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In der Türkei ist Politik immer ein Wettkampf der Symbole. Ob die Krawattenfarbe oder die Art, das Kopftuch zu binden, ob Familienfoto oder Automarke, jedes Detail von Politikern ist eine Botschaft. Damit markieren sie ihre Lager und sprechen ihre Wähler an.

Der neue Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu trat mit der Behauptung an, dass diese "Lagerpolitik" den politischen Horizont einenge. Statt sein eigenes Lager zu markieren, versprach er eine von Lagern befreite Politik. Genau das braucht die in den letzten 25 Jahren extrem gespaltene Türkei am dringendsten.

Der neue Bürgermeister, ein 49-jähriger Unternehmer, stammt wie Erdoğan vom Schwarzen Meer. Wie er spielte er in der Jugend Fußball. Schon sein Familienname "Imam-Sohn" ist ein Signal: Er stammt aus einer konservativen Familie. Sein Vater gründete in Trabzon einst den Ortsverband der Partei von Turgut Özal, der nach dem Putsch von 1980 vom Wirtschaftsminister zum Staatspräsidenten aufgestiegen war. İmamoğlu studierte Betriebswirtschaft an der Universität Istanbul. Mit 22 übernahm er Verantwortung im Familienunternehmen, mit 25 heiratete er. Als er sich vor zehn Jahren dazu entschied, in die Politik zu gehen, fiel seine Wahl auf die sozialdemokratische CHP. Sechs Jahre darauf gewann er den Istanbuler Bezirk Beylikdüzü von der AKP zurück.

Damals lernte ich ihn kennen. Er hatte zu einer Veranstaltung über Yaşar Kemal geladen. Ich beobachtete sein rhetorisches Talent, seinen ruhigen Stil und seine Fähigkeit, alle Bevölkerungskreise anzusprechen. In einer in Tradition und Moderne gespaltenen Gesellschaft signalisierte er mit seiner Mutter, die Kopftuch trug, und einer modern auftretenden Ehefrau, dass er sich überall zugehörig fühlte. Als im letzten Dezember darüber spekuliert wurde, wer ins Rennen um das Oberbürgermeisteramt in Istanbul gehen würde, klopfte der CHP-Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu bei Familie İmamoğlu an, hielt gewissermaßen nicht um die Hand der Tochter an, sondern bat um die Hand des Sohnes.

Als İmamoğlus Kandidatur feststand, kannte kaum jemand seinen Namen. Er sollte gegen den ehemaligen Premierminister antreten. Er unterliegt bestimmt, meinten alle. Doch İmamoğlu führte einen bemerkenswerten Wahlkampf. Zu Beginn verblüffte er die AKP-Basis mit einem Besuch Erdoğans, den seine Partei "illegitim" nannte. Er hütete sich vor Polemik, signalisierte freundlich lächelnd Gemeinschaft und Zusammenhalt und kündigte an, er werde der Bürgermeister aller Bürger sein. Nach dem Attentat von Christchurch ging er zum Beten in eine Moschee. In den sozialen Medien teilte er Familienfotos, auf denen drei Generationen an einem Tisch sitzen. Am Abend des Wahltages bewies er, dass er entschlossen und unnachgiebig sein kann. Als viele befürchteten, die Wahlurnen könnten gestohlen werden, versicherte er alle halbe Stunde: "Keine Sorge. Ich bin hier. Wir verteidigen unsere Stimmen." Bis zum frühen Morgen motivierte er seine Leute und gewann schließlich. Nach einem Vierteljahrhundert holte er die Stadt, die Erdoğan einst an die Macht geführt hatte, zurück.

In seiner Siegesrede grüßte er alle Bürger Istanbuls, "Muslime, Christen, Kurden, Aleviten, Armenier, Griechen". Auf der Veranstaltung zum Wahlsieg am Sonntag gab es ein Konzert mit europäischer Klassik, Volkstänze und Janitscharenkorps, um die verschiedenen Gesichter der Türkei zu repräsentieren. Dass Erdoğan nach der Niederlage das Wahlergebnis nicht anerkannte, steigerte İmamoğlus Popularität weiter.

Heute wird der neue Star, dessen Namen vor drei Monaten noch niemand kannte, als künftiger Anwärter auf die Präsidentschaft gehandelt. Genau wie damals Erdoğan, der von Istanbul aus das Tor zum Palast aufstieß ...

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe