Wir modernen Menschen sind auf ein glückliches Leben geeicht. Man könnte regelrecht von einem Glücksimperativ sprechen, von der Erwartung, ja sogar von der Pflicht, glücklich zu werden. Rund um die Uhr werden wir dazu angehalten – dauerhaft beschallt durch Glücksaufforderungen und von bildhaften Suggestionen geradezu in Geiselhaft genommen –, in dieser Angelegenheit nicht zu verzagen. Wir sollten nach einem möglichst erfüllten Dasein streben, uns ständig um unsere Lebensqualität sorgen. Uns wird ans Herz gelegt, dass guter Rat und sorgfältige Planung zu diesem Ziel führen werden. Auf dem Weg zum Glück stehen wir uns höchstens selbst im Wege.

Was "Glück" eigentlich ist und woraus es besteht, bleibt jedoch meistens unbeantwortet.

Sind wir glücklich, wenn wir euphorisch gestimmt sind und von Hochgefühlen übermannt? Falls das so wäre, bliebe das Glück auf einzelne Momente beschränkt. Es wäre von kurzer Dauer.

Oder kann man Glück quantifizieren und seine Bestandteile gleichsam einsammeln? Diese optimistische Version stellt in Aussicht, dass es Strategien zur Glücksrealisierung gibt. Eine Glückspädagogik wäre demnach wünschenswert.

Ist individuelles Glück in einer unglücklichen Gesellschaft vorstellbar? Das würde vom Einzelnen Erhebliches verlangen – Durchhaltevermögen, Resilienz, Unabhängigkeit und Charakterstärke.

Bedeutet Glück vielmehr die Realisierung all dessen, was wir verlangen, und ist dieses Verlangen – je nach Person – ein jeweils anderes Verlangen? Oder existieren eventuell Maßstäbe des Glücks, die davon unabhängig sind?

Offenbar ist das Glück ziemlich vage, weshalb der Glücksimperativ, wenn wir nicht äußerst vorsichtig sind, schnurstracks ins Unglück führt – in die permanente Enttäuschung, in die traurige Kunst der Selbstüberforderung, in die Entfremdung von sich selbst.

Mehr als Lust und Genuss

"Glück" verbinden wir heute vor allem mit Empfindungen von Lust und Genuss. Es ist hedonistischer Natur. Glück muss man mit anderen Worten fühlen und erfahren. Es ist sinnlich in seiner Art, sensorisch. Das leuchtet zunächst unmittelbar ein, aber diese Auffassung hat dennoch ihre Tücken. Wir befinden uns nämlich kaum längere Zeit in einem solchen Zustand. Lust und Genuss sind in aller Regel von kurzer Dauer, manchmal sogar bloß augenblicksgebunden. Falls wir uns also mit dieser Glücksauffassung begnügten, bestünde Glück lediglich aus einzelnen Momenten. Unser Leben über längere Zeit als glücklich zu bezeichnen wäre dann kaum möglich.

Darüber hinaus ist die Rückbindung von Glück an Lust und Genuss auch in anderer Hinsicht problematisch: Auch wenn ich meinen Beruf liebe und glücklich darüber bin, ihn gewählt zu haben, bedeutet das längst nicht, dass ich während meiner beruflichen Tätigkeit immer Lust und Genuss erfahre. Oftmals ist die Ausübung des Berufs mit Mühen und Schwernissen verbunden. Aber diese vermögen – vorausgesetzt, sie nehmen nicht überhand – meine positive Einstellung zum Beruf nicht grundsätzlich zu verändern. Und vorausgesetzt, ich hätte ein Mittel gefunden, mich ständig glücklich zu fühlen, wäre längst nicht gewährleistet, dass ich auch wirklich glücklich bin. Wir wollen unser Glück nicht bloß geschenkt bekommen, es passiv entgegennehmen oder es einkaufen, denn wir wollen etwas tun, damit wir glücklich sind, einen eigenen, aktiven Beitrag zu unserem Glück leisten.

Vielleicht sollten wir uns auf eine andere Auffassung konzentrieren. Wäre es möglich, dass Glück aus der Befriedigung unserer Verlangen besteht? Reicht es nicht aus, dass meine Verlangen befriedigt werden, damit ich glücklich bin? Wenn ich bekomme, was ich will und was ich mir wünsche, bin ich dann nicht glücklich? Auch hier lautet die Antwort leider "Nein". Es gibt jede Menge Verlangen, die uns geradeaus ins Unglück führen. Es gibt Dinge, die wir zwar wollen, aber die wir besser nicht wollen sollten.

Was heißt hier "besser"? Es heißt: Wir müssen uns über unsere Verlangen und ihre Folgen und Auswirkungen aufklären. Wir benötigen informierte Verlangen, aufgeklärte Wünsche. Wir sollten wissen, was es für Folgen hat, wenn wir nach etwas verlangen und es uns wünschen. Die sofortige oder schnelle Befriedigung eines Verlangens steht nicht selten einer eher langfristigen Befriedigung eines anderen Wunsches im Wege. Aber mehr noch: Die Erfüllung eines Verlangens hat oft zur Folge, dass ich nach Neuem verlange. Ich befinde mich dann in einer Kaskade von Verlangen, verliere irgendwann die Orientierung – und bin dann ein unglücklicher Gefangener meiner Wünsche. Und zuletzt: Es ist gar nicht leicht, zu wissen, was wir wirklich verlangen. Wir passen unsere Verlangen oft den Umständen oder den Angeboten an. Wir wählen dann nicht etwas, weil wir danach verlangen, sondern wir verlangen danach, weil es augenscheinlich leicht zu haben ist.

Das Problem des Todes

Trotz dieser Schwierigkeiten mit dem Glück halten wir hartnäckig an ihm fest. Warum eigentlich? Warum sind wir so glücksbesessen? Warum gelingt es uns nicht, etwas mehr an Glücksgelassenheit zu realisieren?

Der Soziologe Hartmut Rosa hat in diesem Zusammenhang eine interessante Diagnose gestellt. Wir Modernen, so Rosa, verfügen nicht länger wie unsere Vorfahren über die Vorstellung der Ewigkeit, über die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. Uns ist es nicht länger vergönnt, darauf zu hoffen, dass Dinge, die wir im Leben verpasst haben oder nicht realisieren konnten, in der Ewigkeit kompensiert werden. Dieses Tor ist nun verschlossen. Und deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Lebenszeit zu füllen, getrieben von einer anhaltenden Versäumnisangst. Wir müssen das Leben genießen, es "in all seinen Zügen, Höhen und Tiefen und seiner Komplexität auskosten", wie Rosa schreibt. Um das zu realisieren, sollten wir keine Zeit verlieren. "Beschleunigung", so Rosa weiter, sei "ein funktionales Äquivalent für die Verheißung der Ewigkeit". Angesichts der verschwundenen Ewigkeit können wir uns ein langsameres Leben offenbar nicht mehr leisten. Mittels Beschleunigung, damit das Leben durch Genusssättigung gefüllt werde, reagieren wir letzten Endes auf das Problem des Todes.