Am Anfang waren da ihre Augen. Voller Lebenslust und fast brennender Neugierde. Sie nahmen mich gefangen und hielten mich fest, von dem Moment an, in dem ich Hannelore zum ersten Mal näher kam. Von der Ferne hatte ich sie öfter gesehen: ein bunter, etwas aufgedrehter Vogel, ein vielleicht auch etwas durchgedrehter, beim Deutschen Filmpreis 2000 zum Beispiel, als sie die Auszeichnung als beste Schauspielerin für Oskar Roehlers Die Unberührbare bekam. Wir hatten den Film und "die Elsner" in der Rolle der irrlichternden Schriftstellerin Hanna Flanders alle geliebt, aber ihre hoch emotionale Rede auf der Bühne war dann doch etwas viel.

Und dann, 2003 oder so, waren wir plötzlich zusammen in einem Raum, in einem Büro, in dem wir das Casting für meine Komödie Alles auf Zucker! machten. Ich bin mir nicht mehr sicher, wer auf die Idee gekommen war, Hannelore als Ehefrau des von Henry Hübchen gespielten Ostberliners Jaeckie Zucker zu besetzen, aber die Idee schien mir skurril, um es gelinde zu sagen. Und würde Hannelore Elsner überhaupt zu einem Casting für einen kleinen Film kommen? Sie kam. Es war ein richtiger Auftritt. Aufgeregt wie eine junge Schauspielerin, euphorisch wie ein leidenschaftlicher Profi, und dann mit diesen Augen, fordernd und fragend und liebend und leidend. Sie wollte die Rolle, als wär’s ihre erste. Sie liebte die Figur, als würde sie sie kennen. Alle Zweifel, ob eine in München Aufgewachsene eine Ostberliner Schneiderin spielen könnte, blies sie verächtlich weg: "Lass es uns probieren, ich kann das, ich will das, ich mach das!"

Dann kam Henry Hübchen, der besetzt war, aber zum Anspielen und Ausprobieren gebraucht wurde. Auch er lustigerweise nervös und sichtlich unsicher mit Hannelore, die ihn sich sofort vorknöpfte mit all ihrem Charme und ihrer Verführungskunst. Die beiden waren von Minute eins ein spannungsgeladenes und aufregendes Paar. Hannelore wollte berlinern, das klappte noch nicht so, den Rest schaffte sie mit links: Ehefrau eines Spielers zu sein, angelogen zu werden, die Männer zu durchblicken und was sonst noch gefordert war.

In ihr schlummerte eine ungewöhnliche Energie, durchtrieben und gepaart mit kindlicher Freude. Sie kicherte gerne, war mitfühlend, mitdenkend, stand immer in einem irgendwie funkelnden Austausch mit den Menschen und der Welt. Sie war nicht aus der Fassung zu bringen, weil sie keine Fassung hatte. Bei den Dreharbeiten war sie – entgegen aller Warnungen von Kollegen – ein mitdenkender Teamplayer. Diva? War sie nie. Der Film stand an oberster Stelle, dann ihre Arbeit als Schauspielerin, und wenn sie komplizierter wurde, dann weil sie es genauer oder besser wissen wollte. Sie war liebevoller Teil eines Ensembles.

Es mag sein, dass das nicht immer so war, aber ich kenne sie nur so. Durch die Arbeit wurden ich und meine Frau, die sie damals als Maskenbildnerin schminkte, Teil ihres brennenden Kreises. Was nichts anderes bedeutet, als dass sie uns liebte. Wir sahen uns nicht oft, manchmal über Jahre nicht, aber wenn wir uns sahen, entstand immer sofort Nähe. Wir wussten, dass sie krank war, und sie stand offen dazu. Wir lebten mit ihr in ihrer Krankengeschichte. Aber sie wollte nie Opfer sein. Weder von Männern noch vom Krebs noch von ihrem Schicksal. Mit aller Trauer und aller Verzweiflung, die sie manchmal erfüllte, und all ihrer durchdringenden Intelligenz wollte und konnte sie dennoch positiv nach vorne schauen.

Ich hatte jahrelang an einem Drehbuch gearbeitet, das dann zum Film Die Welt der Wunderlichs wurde. Für die Mutter der alleinerziehenden Musikerin Mimi wollte ich Hannelore von Anfang an besetzen, ich hatte sie beim Schreiben immer im Kopf. Ich schickte ihr das Drehbuch, bekam aber nie eine Antwort. Ob sie das Buch je gelesen hatte, wusste ich nicht. Eher nicht, sonst hätte sie sich bestimmt gemeldet. Viele Fassungen später, als sich das Buch ziemlich verändert hatte und der Film in Entstehung war, rief ich sie an. Ob sie denn das Drehbuch nie bekommen habe? O ja, natürlich habe sie es gelesen. Die Mutter sei eine blöde Rolle, hysterisch, egoistisch, lieblos und zudem viel zu klein. Das erinnerte mich sehr an den jüdischen Witz, in dem eine Oma sich im Altersheim über das schlechte Essen beklagt und vor allem über die kleinen Portionen. Aber sie hatte recht. Ich hatte ihre Rolle mit zu wenig Empathie geschrieben, vielleicht zu sehr auf Komödie. Sie wollte diese Mutter lieben, nein, ich sollte die Mutter lieben, sie verstehen und mit ihren Möglichkeiten versehen.

Zu der Zeit war der Krebs schon zurückgekehrt. Sie war weit davon entfernt, sich ihr Leben von der Krankheit bestimmen zu lassen, sie wollte spielen, spielen, spielen. Die wenigen Drehtage mit ihr waren nicht unanstrengend. Sie war am Hadern mit sich und der Rolle. Die Mutter war ja eine egoistische, hysterische Borderlinerin, die ganze Familie Wunderlich in diesem Film ist psychisch gestört. Ich spürte, wie schwer es ihr fiel, die Figur mit ihrer schweren Liebesstörung zu spielen. Und dann machte es plötzlich klick, und Hannelore ließ sich in die Figur fallen wie in ein weiches Bett. Sie hörte auf zu denken und zu zweifeln und ging in dieser Borderlinerin auf. Manchmal sprang sie panisch auf und wollte wissen, ob das nicht peinlich sei, aber wenn ich sie dann ermutigte, ging sie wieder zurück in die Figur wie in fremde Schuhe. Hannelore brannte an beiden Seiten, wie man so schön sagt. Sie war so empfindsam und gleichzeitig wild und stark. Niemand konnte es mit ihr aufnehmen. Dass der Krebs das geschafft hat, macht für mich keinen Sinn. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass es da drüben etwas gab, das sie neugierig machte. Und nicht zu klein war.