Angefangen hat es mit French Manicure. Eine Hospitantin kam damit an. Ich weiß noch, wie fasziniert ich von diesen strahlend weißen Nägelrändern war, den symmetrisch gerundeten Ecken und diesen matt schimmernden Halbmonden. Sie schien sie jeden Tag neu zu lackieren. Nie entdeckte ich auch nur die kleinste Macke. Wann stand die morgens auf?

Künstliche Nägel hatte ich noch nie aus der Nähe gesehen. Eigentlich kommt so etwas in meiner Welt nicht vor. Hat mich auch nie interessiert. Ähnlich wie künstliche Brüste. Die sieht man schon mal am Strand oder im Schwimmbad. Oder künstliche Wimpern. Einen Moment ist man von Fülle oder Prallheit geflasht, aber dann wird das Bild im Gehirn scharf, man erkennt den Fake. Bis zur Begegnung mit der Hospitantin fielen auch künstliche Nägel für mich in diese Kategorie. Ich dachte immer: Wer will schon aussehen wie Uschi aus Manta Manta?

Anscheinend: Ich!

Mir fehlt jegliches Talent zur optischen Selbstoptimierung. Ich habe es oft probiert. Jahrelang habe ich mich an Smokey Eyes herangeschmiert, jedes Mal sah ich am Ende aus wie ein trauriger Pandabär. Und ich war keine halbe Stunde auf der Party, bis mich eine andere Frau dezent zur Seite nahm und sagte: Ähem, ich glaube, du solltest dir deine Wimperntusche noch mal im Spiegel ansehen.

"Diese Nägel. Wie machst du das?", fragte ich die Hospitantin irgendwann auf der Damentoilette. Sie lachte: "Das ist Schellack. Das lasse ich machen!" Und dann gab sie mir die Adresse ihres Nagelstudios.

Man erkannte es schon aus einiger Entfernung: Lächelnde Leuchtschriftlippen blitzten mir entgegen. Darüber stand "Smiley!" in Pink. Ich unterdrückte den Impuls, die Dame an der Theke zu fragen: "Müsste es nicht Smile heißen?", und bekam einen Stuhl zugewiesen. Ich betrachtete die Inneneinrichtung: Überall Geblinke, Plastikblumen und winkende Grinsekatzen. Billig, simuliert, trashig. Die Arbeitsbedingungen hier werden furchtbar sein, dachte ich mir. Denn auch wenn die Chefin des Ladens meist eine Frau ist, bedeutet das ja nicht, dass ein Nagelstudio feministisches self empowerment wäre.

Nun ja, vielleicht doch. Denn inzwischen habe ich gelernt: Shellac-Nägel machen sich Frauen auf jeden Fall nicht, um Männern zu gefallen. Sie machen sie für sich selbst und für andere Frauen. Die allerwenigsten Männer würden einer Frau ein Kompliment machen wie: Das Blush-Orange passt so toll zu deinem Teint. Oder: Das sind wirklich gut gepflegte Nageloberflächen. Hyperfeminines Make-up erschrickt die Männer meiner Zielgruppe eher, als dass es ihnen gefällt.

Die Prozedur dauerte ewig. Es stank nach Lösungsmittel. Im Hintergrund liefen auf mehreren Bildschirmen laute Videoclips einer Musiksendung, deren Fans taub und blind sein mussten. Doch als ich alle Hoffnung aufgeben wollte, sagte die Dame: "Fertig."

Meine Nägel waren knallrot und perfekt. Und sie blieben es über Wochen. Schellack ist ein Material, das die Textur von Granit imitiert, und genau so fühlte es sich an. Noch länger als das Auftragen dauert das Ablösen, und die ganze Chemie killt den Nagel. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist satinsamtener Lack.

Mit zehn Nägeln tauche ich ein in eine Welt, in der ich nichts zu suchen habe. Dennoch kehre ich jetzt stets dahin zurück. Immer wenn ich mir Shellac-Nägel leiste, bekomme ich gar nicht genug davon, an ihnen zu spielen. Ich mag es auch, dass viele in meinem Umfeld mich schräg anschauen. Rote Nägel, warum macht die denn so auf Vamp?

Ich finde es spitze. Ich bilde mir ein, dass die Leute mich durch die Nägel in einem anderen Licht sehen. So wie ich einst die Hospitantin. Dass sie denken: Wow, diese perfekten Nägel, die kann nur jemand haben, der mit einer unglaublichen Präzision und Geduld an sich arbeitet; das ist eine, die ihr Leben komplett im Griff hat.

So stelle ich es mir vor. Und streichele mir dabei versonnen mit einem Samtgranit-Nagel über die Lippen.