Als man am 26. Mai 1828 auf dem Hauptplatz von Nürnberg den geistig zurückgebliebenen Kaspar Hauser auffand, wurde sein absonderliches Schicksal innerhalb weniger Monate zu einem Thema von breitem gesellschaftlichem Interesse. Der seltsam gekleidete junge Mann sprach fehlerhaft und berichtete, dass er sein Leben einsam in einem "dunklen Keller" verbracht habe und von einem schwarzen Mann versorgt worden sei. Im Laufe der nächsten Jahre befassten sich daraufhin philosophische, pädagogische und politische Studien mit dem 16-Jährigen, und es wurden auch Untersuchungen zur Frage verfasst, ob er nicht der heimlich versteckte Erbprinz von Baden sei.

Warum dieses Schicksal eine so große Wirkung entfalten konnte, erklärt sich zum Teil aus der Philosophie Hegels. Ihm zufolge können in gesellschaftlichen Prozessen Plätze entstehen, Orte des Erahnten, aber noch nicht Begriffenen, die dann eines Tages – eher zufällig als nach Terminabsprache – von Individuen sozusagen realpolitisch eingenommen werden. Und tatsächlich trifft dieser Umstand auf Kaspar Hauser ebenso wie auf Greta Thunberg zu, die 16-jährige Klimaaktivistin, die Schulstreiks zu einer globalen Bewegung ("Fridays for Future") machte. Mit Hegel gesagt: Hauser und Thunberg sind von ihrer Zeit erwartet worden. Hauser durch den verbreiteten Mythos vom Kind königlichen Ursprungs und Thunberg durch das als schmerzhaft empfundene Fehlen von Handlungen bei gleichzeitig andauernder Beschallung mit Vorwürfen.

Ein solches Zusammentreffen (von Orten und Individuen) ist für den deutschen Idealisten möglich, weil gesellschaftliche Verhältnisse Subjekte erzeugen können, die – wenn sie plötzlich da sind – rückwirkend ihre Ankunft beglaubigen. Um Hauser und Thunberg rankt sich dabei ein ähnlicher Mythos: der vom "wilden" wie auch "unschuldigen" Kind; ein Narrativ, das die symbolischen Rollen der beiden Jugendlichen in den jeweiligen Öffentlichkeiten verstärkt. So wie zahlreiche Disziplinen sich das Schicksal Hausers aneigneten, so wollen sich Aktivisten, Künstler und Künstlerinnen an der Seite von Thunberg zeigen.

Die Berühmtheit der beiden scheint auch in einer auferlegten Trennung von gesellschaftlichen Lebensformen der Anderen und Vielen begründet zu sein. Schließlich ist Kaspar Hausers symbolische Wirkkraft mit seinem Schicksal, in einem Kellerloch über Jahre eingesperrt worden zu sein, verbunden. Und Thunbergs symbolische Kraft liegt zweifellos auch in ihrem Asperger-Syndrom begründet. Merkmale dieses Autismus sind Schwächen in der sozialen Interaktion mit anderen und selektiv eingeschränkte Interessen.

In der Figur Hausers schien sich ein bis auf die Antike zurückgehender Mythos vom Kind königlichen Ursprungs zu erfüllen. Hugo von Hofmannsthal greift ihn in seinem Fragment gebliebenen Theaterstück Der Turm auf. Darin verarbeitet er dramatisch die von Jean-Jacques Rousseau entfaltete Überzeugung weltabgeschiedener Pädagogik. Ziel war es, einen Nachfolger des "edlen Wilden" (le bon sauvage) zu erziehen, den man der modernen Korruption durch gesellschaftliche Etikette und Ansehen entzog. Im Roman Émile oder Über die Erziehung empfiehlt der Wegbereiter der Französischen Revolution daher auch die Kindererziehung durch gesellschaftliche Abgeschiedenheit. Der Tastsinn wird gegenüber dem oberflächlichen Augensinn aufgewertet, damit am Ende der Ausformung von Subjektivität die zukünftige Gesellschaft durch empfindsame Kinderseelen zum Positiven hin neu gestaltet werden kann.

Nach Hofmannsthal hat Hauser durch sein Schicksal diese Eigenschaften erfüllt. Und sind wir deshalb nicht auch bis zu einem gewissen Grad von dem jungen Mädchen Thunberg angezogen, wenn wir ihr ernst-introvertiertes Gesicht in Zeitungen und YouTube-Videos sehen? In einem davon fragt ein Journalist, dem man die Not ansieht, etwas Verwertbares von ihr für einen Bericht herauszulocken, nach ihrer Meinung zur Atomenergie; ob diese keine politische Alternative zur herrschenden Klimapolitik sei? Thunberg gibt keine Antwort und geht mit verärgertem Gesichtsausdruck einfach weg. Das mag für ihre Kritiker ein Grund sein, sie nicht ernst zu nehmen. Und doch verkennt ein solches Urteil, dass das Mädchen keine Antwort schuldig ist. Sie hat (mit Hegel gesagt) "Gewissheit"; das reicht. Zu wissen, dass sie demonstrieren muss, impliziert nicht, eine Antwort über die Zukunft von Atomenergie schuldig zu sein. Wer dieser Meinung ist, kann nämlich den Moment konkreter Handlung verpassen; denn da ist immer noch ein Einwand, den man berücksichtigen, noch eine gesellschaftliche Gruppe, die man konsultieren muss, um ganz sicher in den Konsequenzen seiner Handlung zu sein. Die Verweigerung der Antwort ist dann eben nicht Ausdruck des Asperger-Syndroms ("eingeschränkte Interessen", "soziale Dissoziation von anderen"), sondern die Basis, Gewissheit zu haben. So einfältig kann dann nur sein, wer ein Kind, eine Autistin oder beides ist.

Wenn eine Epoche erkennt, dass sie hinter ihrer eigenen Bewusstseinsstufe handlungsmäßig zurückgeblieben ist, dann ist sie für Hegel zur "bloßen Schale" geworden. Handlungen, die die mangelhafte Situation abschaffen könnten, setzen dann nicht mit Notwendigkeit ein. Das würde man zwar vermuten, aber schließlich gibt es immer auch herrschende Kräfte der Gegenwart, die die "bloße Schale" und angestammte Lebenspraktiken mit guten Gründen verteidigen müssen. Paul Ziemiak, der CDU-Generalsekretär, schrieb in diesem Sinne per Twitter: "Arme Greta! ... findet deutschen Kohlekompromiss absurd. Oh, Mann ... kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie." Wer will ihm den Einwand verdenken, schließlich ist Ziemiak kein Autist.

Und warum sollten Menschen auch handeln, wenn es andere ebenso wenig tun und die Politik (wie wir gerade im Vereinigten Königreich sehen) in der Regel nicht unmittelbar den Weg weist. Dann verbreiten sich, wie Hegel in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes schreibt, "Leichtsinn" ebenso wie "Langeweile", wie man sie aus den letzten Tagen der DDR kennt. Das Ende naht, aber da alle anderen agieren wie bisher, muss auch der Einzelne nichts tun. Wer ist schon ohne Sünde, dass er berechtigt wäre, "den ersten Stein zu werfen". Oder mit Hans Christian Andersens Märchen gesagt: Wer möchte schon den Skandal riskieren, den Kaiser nackt zu nennen? Das sieht schließlich jeder.

Die Nacktheit des Kaisers aber dennoch auszusprechen braucht dann eventuell tatsächlich Autismus: emotionale Distanz zu anderen und eingeschränkte Wahrnehmung dessen, was eine individuelle Psyche womöglich nur mit einer gewissen paranoiden Verzerrung erfassen kann.

Thunberg erfüllt nicht die Rolle, die ihr die symbolischen Wirkkräfte der Realität zusprechen. Diese Rolle erfüllen Politiker. Sie erfüllt stattdessen eine sehnsuchtsvolle Fantasie, mit der sich eine verborgene Hoffnung von Strukturen kollektiver Verdrängung und Paralyse zu befreien versucht. Thunberg wird so Symbolfigur eines utopischen Raums, wie es teilweise Kaspar Hauser für Philanthropen im 20. Jahrhundert war. Und wie beim Kind im Bauch der Mutter, so Hegel, "nach langer stiller Ernährung der erste Atemzug jene Allmählichkeit des nur vermehrenden Fortgangs abbricht – ein qualitativer Sprung – und jetzt das Kind geboren ist", so taucht sie plötzlich aus der schwedischen Provinz auf. Sie verkörpert ein Handeln, welches unser Wissen, das für alle Menschen jeden Tag die Zeitungen füllt, überbietet.