Man muss sich also bei Donald Trump und dem Klima auch noch dafür bedanken, dass man schon wieder ein Endzeit-Buch liest, denkt man und holt tief Luft, als man in den Debütroman Milchzähne der erst 25 Jahre alten Helene Bukowski hineinstolpert und sich fragt, welche dystopische Überraschung einen wohl diesmal erwartet. Aber dann stellt man schnell fest, dass aufdringliches Katastrophen-Theater ausbleibt und es stattdessen auf die allerbrutalste Weise langsam und leise zugeht. Man findet sich in einer zeit- und ortlosen Albtraum-Welt wieder, die so merkwürdig und vertraut zugleich ist, dass man unbedingt wissen will, wo man hier gelandet ist und was zur Hölle eigentlich los ist.

Die Handlung beginnt in einem vollkommen vergammelten Haus, das die Protagonistin Skalde mit ihrer Mutter Edith bewohnt und dessen Grundstück Skalde aus zunächst unklaren Gründen nicht verlassen darf. Am Anfang ist es neblig, dunkel und ständig kalt, vom Himmel stürzen Möwen mit verkohltem Gefieder, später wird es dann zu heiß, und die Felle der Tiere werden weiß. Die Teilnehmer der feindlichen Mutter-Tochter-Beziehung gehen sich aus dem Weg, Edith liegt die meiste Zeit apathisch auf dem Sofa (manchmal, wenn es ganz schlimm ist, wohnt sie auch im Kleiderschrank), abgesehen davon produziert sie Brennnessel-Jauche, oder sie fängt "mit den bloßen Händen" Kaninchen, die sie schlachtet und aus deren Fell sie Mäntel näht, die so dick sind, dass sie Schüsse abhalten könnten.

Schüsse sind ohnehin ein Thema, denn Edith kündigt ihrer Tochter an, dass sie "sie", wenn "sie" kämen, alle abknallen würde. Man weiß nicht, wer "sie" sind und warum Edith und Skalde nichts von all dem tun, was moderne Menschen heute für gewöhnlich tun. Man weiß auch nicht, warum Skaldes Mutter eine derartig brutale Horror-Mutter ist, die sich nicht dafür interessiert, was ihre Tochter tut, es sei denn, sie verlässt das Grundstück.

Dann sperrt sie Skalde im Keller ein, ein anderes Mal versucht die Mutter ihre Tochter mit kochendem Wasser zu überschütten, weil sie befürchtet, Skalde sei eine von "ihnen". Man versteht auch wirklich nicht, warum Edith kurzzeitig nichts mehr mit ihrer Tochter zu tun haben will, als die einen Milchzahn verliert ("Bitte geh’ einfach"), und ist dann nur froh, dass Skalde genau das tut: Sie verlässt das Grundstück.

Bis dahin ist man genauso unwissend wie die Protagonistin in ihrem Handlungsradius beschränkt, bis dahin wird eine beeindruckend gleichgültige und vernachlässigte Welt beschrieben, die literarisch vor allem von der dunklen Stimmung lebt, für die es zu diesem Zeitpunkt aber keinen nachvollziehbaren Grund gibt. Von irgendwoher droht Gefahr, man weiß nicht, warum, und so wirkt es, als würde die Autorin mittels ihrer präzisen, reduzierten, oft lyrischen Sprache nach einer Welt suchen, welche die Angst und Paranoia, mit der man es gerade in der sogenannten Wirklichkeit vielfach zu tun hat, konkretisiert.

Zu dieser Gefahr-ohne-Konkretion-Theorie passt, dass Bücher für Skalde sehr wichtig sind und sie sich die Welt wesentlich durch das Lesen erschließt, was kein Wunder ist, denn sie darf ja nicht raus (zu gefährlich). Die Welt wird also nicht durch Anschauung erfahren, sondern durch Buchstaben (wobei es sich um ein klassisches Problem des schreibenden Milieus handelt: Es will schreiben, aber erlebt nichts – man kann diesen Roman auch poetologisch lesen).

Bukowskis Protagonistin überwindet diese unbelebte, weltlose Ich-Zeit, indem sie den für sie vorgesehenen Raum verlässt. Bei einer ihrer Expeditionen durch den Wald trifft Skalde ein Mädchen mit feuerroten Haaren (Meisis), das nirgendwo hingehört, und beschließt, sich um es zu kümmern. Diese Entscheidung ist ein Problem, denn die Bewohner der Gegend haben sich nach Klima-Schwierigkeiten durch die Sprengung einer Brücke isoliert und versorgen sich selbst, woraus folgt, dass sie mit vermeintlich Fremden überhaupt nichts zu tun haben wollen.

Sie sind misstrauisch, benehmen sich schlecht (spucken, trinken zu viel, holen sich ungeniert Sachen aus ihren Zahnzwischenräumen) und achten sehr genau darauf, was die anderen tun ("Hier in der Gegend gehört es sich, dass man sich an den anderen orientiert, sich anpasst"). Langsam, sehr langsam versteht man, wie Edith ein derart grobes, verrohtes Biest werden konnte, die einst ebenfalls eine Fremde in dieser in Game of Thrones-hafte Weise verrohten Gemeinschaft war und die ihr Stigma nie loswurde. Als das rothaarige Mädchen auftaucht und schließlich bei Skalde und ihrer Mutter wohnt, wird die nach aktuellen Maßstäben wohl als toxisch zu bezeichnende Mutter-Tochter-Beziehung aufgebrochen und unter Einsatz sehr sparsamer sprachlicher Mittel in ihrer ganzen Komplexität entfaltet. Skalde zeigt immer wieder Tendenzen, dem Mädchen Meisis mit der gleichen Grausamkeit zu begegnen, die sie selbst erfahren hat. In Edith kommt durch Meisis auch etwas in Bewegung, vorsichtig beginnt sie den Weg zu ihrer Tochter zurückzufinden, aber dann ist es vielleicht schon zu spät.

Die psychologische Präzision, mit der Bukowski diesen Konflikt beschreibt, ist die große Stärke dieses Romans, der von vielem erzählt: Es geht um Angst, um die tief sitzende Menschenangst, nicht genug zu bekommen, es geht um Erwachsenwerden und die Abschiede, die es mit sich bringt. Das Setting dafür ist ein eher beiläufiges Endzeitszenario, das nicht nur die Handlung motiviert und ein stabiles Angst-Motiv ist, sondern die Autorin außerdem in die gute Lage versetzt, aus ihrer Protagonistin eine roughe, wortkarge, viele Zigaretten rauchende Überlebensspezialistin zu machen, die einen an Filme wie Mad Max denken lässt und der man berührt dabei zusieht, wie sie versucht, Meisis und sich selbst vor der Hitze und ihren brutalen Mitmenschen zu retten.

Helene Bukowski: "Milchzähne". Roman; Blumenbar, Berlin 2019; 256 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €