Was ist eigentlich aus den Superlativen in der Literatur geworden? Wo sind sie hin, wo sind sie geblieben? Diese wunderbaren Übertreibungen, in denen noch Honoré de Balzac schwelgte, die geradezu den Grundbauplan jener Sätze bildeten, mit denen er seine Figuren einzuführen pflegte: "Dieser fürchterliche Bankier, einer der fürchterlichsten unter den vielen furchterregenden Bankiers, die das Paris von 1830 in Furcht und Schrecken versetzten ..." Hand aufs Herz, machten nicht gerade solche Sätze, ungebremst in ihrer Wut, die Größe von Balzac aus? Diesem grellen Maler empörender Gesellschaftszustände, einem der grellsten unter den vielen französischen Schriftstellern, die in grellen Farben gemalt haben? Jedenfalls würde man gerne auch einmal von unseren Schriftstellern etwas Derartiges über die Mächtigen unserer Zeit lesen, vielleicht über einen dieser ängstlichen Bundesminister, einen der ängstlichsten unter den vielen von Furcht und Feigheit geschüttelten Ministern der großen Koalition? Aber leider ist es in der Literatur recht still geworden um die Bundesminister. Das letzte Mal, dass einer von ihnen im Roman behandelt wurde, wann wird das gewesen sein? In Wolfgang Koeppens Treibhaus , anno 1953? Immerhin hat Rainald Goetz jüngst, wenngleich keinen korrupten Minister, so doch einen finsteren Manager zur Romanfigur gemacht, einen der finstersten und durchgeknalltesten Typen in dieser von finsteren Machenschaften und durchgeknallten Typen beherrschten Wirtschaftswelt. Es ist also nicht so, dass es unserer Gegenwart an Gestalten mangelte, die sich superlativisch behandeln ließen. Nur unsere Schriftsteller, diese schreckhaften Sensibelchen, gehören offenbar zu schreckhaftesten und vorsichtigsten Sensibelchen in diesem von Vorsicht und schreckhafter Rücksichtnahme ohnehin geprägten Literaturbetrieb. Was wäre, wenn sich einer von ihnen einmal zu einem entschiedenen Urteil aufraffte? Würde er sofort eine aufs Maul bekommen von einem dieser stets Maulschellen verteilenden Kritiker, die sich im Internet, diesem übelsten aller Tummelplätze der übelwollenden Aufseher, aufs übelwollende Beaufsichtigen verlegt haben? Natürlich würde das geschehen, um nicht zu sagen: naturgemäß. Denn die eigentliche Beißhemmung dieser beißgehemmten Autoren ist naturgemäß ihre fürchterliche Gehemmtheit im verschüchterten Gedenken an Thomas Bernhard, diesen bissigsten und enthemmtesten aller Autoren in der einschüchternden Nachfolge des Balzacschen Superlativs. FINIS