Immer Mitte April soll sie zurück nach Berlin kommen und dann hier sitzen und singen: unter der Siegessäule im Berliner Tiergarten, direkt am vierspurigen Kreisverkehr, wo einst Herrscher ihre Triumphe verewigten und es heute nach Auto und Stadt stinkt. Also haben wir uns verabredet, am Karfreitag um 23 Uhr am S-Bahnhof Tiergarten.

Der Tag war sonnig, die Stadt ist auf den Beinen, und Silke Voigt-Heuke steht am Bahnsteig. Sie versucht, den Stecker eines kleinen roten Kastens in die Buchse ihres Telefons zu fummeln. "Damit kann man Fledermäuse hörbar machen", sagt sie. Aber um Fledermäuse geht es heute nicht. Ich suche eine andere Bewohnerin der Stadt: die Nachtigall.

Ausgerechnet Berlin ist die Kapitale dieses poetischen Vogels. 1500 Brutpaare gibt es hier, so viele, dass Menschen aus Großbritannien anreisen, um sie zu hören – dort sind seit den 1960er-Jahren 90 Prozent aller Nachtigallen verschwunden. Alarmierende Zahlen gibt es auch aus Deutschland. Neue Daten zeigen, wie stark vor allem Vogelarten zurückgehen, die auf Wiesen und Äckern leben, und solche, die Insekten fressen.

Doch den Nachtigallen in Berlin geht es gut. Sie lieben hier, was auch manche Menschen an Berlin lieben: das Wilde, Chaotische, Struppige. Vermüllte Ecken, verbuschte Brachen, ungepflegte Parks sind für Nachtigallen Premiumlagen, Altbau im Prenzlauer Berg sozusagen. Dort können sie ungestört singen, brüten und ihre meist sechs Junge großziehen. Die Nachtigall will Chaos, lautes Leben, Singen in der Nacht – ein Vogel als Antithese zum Spießer. Und dabei trotzdem hinreißend unauffällig, gefiedermäßig zumindest.

"Da vorne saß in den vergangenen Jahren immer ein Männchen", sagt Voigt-Heuke und zeigt auf eine Ecke am Kreisverkehr. Ein paar Autos warten im Leerlauf auf Grün. Die Biologin, die am Berliner Naturkundemuseum arbeitet, geht in Richtung der Statue eines Generals, der einst wichtig war, und lauscht. "Wenn wir Glück haben ...", sagt sie. Um den Ausgang dieser Nacht vorwegzunehmen: Wir haben kein Glück. Um meine erste Nachtigall zu hören, muss ich drei Tage später wiederkommen.

So ist das mit der Natur, sie nimmt keine Rücksicht auf Termine von Reportern. Dafür hat man Verständnis, wenn man weiß, dass die Berliner Nachtigallen-Population vor allem in Ghana überwintert. Das haben Schweizer Forscher bei einem Versuch mit Geo-Trackern herausgefunden. Ob sie im Winter in Westafrika auch singen? Eher nicht, aber genau weiß das keiner. Dafür ist der Sommer umso besser erforscht.

Nachtigallen sind bekannt für ihren Gesang. 180 verschiedene Strophen hat ein Männchen drauf, im Durchschnitt. Wer einer Nachtigall eine Stunde lang lauscht, der hört mehr als 500 Strophen, die Forscher in Pfeif-, Trill- und Buzzstrophen unterteilen. Die Verhaltensforscherin Denise Bock, eine Kollegin von Voigt-Heuke, legt gerade einen Katalog an. 2000 Typen hat sie in Deutschland erfasst, ständig kommen neue dazu. Sie hört sie an, betrachtet die Spektrogramme der Strophen und vergleicht sie mit denen im Katalog.

Entschlüsselung

Um den Gesang der Nachtigall zu analysieren, arbeiten Forscher mit Spektrogrammen. Die zeigen die Tonhöhe des Gesangs und den zeitlichen Verlauf. Typisch sind längere Pfeifstrophen, komplexe Trillstrophen sowie tiefere, schnarrende Buzzstrophen.

Quelle: MfN/Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung © ZEIT-Grafik

Irgendwann wollen die Forscherinnen erklären können, ob die Nachtigall tatsächlich in Dialekten singt, wie sie am Berliner Naturkundemuseum vermuten. Das Material für ihr Projekt "Forschungsfall Nachtigall" bekommen sie von Bürgern. Mit einer App namens Naturblick kann jeder den Ruf einer Nachtigall aufnehmen und hochladen. Mitarbeiterinnen des Museums – es sind tatsächlich ausschließlich Frauen – hören sich dann die Beispiele an und überprüfen in jedem Fall, ob es eine Nachtigall war. Und nicht etwa eine Lerche.

Storm, Grimm, Lindenberg – warum beschäftigen sich Künstler mit dem Vogel?

Mit dieser vorgespiegelten Verwechslung wollte Shakespeares Julia ihren Romeo überlisten. Diese Referenz fällt in Deutschland vielen zur Nachtigall ein, einem etwas eintönigen Schulkanon sei Dank. "In Großbritannien kommen den Leuten andere Assoziationen", sagt Sarah Darwin, und sie muss das wissen: als Britin, Kunsthistorikerin, Botanikerin und Nachfahrin eines berühmten Biologen namens Charles. Darwin, ebenfalls am Berliner Naturkundemuseum beschäftigt, arbeitet seit Monaten an einer Tischdecke. Diese ist schwarz, riesig, und sie erzählt Geschichten von der Nachtigall; die Schrift ist gestickt mit bunten Fäden. Eine Reminiszenz an alte Wandteppiche, und ein Weg, um Anekdoten zu erzählen, von denen Berliner Darwin berichtet haben. Eine Birgitt schreibt: "Ich wohne in Altglienicke. Jedes Jahre freue ich mich, die Nachtigall zu hören. Mit dem Ausbau des Flughafens Schönefeld – denke ich – wird auch die Nachtigall lauter. Manchmal schließe ich nachts das Fenster, weil sie so laut ist. Auch tagsüber singt sie, und ich frage mich, wann die Nachtigall schläft." Ein Paar, Erika und Christopher, hat erzählt: "Unsere Liebesgeschichte begann im Frühling 2003. Oft übernachteten wir in Erikas charmanter Wohnung in Zehlendorf. Fast jeden Abend begleitete uns der Gesang einer wunderbaren Nachtigall. Sie war uns mit der Zeit so vertraut, dass wir jedes Mal an den Anfang unserer Liebe denken, wenn wir sie hören." Irgendetwas muss also sein mit diesem komischen Vogel.