) arbeitet für den Erzbischof und träumt von einer Versetzung in den Vatikan. Auch er ist ein rückgratloser Karrierist. Für den Erfolg vertuscht er die Machenschaften des Bischofs (Janusz Gajos), der ein Gotteshaus in seinen persönlichen Tempel und Privatpalast verwandeln will.

Die zentrale Gestalt ist allerdings der Priester Kukuła (Arkadiusz Jakubik), der einzige aus der Runde, der glaubt und sich mit seinen Schwächen auseinandersetzt. Kurz: Er fühlt sich zu kleinen Jungen hingezogen. Hat also das Kirchenvolk recht, als es den Priester beschuldigt, einen Ministranten sexuell missbraucht zu haben? Es ist der Beginn einer Schlammschlacht ohne Gewinner, zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Umstand, dass die polnische Kirche pädophile Priester vor Kritik schützt und einen jeden Aufklärungsversuch als Angriff gegen den Glauben interpretiert.