Vor vier Wochen lud das Frankfurter Liebieghaus zur White Wedding und präsentierte eine Sensation. "Für immer", so kündeten zuvor bereits Plakate in der ganzen Stadt an, ziehe die weltweit bedeutendste Sammlung von Elfenbeinschnitzereien in das Skulpturenmuseum am Mainufer.

Stück für Stück aufgebaut hat die Sammlung im Wert eines zweistelligen Millionenbetrags der Wiesbadener Bauunternehmer Reiner Winkler: Sie umfasst mehr als 190 filigrane, cremefarbene Objekte des 17. und 18. Jahrhunderts, darunter eine exaltierte Furie auf sprengendem Pferd und einen Engelssturz.

Winkler, heute 94 Jahre alt, ließ sich als Mäzen bescheiden feiern. Sammeln, das habe für ihn einfach bedeutet, einer privaten Leidenschaft zu folgen – und dabei ausschließlich auf Qualität der Objekte und eigene Sammlerfreude zu setzen. Seine Schätze verwahrte er unter Glas im Souterrain seiner Villa. Was Unternehmer-Sammlungen betrifft, ist Winkler vermutlich der Letzte seiner Art.

"Corporate Collections", so lautet der gängige Begriff für Firmen-Kunstsammlungen, gehorchen heute ganz anderen Kriterien als dem Lustprinzip eines Individuums. Wenn Vorstandsetagen, Konferenzräume oder Büros mit hochwertiger Kunst ausgestattet sind, sendet das auch eine Botschaft aus: Hier ist man aufgeschlossen, beweglich im Kopf und weiß, was gerade angesagt ist. Entscheidend ist der Imagetransfer, den man sich vor allem mithilfe der zeitgenössischen Kunst erhofft. Jeder, der das Foyer der Commerzbank-Zentrale am Frankfurter Kaiserplatz betritt, bleibt vor dem monumentalen, 15 Meter hohen Farbvlies von Thomas Emde stehen. Je nach Lichteinfall oszillieren die Pigmente von Rosa zu Orange zu bläulich zu Violett. Variabel wie die Finanzströme dieser Welt.

Darüber hinaus hält sich die Commerzbank beim Sammeln von Kunst allerdings zurück. Ein ganz anderer Fall ist die gigantische Sammlung des schwäbischen Schraubenherstellers Würth, die mit 18.000 Werken kaum noch zu überblicken ist. Vom Mittelalter (Holbein-Madonna) bis zur Gegenwart (David Hockney), Regionales, Internationales, große Namen sind darunter und solche, die im nächsten Augenblick vergessen sind. Eine echte Kontur ist kaum auszumachen. Dennoch ist Reinhold Würth eine unverzichtbare Größe im Kunstbetrieb, schon allein, weil er sich in einem Video in der Kunsthalle Würth zitieren lässt mit der Aussage: "Ich kauf das Ding einfach, da hat’s ’ne Ruh."

Immer schon vor allem den Bedarf an Dekoration für Büros und Flure zu erfüllen hatte die Kunstsammlung des Spezialchemiekonzerns Evonik. "Wir wollen unsere Kunst an den Wänden sehen", gab der frühere Konzernchef Klaus Engel zu Protokoll und bot damit "geistige Nahrung für die Mitarbeiter". Irgendwann waren tatsächlich alle Wände gut bestückt. Für das Depot sammeln? Das hielt man für keine gute Idee, mittlerweile ist die Sammlung abgeschlossen. Unter Kennern ist sie dennoch berühmt, weil sie sich aus Exponaten jener Firmen zusammensetzt, aus denen der Konzern entstand, und dementsprechend vielseitig ist. Rund 3000 Werke von mehr als 1000 Künstlern zählen dazu. Manch einer, wie Josef Beuys, ist nur mit einer Arbeit, einer Zeichnung, vertreten. Von der Keramik-Künstlerin Young-Jae Lee hingegen gibt es 150 Gefäße, einige davon sind auf der Vorstandsetage der Essener Zentrale zu bestaunen.

Mag auch der Zweck einer Firma rein ökonomisch ausgerichtet sein – die bildenden Künste üben eine magnetische Wirkung aus. Sich mit Kunst zu beschäftigen, das bezeichnete der Hamburger Tankstellen-Ausstatter Harald Falckenberg gern als "die Gegenwelt zum Unternehmertum". In den meisten Unternehmen wird nicht nach Lust und Laune eingekauft – nein, beauftragte Kunsthistoriker managen die Sammlung. Sie fahnden, wo Ergänzungen aufzutreiben sind, recherchieren Marktpreise. Am Ende entscheidet der Vorstand, in Ausnahmefällen, wie bei der Allianz, ist es auch ein einzelnes Mitglied des Vorstands, das die Runde wortgewandt von seiner eigenen Sachkenntnis überzeugt.