Wer seinen Marx nicht gelesen hat, wird sich zumindest an den berühmten Spruch aus dem 18. Brumaire erinnern, wonach sich Geschichte gleich zweimal ereignet: erst als Tragödie, dann als Farce. Beispiel Realsozialismus: Der hat unter Stalin und Mao an die 60 Millionen Menschenleben gekostet, anderswo, von Nahost bis Osteuropa, hat er Unfreiheit und Verarmung hinterlassen. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall zeigt sich die sanfte Version als Farce, nämlich in den reichsten Ländern: Der moderne Wohlfahrtsstaat, der in der EU ein Drittel des BIP umverteilt, soll’s richten.

Amerika, der Hort des "Raubtierkapitalismus", hat gleich zwei Anwärter auf das Weiße Haus, die sich als Sozialisten gebärden. In England offeriert Jeremy Corbyn den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". In Deutschland hat das Wörtchen Enteignung Konjunktur; wie die Verstaatlichung mehr billigen Wohnraum schafft, zeigten die verkommenen Städte der alten DDR. In Frankreich wollen die Gelbwesten mehr staatliche Wohltaten und weniger Steuern – im Ernst. Dabei hat Frankreich im EU-Vergleich neben Dänemark die geringste Armutsrate und die höchste Umverteilungsquote – höher als in Deutschland und Schweden.

Real ist egal, möchte man meinen, aber bleiben wir beim Geld. Beim Anblick der ausgebrannten Notre-Dame würde Marx grübeln: Was ist Tragödie, was Farce? Die Tragödie ist offenkundig. Es brannte nicht eine Kirche, sondern das Sinnbild Frankreichs, ja der europäischen Zivilisation – für Christen wie Atheisten. Die Kulturbeauftragte Stephane Bern sprach von der "Seele Frankreichs". Es hätte ein Moment der alles überwölbenden Eintracht sein können, doch flugs schob sich Mammon dazwischen. Frankreichs Big Business spendete eine Milliarde für den Wiederaufbau – und erntete kein "Merci", sondern Hohn und Verachtung.

Der Tenor: Für Steine haben diese Krösusse Geld, nicht für Menschen, die es wirklich brauchen. Sie wollten doch nur "billige Werbung" für sich machen. In den sozialen Medien tobte die Wut, die Gelbwesten gingen wieder auf die Straße. Der Milliardär Bernard Arnault brachte es auf den Punkt: Er sei "bestürzt, dass man in Frankreich auch dann kritisiert wird, wenn man etwas für das Gemeinwohl tut". Steuerliche Abzüge wolle er nicht. Dito die Milliardärsfamilie Pinault (Gucci, Saint Laurent). Übrigens haben auch die nicht gerade reichen Kommunen für Notre-Dame gespendet.

Und wenn die Superreichen sich dennoch nur brüsten wollen? In einer liberalen Gesellschaft kommt es darauf an, mit den selbstsüchtigen Motiven der Leute gute Politik für das Ganze zu machen. Die großen Schurken des US-Frühkapitalismus – Rockefeller, Carnegie, Morgan – haben der Nation prächtige Universitäten, Konzertsäle und Museen geschenkt. Die National Gallery und das MoMA quellen über vor privat gespendeten Kunstwerken. "Giving back" lautet die Devise. Ist Amerika dadurch ärmer geworden? In Deutschland entsteht eine Kultur des Gebens (fünf Milliarden 2017). In Frankreich muss wie seit dem 14. Ludwig der Staat her, der freilich allzu oft Gruppen bedient, die strategische Macht besitzen, wie Lkw-Fahrer oder Eisenbahner.

Die "Seele Frankreichs" bleibt intakt. Inzwischen fragen die Kassierer in den Geschäften, ob sie den Preis aufrunden dürfen, um das Wechselgeld für Notre-Dame zu spenden.