Bei Chören fällt einem immer die legendäre Ariel-Werbung mit Frau Klementine ein. Mit dem richtigen Mittel, predigte die Fleckenteufelin, werde Wäsche nicht nur sauber, sondern rein. Fürs Singen im Ensemble bedeutet diese Maximierung: Die letzten Grauschleier sind von den Akkorden getilgt, jetzt ist der Kragen des Klangs blütenweiß und ausgehfein.

Chöre mit erlesenem Anspruch geben sich mit der Erledigung der Schmutzwäsche nicht zufrieden. Für sie geht der ideale Klang über tadellose Intonation weit hinaus; die Balance der Stimmen ist ebenso wichtig wie die Färbung der Vokale, wie Deklamation, Aussprache und Timing. Für die Optimierung dieser Komponenten sind Berufschöre zuständig. Sie müssen so wandlungsfähig sein wie Orchester: in der ersten Woche nepalesische Klostergesänge, in der zweiten Bachs Motetten, dann Olivier Messiaens heimtückische Cinq rechants, schließlich ein Potpourri aus Jazz-Standards.

Beim Schwedischen Rundfunkchor, der 1925 gegründet wurde, aus je 16 Frauen und Männern besteht und in der Branche singulären Ruf besitzt, fällt einem ebenfalls Ariel ein. Gemeint ist der Luftgeist, dem der Komponist Frank Martin in seiner Shakespeare-Oper Der Sturm die fünf Ariel-Chöre gewidmet hat. Dieses Chorwerk ist nur Ausgewählten zugänglich, und wie immer, wenn Radiokören (so der schwedische Name des Chores) auftritt, pflückt er selbst unerreichbar scheinende Töne mit größter Leichtigkeit aus der Luft – ohne Leiter. Der Klang schwingt sofort ein, wie herbeigezaubert. Dass der über Schweden hinaus ikonisch verehrte frühere Chefdirigent Eric Ericson seinen Chor zwischen 1952 und 1982 nach elitären Vorstellungen geformt hat, spürt man noch heute; Ericsons Erbe wird gepflegt wie das Allerheiligste.

Im jüngsten Konzert mussten die Schweden – nächste Stufe der Flexibilität – ihre Stimmen zu Instrumenten verwandeln. Mit der norwegischen Liedermacherin Ane Brun erkundeten sie depressive Klangwelten zwischen Monteverdi und Björk, und den Arrangements von Hans Ek entströmten lauter Spezialanforderungen: Klavierakkorde für den Männerchor, ein Saxofonsolo für den Sopran, Bläser-Riffs im gespreizten A-cappella-Sound – der Chor als Orchester. Also unendlich viel mehr als das Schubidu eines Background-Quartetts.

Bei der Probe des Chores im berühmten Studio 2 von Sveriges Radio – das mit den grün-weißen Kassettenwänden – musste man genau hinschauen, wollte man den Chor zwischen den anderen Musikern entdecken. Das war der Plan: alle eins. Beim Konzert in der Berwaldhalle stand der Chor aus Höflichkeit ab und zu auf, man will sich ja nicht verstecken. Und als am Ende ein Lamento von Henry Purcell den Konzertsaal schier mit Trauerflor versah, glückte dem Schwedischen Rundfunkchor eine melancholische Süße, dass man den Atem anhielt. Jedes Alte-Musik-Spezialensemble von London bis Paris kann von einem solchen körperreichen Klang, der zugleich in die Zone des Sphärischen vordringt, nur träumen.

Schweden ist stolz auf diesen Giganten, der das Land auch im Ausland repräsentiert. Claudio Abbado hat den Schwedischen Rundfunkchor für fast jedes Chorkonzert der Berliner Philharmoniker einfliegen lassen. Doch war sich dieser Tage der Chor nicht zu schade für das Examenskonzert zweier Dirigierstudenten der Stockholmer Musikhochschule. Da erklangen hypersensitive Chormusik des Japaners Toru Takemitsu, Francis Poulencs expansives zwölfstimmiges Liberté – und schwedische Moderne. Der Rundfunkchor gibt dem Musikleben seiner Heimat gern zurück, was die dortige Laienchorkultur an Talenten ins Team gespült hat.

Übrigens ist dieser Spitzenchor momentan führungslos; Peter Dijkstra, der großartige Niederländer, verließ den Chor im vergangenen Jahr als Chefdirigent, ein Nachfolger wird noch gesucht. Eilig ist die Sache offenbar nicht, und wenn ein Chor eine Vakanz verkraftet, dann der Schwedische Rundfunkchor. In Marc Korovitch hat er einen exzellenten Interimstrainer.

Aus den vielen Produktionen des Chores ragt ein Gipfel heraus: die Box Europäische Chormusik mit sechs CDs, deren Aufnahmen Eric Ericson selbst dirigierte und mit denen er (unter Mitwirkung des Stockholmer Kammerchores) sozusagen sein Vermächtnis hinterließ. Diese virtuose Leistungsschau versammelt Schwerstes aus allen Jahrhunderten: etwa Arnold Schönbergs himmelstürmendes Friede auf Erden, Krzysztof Pendereckis Stabat Mater, Richard Strauss’ liebenswert-komische Göttin im Putzzimmer, das 40-stimmige Spem in alium von Thomas Tallis (eine Kunstfertigkeit höchsten Ranges) und Epithalame von André Jolivet für "vokales Orchester". Natürlich fehlt schwedische Hochkunst nicht, sie ist durch die experimentell-phonetischen Nautical Preludes von Lars Johan Werle abgedeckt. Die singt Radiokören ohne Stimmgabel am Ohr, das Navigationsinstrument, das viele Chöre hierzulande brauchten.

Als im Jahr 2000 in Stockholm der Polar Music Prize an Bob Dylan und Isaac Stern ging, ließ sich Radiokören etwas Heiteres einfallen, um den Festakt aufzulockern. Unter Leitung von Tõnu Kaljuste bot der Chor ein Abba-Medley, das quietschfidel durch die Hits und hinterhältig durch die Tonarten modulierte. Die Damen trugen Perücken und sahen aus wie Klone von Agnetha und Anni-Frid. Der kurze Auftritt, bei YouTube dokumentiert, ist ein Schwedenhappen, der dem Publikum köstlich schmeckte: Bei Minute 2:49 ist Königin Silvia sprachlos, bei 3:34 Marie Fredriksson von der Popgruppe Roxette. Mehr Bewunderung geht nicht.