Das Notwendige, so schrieb der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel, setzt sich stets zufällig durch. Das trifft wohl auch auf Jürgen Rüttgers zu. Wäre der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bei der Vorbereitung einer Rede nicht auf ein historisches Datum gestoßen, hätte es diese Republik womöglich gar nicht bemerkt, geschweige denn gebührend gefeiert: Im Jahr 321 erließ der römische Kaiser Konstantin ein Edikt, das den Kölner Juden gestattete, im Stadtrat Ämter zu bekleiden. Der Erlass wird heute im Vatikan aufbewahrt und gilt – solange sich keine früheren Dokumente finden – als die "Geburtsurkunde der nachweislich ältesten Gemeinde in Europa nördlich der Alpen", wie die Jüdische Allgemeine konstatiert. Es kommt nicht oft vor, dass es einmal keines Hinweises jüdischer Institutionen bedurfte, um ihre Geschichte der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Dieser Meilenstein der Inklusion ist mehr als nur ein regional relevantes liberales Zeugnis für ein christlich-jüdisches Miteinander im frühen Mittelalter – und soll nun auch gebührend gefeiert werden. Rüttgers ging auf die Kölner jüdische Gemeinde zu, wo der Entschluss reifte, das Jubiläum im Jahr 2021 bundesweit zu feiern. Weshalb das Datum auch eine politische Relevanz hat, formulierte der ehemalige NRW-Landeschef gegenüber der Jüdischen Allgemeinen: "Wer viel von der jüdisch-deutschen Geschichte weiß, kann eigentlich kein Antisemit sein." Vor einem Jahr gründete sich deshalb auf seine Initiative hin ein Verein, die beiden Kirchen in Deutschland griffen die Initiative begeistert auf. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralrats der deutschen Katholiken, und Hans Leyendecker, der in Dortmund den Evangelischen Kirchentag leitet, sitzen inzwischen im Kuratorium dieses Vereins, in dem auch der Zentralrat der Juden vertreten ist. Sein Name: "321 – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Die Initiative nimmt nach einem Jahr nun Fahrt auf und plant konkrete Kooperationen, prüft Ideen und Finanzierungsmöglichkeiten. Ambition ist es, eine ähnliche Resonanz zu erzeugen wie das Reformationsjubiläum 2017.

Dass der Bundespräsident die Schirmherrschaft über das religionsübergreifende gesellschaftliche Projekt übernimmt, gilt als ausgemacht. Wachgehalten werden soll die Erinnerung an Brücken und Brüche. Der Vereinsvorsitzende Abraham Lehrer, der auch die Kölner jüdische Gemeinde leitet, betont, dass nicht der Judenhass im Zentrum des Gedenkens stehen solle. "Vor allem für Nichtjuden ist es wichtig", sagte Lehrer der jüdischen Wochenzeitung, "einmal zu erfahren, was es mit diesem christlich-jüdischen Fundament auf sich hat." Werden diejenigen, die sich die Rettung des jüdisch-christlichen Abendlandes auf die Fahnen schreiben und gegen eine offene Gesellschaft aufmarschieren, auch dieses Sinnangebot ignorant ausschlagen?

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