Auch dreißig Jahre nach dem Fall des Sozialismus beginnt irgendwo zwischen Berlin und Warschau eine kontinentweite Zone des Unwissens, fast der Unwirklichkeit. Es ist vor allem eine Zone westlichen Nicht-wissen-Wollens. Ungarns Viktor Orbán, Polens Jarosław Kaczyński – der aufgeklärte Westmensch winkt längst ab. Schon ganz in dichtem Entwirklichungsnebel verborgen aber liegt die Ukraine, die wir paradoxerweise genau in dem Moment innerlich vollends aufgeben, in dem ihre Existenz – und vielleicht auch Europa as we know it – durch Russlands Kreuzzug zur Rückeroberung der untergegangenen Sowjetunion bedroht ist.

Aber nicht nur ist das westukrainische Galizien in kultureller Hinsicht europäisches Kernland. Die Ukraine insgesamt ist so etwas wie die Schlüsselnation Europas – der geostrategische Angelpunkt, wo sich die künftigen Entwicklungen Russlands und der EU entscheiden. Grund genug, sich dort einmal umzusehen bei den tonangebenden Fraktionen, in den Gassen und Kirchen, auf den Plätzen, die unaufhörlich belebt sind durch Touristen, einheimische Vergnügungssüchtige – und manchmal auch durch epochemachende Demonstrationen und Barrikaden.

Die Reise nach Galizien ist denkbar unkompliziert. Lwiw (polnisch Lwów, deutsch Lemberg, jiddisch Lemberik) liegt anderthalb Flugstunden entfernt von Berlin. Man braucht nicht mal ein Visum. Das Zentrum der Stadt bildet ein vollständig erhaltenes Renaissance-Ensemble. Um einen annähernd quadratischen Platz, der sich von den bewaldeten Festungshügeln mit kaum wahrnehmbarer Neigung ins Tal absenkt, reihen sich in alle Richtungen fast 150 Meter weit lückenlos Fassaden, die man in Florenz oder Siena vermuten würde, aber nicht in Osteuropa. Die Stadtpaläste des Lemberger Hauptmarkts, des Rynok, sind nach italienischen und polnischen Familien benannt – Bandinelli, Wilczek, Ubaldini. Hinter den Fassaden tun sich italienische Arkadenhöfe auf, und an manchen Stellen ist die Phalanx der Palazzi durchbrochen durch eine klassizistische Stirnseite, einen Rokoko-Solitär oder eine Jugendstil-Extravaganz. Springbrunnen mit mythologischen Statuen beleben die vier Eckpunkte des Platzes. Die Kirchen dagegen sind hinter seine Begrenzungen in die zweite Reihe städtebaulicher Prominenz verbannt. Der Rynok war der Selbstdarstellung eines autonomen Bürgertums vorbehalten. Das Gespräch der Sichtachsen und historischen Assoziationen kreuz und quer über die gigantische Piazza hinweg muss ihr größter Reiz gewesen sein, bevor die österreichische Teilungsmacht 1835 die Platzmitte mit einem Verwaltungspalast zugebaut hat.

Detail einer Jugendstilfassade in Lwiw © Michael Jänecke/ddp

Das nordöstliche Eckhaus des kolonial halb erstickten Hauptmarkts beherbergt seit den Zwanzigerjahren das Café Atlas, in dem der Romancier Joseph Roth, der Zeichner und Schriftsteller Bruno Schulz, der Lemberger Mathematikerkreis und die Logischen Positivisten der Lemberg-Warschauer Philosophenschule verkehrten. Heute ist es wieder zu einem Treffpunkt der Bürgergesellschaft geworden. Karikaturen aus dem 19. Jahrhundert an den Wänden, breite Sofas. Fensterscheiben aus geschliffenem Kristallglas. Apfelstrudel, Cappuccino, eine reelle k.-u.-k.-Küche, eine polnischsprachige Speisekarte und ein elaboriertes Weinangebot. Ein inoffizielles Wohnzimmer der Stadt. So wurde das Café Atlas mein situation room während der Tage in Lwiw und die Stadtlandschaft vor seinen Fenstern der Hintergrund und Kontext meiner Gespräche mit den Lembergern.

Im Umgang mit dem Aufsichts- und Securitypersonal der Lemberger Museen gewinnt der Ortsfremde eine ganz gute Vorstellung von den Manieren, Mienen, Zurechtweisungsritualen und Ordnungsbedürfnissen des Homo sovieticus. Im Gegensatz dazu schien Alexander Kobzarev, der Leiter des Lemberger City Institute, den ich ein denkwürdiges Mittagessen lang über die Intentionen und Maßnahmen der Reformergeneration befragte, aus einem anderen Land und einer anderen Zeit zu stammen. Anfang 40, smarte Brille, Bürstenhaarschnitt, exzellentes Englisch, etwas unbestimmt Harvardabsolventenhaftes. Das ist der Typus, dem der westlich-reformorientierte Lemberger Bürgermeister (und Präsidentschaftskandidat) Andrij Sadowyj vertraut. Kobzarevs Institut – in dem auch ein Stadtplaner aus Leipzig arbeitet – hat unter anderem die Aufgabe, internationales Know-how für die urbanistische Entwicklung der Stadt zu gewinnen.

Lwiw – wo schon im letzten Jahrhundert ein Weltzentrum der Mathematik lag – ist heute ein weltweit prominenter Software-Entwicklungsstandort. Im Westen weiß das kein Mensch. Es ist diese Art von Erfolgsgeschichten, die Kobzarevs Thinktank konzipieren und begleiten soll. Allerdings ist der Homo sovieticus beileibe nicht nur in den Lemberger Museen noch aktiv. Vielmehr hat sich auf jeder Ebene des ukrainischen Staatsapparats eine leicht surrealistische – und vielleicht auch politisch explosive – Gemengelage zwischen alten Garden und Reformern wie Kobzarev hergestellt. Die Staatskunst besteht darin, dafür zu sorgen, dass diese Fraktionen – obwohl sie nicht einmal das gleiche Jahrhundert teilen – dennoch im Sinne der ukrainischen Reformprozesse zusammenarbeiten.