Frühling macht Menschen übermütig, diese Aussage ist genderneutral und trifft leider auch auf Männer zu. Also auf Männer in Zügen. Neulich hatte ich Gelegenheit, auf der Strecke Hamburg–München mit einer Schaffnerin zu plaudern, die der Frühjahrsexplosion mit Sorge entgegensieht. Sie sagte, sie warte nur darauf, dass es wieder passiere: dass ein Typ seine Schuhe auszieht. Dann die Socken! Jemand habe neulich im Großraumwagen seine Nägel gewartet.

Blödes Männerbashing, dachte ich. Ich konterte, ich hätte in der S-Bahn einen Freundinnentrupp gesehen, weibliche Wesen of colour, wie man neuerdings ja politisch korrekt zu sagen hat (siehe dazu auch Oxford English Dictionary von 1781), dazu rassige Augenbrauen (Ups! Rassig? Sorry!), wie schon in der Lyrik des Nahen Ostens beschrieben, also schwarze Flügel, die über den Augen schweben, sie hatten Feilen und Fläschchen mit Flüssigkeiten dabei, bald war die Lüftung heillos überfordert. Die ICE-Frau sagte, das sei lange nicht so eklig wie das, was sie neulich sah, als ein Typ im Bistro seine nackten Füße unter dem Tisch durchgestreckt und auf der Bank vis-à-vis neben einer Dame abgelegt habe, die gerade dinierte. So viel zu "Genuss auf ganzer Strecke"! Ungewaschene Füße mit ungewarteten Nägeln an Kokosreis. Als sie anhob, den Zustand der Nägel zu erläutern, wollte ich ablenken, konnte aber selbst nur noch "Nägel! Nägel! Nägel!" denken. Mir fielen Nägel ein, die mir einst in Begleitung eines Oxford-Professors begegnet waren, der im Collegegarten zu sanftem Regen offene Sandalen trug, wohl um darauf aufmerksam zu machen, wie aufgeschlossen er gegenüber der Eigenentwicklung von Nägeln ist, die sich selbsttätig in gelblich-rissige raubvogelgeeignete Krallen transformieren.

Nun ja, England. Wer könnte oder wollte sagen, wie die Nägel von Boris Johnson, diesem Flegel, aussehen, für mich noch das härteste Argument für einen krachenden Brexit. Es gibt Männer, so formulierte es neulich eine Kollegin im New Yorker, deren Charisma darauf beruht, "ein wenig ungezogen" zu sein. Stichwort Joe. Die Kollegin nannte Joe Biden liebevoll einen "poltrigen Labrador", der sich tollpatschig auf Frauen werfe, an ihnen rumschnüffle, in ihren Haaren wuschele, ohne dass es irgendwie sexuell gemeint oder ein Fall für #MeToo sei. Klaro. Wenn es auch leider keine Bilder gibt, auf denen Joe an Barack rumschnüffelt oder wuschelt, und das, obwohl Biden und Obama echte Buddys sind. Vielleicht aus Angst vor Michelle.

Was Biden mit seinen Zehen macht, ist nicht bekannt, von Monsieur Trudeau wissen wir, dass er zu Ostern die seinen in Entensöckchen steckt. Toll. Ich finde, Männer sollten sich gerade im Frühjahr auf die heute so coolen Socken fokussieren, diese seidigen, zierlich geriffelten, bunten Kunstwerke, die in Azurblau oder Pistazie und Orange ausgefächert in den Läden liegen. Ostereier-Farben! So pretty, dass sie niemand mehr freiwillig ausziehen würde. Keine Werbung im Feuilleton, aber die Bresciani-Frühjahrskollektion ist zum Weinen schön. Ultramarineblau in Violett geriffelt, Kirschrot und Weiß gewürfelt, Petrol mit Taupe – you get it? Der Berliner Literaturmoderator Thomas Böhm stimmt seine Socken gern auf das Cover von Büchern ab, die er präsentiert. Ein reizender Übermut! Als er neulich in der Berliner Buchhandlung Geistesblüten moderierte, warf er zum Finale die Füße hoch und alle konnten bewundern, dass er wie die Heldin des Buches zwei verschiedenfarbige Socken gewählt hatte. Die Geste hob die Stimmung und sei allen empfohlen, die im Sinne von Oscar Wilde oder Böhm die Kultur für die bessere Natur halten.