Droht der Menschheit die Apokalypse? Ein Rückfall in Irrsinn, Triebhaftigkeit und Animalismus? Die Musikpädagogin Gotho von Irmer warnt jedenfalls im Jahr 1968 in der Zeitschrift stern vor dem Hang junger Menschen zur "Beatmusik". Diese verändere den Herzschlag und könne darum zum "plötzlichen Musiktod" führen; nicht weniger als ein Massensterben sei zu erwarten, wenn die Gesellschaft nicht endlich etwas dagegen unternehme. Und Irmer ist nicht allein mit solchen panischen Diagnosen: Schon drei Jahre zuvor brachte der Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD) ein generelles "Aufführungsverbot" für Beatmusik ins Gespräch, nachdem bei einem Konzert der Gruppe The Rolling Stones in der Waldbühne deren Mobiliar zerstört worden war. Unter dem rhythmischen Hüpfen des Publikums waren viele Holzbänke zusammengebrochen; die Veranstaltung wurde schließlich "unter Anwendung des Polizeiknüppels" aufgelöst, wie es im folgenden Bericht der Ordnungsmacht heißt.

Fünfzig Jahre später wirken solche Anekdoten vor allem drollig. Wenn man sie im historischen Zusammenhang sieht und vor allem innerhalb einer Vielzahl vergleichbarer Vorkommnisse, staunt man doch über die Drastik und die Brutalität, mit der die Sachwalter der bürgerlichen Institutionen einst auf die frühe Jugend- und Popkultur reagierten. Von deren Entstehung im "ungeraden Jahrzehnt" zwischen 1956 und 1966 erzählt der Berliner Historiker Bodo Mrozek in seiner umfangreichen Monografie Jugend Pop Kultur. Er hat eine überwältigende Vielzahl von Quellen erschlossen – Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Polizeiberichte und Stasi-Akten, Radio- und Fernsehprogramme – und berichtet in detaillierter, systematischer, begrifflich präziser, aber zugleich erfreulich kurzweiliger Art von den Gründungsjahren des Pop und von den dazugehörigen Auseinandersetzungen und Kämpfen.

In der Bundesrepublik werden jugendliche "Gammler" mit Polizeigewalt auseinandergetrieben, obwohl sie nichts anderes tun als eben öffentlich zu gammeln – wodurch es etwa 1962 in München zu den "Schwabinger Krawallen" kommt. In Leipzig wird 1965 eine Demonstration gegen das "Spielverbot von Beatgruppen" unter Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern beendet; die Mehrheit der Demonstranten muss zur "Arbeitserziehung" in den Tagebau gehen. Viele Jugendliche werden durch diese Art der staatlichen Repression politisiert. Dennoch lässt sich die Popkultur, wie Mrozek zeigt, nicht als bloße Vorstufe der 68er-Rebellion werten. Ihr Ziel ist noch nicht die Veränderung der Gesellschaft, sondern erst einmal die Entfaltung der eigenen Individualität – in der Absetzung von den Lebensmodellen der Eltern und der vorigen Generationen.

Wesentlich für ihre Entstehung ist darum auch, dass sich in den Nachkriegsgesellschaften überhaupt "Jugend" als biografische Phase ausbildet; als ein Zeitraum des Übergangs zwischen der unselbstständigen Kindheit und dem verantwortungsvollen Erwachsenenalter. Die Unbestimmtheit dieses historisch neuen Lebensabschnitts sorgt bei denen, die nicht dazugehören, vor allem für Argwohn und Abwehr: Wer sich eine formierte Gesellschaft wünscht und die unbeschädigte Fortschreibung überkommener Traditionen, kann Pop nur als Ausdruck einer zu bekämpfenden Delinquenz werten. Darum werden Jugendliche, die sich anders kleiden, frisieren und verhalten als ihre Eltern, kriminalisiert. Die Musik, die sie hören, wird als pathologischer Krach klassifiziert, der zu "Veitstänzen" aufstachelt oder, schlimmer noch – wie man an den kreischenden Teenager-Mädchen bei Beatles-Konzerten abzulesen glaubt –, Frauen in der Öffentlichkeit zum Orgasmus bringt.

Das Buch setzt ein mit der Entstehung des Rock ’n’ Roll und bewegt sich über die Twist-Welle und die Beatlemania bis zum "Swinging London" Mitte der Sechzigerjahre. Die Darstellung springt munter zwischen den USA und Großbritannien, zwischen West- und Ostdeutschland hin und her. Das hat System, denn für Mrozek lässt sich – wie er schon im Untertitel formuliert – die Entstehung der Popkultur nur als "transnationale" Geschichte begreifen. Sie vollzieht sich im Austausch von amerikanischen und europäischen Stilen, in der "glokalen" Aneignung international kursierender Sounds und Selbstinszenierungen wie etwa bei den westdeutschen "Halbstarken" oder den "Beatjüngern" der DDR. Die Kultur ist ebenso hybrid wie das Verständnis ihrer Akteure: Wer als Rock ’n’ Roller, als Mod, als Twist-Tänzerin oder als Beatles-Fan auftritt, ordnet sich einer Gemeinschaft von Jugendlichen zu, die sich nicht mehr territorial definiert, sondern als international vernetzte Generation Gleichgesinnter.

Mrozek hält sich mit einordnenden Thesen und Interpretationen zurück und lässt lieber sein Material sprechen. Dennoch wirft seine glänzende Darstellung auch ein Licht auf die Debatten der Gegenwart. Man lernt eben zum Beispiel, dass aus der frühen Popkultur jener Kosmopolitismus entspringt, der heute nicht nur von der Neuen Rechten als Symbol dekadenter und vom "einfachen Volk" entfremdeter Eliten angesehen wird. Dabei ist es in Wahrheit gerade die proletarische Jugend, die im Pop eine "eigene" Kultur entwirft – gegen den Widerstand der alten, noch national geprägten Besitzstandswahrer. Und auch wenn die Kultur, die in diesem Buch zur Erscheinung gelangt, selbst schon historisch geworden ist, so bleibt der kulturelle Bruch, der sich in ihr vollzieht, unhintergehbar. Daran lässt Mrozek keinen Zweifel: Es gibt kein Zurück zu den national homogenen, von der Globalisierung unbeeinträchtigten Traditionen. Wenn diese Idee auch in vermeintlich aufgeklärten Kreisen heute wieder ins Spiel gebracht wird, zeigt sich darin doch nichts anderes als eine realitätsferne Regressionsfantasie.

Bodo Mrozek: "Jugend Pop Kultur. Eine transnationale Geschichte"; Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 866 S., 34,– €, als E-Book 33,99 €