Die Attentäter, die am Ostersonntag in Sri Lanka in vier Hotels und drei Kirchen diverse Bomben zündeten und über 300 Unschuldige ermordeten, zählten zur Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS), jedenfalls reklamiert der IS das Attentat für sich und veröffentlichte ein Video der Täter. Die Ermittler werden zu prüfen haben, ob sich Kontakte nachweisen lassen, ob es eine Anleitung vonseiten des IS gab oder eine Syrienreise eines der Mörder. Aber das Ergebnis ist zweitrangig, der IS wird so oder so profitieren: weil offenkundig ist, dass die Mörder von Colombo vom IS beeinflusst waren; und weil militante Islamisten diesen Anschlag schon jetzt als Zeichen der Stärke feiern.

Gläubige an ihren Feiertagen oder in ihren Gotteshäusern anzugreifen ist eine der Signaturen des IS. In Sri Lanka und zuvor auf den Philippinen, in Indonesien, Ägypten und Frankreich waren Christen das Ziel. Im Nahen Osten traf es Jesiden und Schiiten, die der IS auf diese Weise zu Opfern machte. Selbst Al-Kaida, die einzige große Konkurrenzorganisation, verkündete kürzlich, Anschläge auf heilige Stätten seien tabu. Das hat der IS stets anders gesehen. Seine Gründungsfigur Abu Mussab al-Sarkawi sprengte schon vor 15 Jahren schiitische Moscheen im Irak in die Luft, um einen Bürgerkrieg zu entfesseln. Die maximale Brutalität ist ein Signet des IS und schweißt seine Anhänger zusammen.

Das Ziel der Anschläge ist eine Situation, in der es kein friedliches Miteinander gibt

Das Blutbad von Colombo ist aber auch ein Angriff auf die gesellschaftliche Sollbruchstelle des Landes. Sri Lanka soll destabilisiert werden, die Regierung überreagieren. Das Ziel ist eine Situation, in der es kein friedliches Miteinander mehr gibt, denn Konflikte bringen Rekruten. Mit Blick auf Europa hat der IS diese Strategie bereits vor Jahren ausbuchstabiert. Muslime sollen durch Anschläge und die anschließenden Reaktionen gezwungen werden, sich auf eine Seite zu schlagen: auf die der Dschihadisten oder die ihrer Feinde, die "Grauzone" dazwischen müsse getilgt werden. Das ist nichts anderes als eine Anleitung zum Religionskrieg.

Terror in Sri Lanka - „Islamischer Staat“ reklamiert Anschläge für sich Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat die Anschläge auf Hotels und Kirchen für sich beansprucht. Unterdessen ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 359 gestiegen. © Foto: Dinuka Liyanawatte/Reuters

Aber hat nicht gerade erst eine aus über 70 Nationen bestehende Koalition dem Gottesstaat des IS den Garaus gemacht? Lesen wir nicht täglich von Tausenden getöteten und gefassten IS-Kämpfern? Das stimmt. Doch der IS verfügt über eine Waffe, die sich nicht mit Artillerie vernichten lässt: seine Wandlungsfähigkeit. Sie hat eine physische und eine ideologische Dimension, beide sind bedeutsam.

Im physischen Raum verfügt der IS über die vielfach erprobte Fähigkeit, zwischen Guerillatruppe und Pseudostaat umzuschalten. Sobald er es kann, bläht er sich auf. Wenn er es muss, kann er aber auch mit ein paar Hundert Mann in der Wüste überdauern, wie er es gegenwärtig nach dem Fall seiner letzten Bastion in Syrien tut.

In der Sphäre der Ideologie profitiert er davon, dass er globalisierungsfähig ist. Die Prämisse ist Gewalt, alles andere lässt sich zurechtbiegen: Der IS propagiert Anschläge zum Zwecke der Vergeltung (etwa nach dem Massenmord von Christchurch). Er verlangt nach Terror als Beitrag zu einem Weltkrieg, in dem er sich wähnt (also gegen Bürger aller Staaten der Anti-IS-Koalition). Und er rechtfertigt sowieso und jederzeit Angriffe auf "Ungläubige".

Kirchen, Soldaten, Hotels, Rock-Konzerte: Weil praktisch jedes Ziel legitim ist, kann auch jeder lokale Konflikt mühelos zum Teil des weltweiten Dschihad umgedeutet oder mit ihm verschmolzen werden. Und je öfter dies geschieht, desto mächtiger wird für die Sympathisanten die Illusion, einer globalen Bewegung anzugehören: Ihr schlagt uns in Syrien? Wir treffen euch in Sri Lanka!

Das ist umso fataler, als dass diese globalisierte Terrorlogik nicht mehr exklusiv bei Dschihadisten anzutreffen ist: Der Attentäter von Christchurch präsentierte seinen Anschlag auf Muslime als Rache für islamistische Gräueltaten – die Extremisten benutzen einander zur Rechtfertigung. "Kreuzfahrer, dieser blutige Tag ist euer Preis", lautete die letzte bekannte Botschaft eines der Mörder von Sri Lanka.

Die Anschläge vom Ostersonntag sind deshalb ein Menetekel. Sie geben jenen Experten recht, die frühzeitig gewarnt haben, den Sieg über das "Kalifat" mit dem Ende des IS gleichzusetzen. Sie zeigen, dass die grausame Ideologie des IS nach wie vor wirksam ist. Und sie lassen erahnen, dass die Geißel des globalen Dschihadismus noch auf Jahre weiterbestehen wird.