Eine Ära geht zu Ende, ein neues Zeitalter beginnt – vollkommen friedlich, nahezu geräuschlos. In Japan entsagt am kommenden Dienstag Kaiser Akihito seinem Thron; am Mittwoch folgt ihm sein Sohn Naruhito nach.

Dem Thron entsagen: Vorgesehen ist das eigentlich nicht. Zum letzten Mal trat 1817 ein japanischer Kaiser zurück. Ein Tenno bleibt bis zum Tode im Amt, so will es die Tradition. Und die reicht fast 2.700 Jahre zurück. Nach mythologischer Überlieferung wurden den Nachkommen der Sonnengöttin Amaterasu seit jener Zeit in niemals unterbrochener Erbfolge die drei heiligen Regalien – der Bronzespiegel, das Schwert und die Yasaka-Juwelen – in Obhut gegeben. Bis zum Lebensende hatten sie über diese und das Wohl des Volkes zu wachen.

Doch im Sommer 2016 dachte Akihito, seit 1989 im Amt, über das "Ende meiner Reise als Kaiser" nach. "Ich bin besorgt, dass es für mich schwierig werden kann, meine Pflichten als Symbol des Staates auszuüben." Akihito war damals 83 Jahre alt, hinter ihm lagen eine Herzoperation und eine Erkrankung an Prostatakrebs.

Das erzkonservative Hofamt und die Regierung brachte er damit in nicht geringe Verlegenheit. Keine Institution in Japan ist einem strengeren Reglement unterworfen als das Kaiserhaus. An der Unerbittlichkeit des Hofzeremoniells ist schon manche kaiserliche Seele zerbrochen. Die jetzige Kaiserin, Michiko, verfiel über lange Zeit in Schweigen.

Akihito beharrte darauf, abdanken zu wollen. Die Regierung erbarmte sich schließlich. Für ihn allein schuf sie eine Ausnahmeregelung. Das Gottkaisertum ist in Japan seit über siebzig Jahren abgeschafft, doch zum normalen Erdenbürger ist der Tenno damit nicht geworden.

Heisei, das Regierungsmotto der vergangenen dreißig Jahre, bedeutet "Frieden schaffen". Und Akihito empfindet "tiefe Genugtuung" darüber, dass in seiner Kaiserzeit der Frieden gewahrt werden konnte. Unter seinem Vater Hirohito hatte Japan fast ganz Asien mit Krieg überzogen, hatte als Kolonialmacht und brutaler Besatzer den Hass der Koreaner und Chinesen auf sich gezogen. Am 15. August 1945 gestand der Tenno Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg ein und forderte seine Untertanen auf, "das Unerträgliche zu ertragen und das nicht Duldbare zu erdulden". Auf Druck der amerikanischen Siegermacht entsagte Hirohito am Neujahrstag 1946 seiner Göttlichkeit. Nach der neuen Verfassung war der Kaiser nun nur noch das "Symbol des Staates und der Einheit des Volkes".

Soweit es denn eben geht, hat Akihito Japans Monarchie in die Moderne geführt. Dieser scheue Mann hat sich nach Naturkatastrophen zu den Bürgern begeben, hat mit ihnen auf dem Fußboden gekniet und Trost gespendet. Er hat sich bei Chinesen und Koreanern für die Grausamkeit von Krieg und Kolonialherrschaft entschuldigt, hat – gegen den herrschenden konservativen Trend in der Politik – am Pazifismus der Nachkriegsverfassung festgehalten. Es ist paradox. Japans militante Tenno-Getreuen, die am liebsten das Gottkaisertum wiederherstellen würden und pazifistisches Denken verachten, hatten es bei Akihito mit einem Kaiser zu tun, der von alldem nichts wissen wollte. Auch der Regierung machte er es nicht leicht. Fast meinte man, ein stilles Ringen um den künftigen Weg Japans zu verspüren.

Naruhito, der nun als 126. Kaiser den Chrysanthemen-Thron besteigt, dürfte es dem Vater gleichtun. Auch er wird seine Pflichten in Demut erfüllen, nie ein falsches Wort sagen und wohl doch jeder Abkehr vom Nachkriegspazifismus leise und beharrlich Widerstand entgegensetzen.

Es ist ein einsamer, entsagungsvoller Dienst, den Japans Kaiser verrichten. Hinter Wassergräben und Wallmauern aus dem 17. Jahrhundert residierend, dringt im Herzen Tokios kaum ein Laut zu ihnen. Kein Vergleich mit dem Trubel um die britischen Royals. Um Japans Kaiserfamilie herrscht Stille.