Mehr als 1600 Menschen sind in den Palacio de Festivales von Santander gekommen. Ein Abend Ende März, der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein Werbevideo läuft auf Großleinwand, unterlegt mit dramatischer Musik. Ein bärtiger Mann geht durch unberührte Landschaften, er streichelt ein Pferd, unter seinem Hemd ist sein muskulöser Oberkörper zu erkennen, er steigt entschlossenen Schrittes einen steilen Berghang hinauf, oben angekommen, schaut er von einem Felsvorsprung aus in die Weite wie der Kapitän eines steinernen Schiffes.

Unberührte Natur, pralle Muskeln, ausgestellte Männlichkeit – die Ästhetik des Videos erinnert an den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der sich gern mit nacktem Oberkörper, auf Pferden reitend inszeniert. Es ist die Bildsprache des männlichen Autoritarismus, es ist die Bildsprache von Santiago Abascal, der jetzt unter großem Jubel auf die Bühne tritt. Der 43-Jährige ist Chef der ultrarechten Partei Vox – bei der Parlamentswahl an diesem Sonntag könnte ihr der Durchbruch gelingen. Umfragen sehen Vox bei bis zu 15 Prozent der Stimmen. Auch Spanien hat jetzt eine nationalistische Partei von Gewicht.

Santiago Abascal, 43, war erst bei den Konservativen, nun führt er Vox. © David Ramos/Getty Images

Noch bis vor wenigen Monaten schien das Land immun gegen die Verführung von rechts außen zu sein. Zu schwer lastete das Erbe der langen Herrschaft des Diktators Francisco Franco (1936–1975), zu groß war auch die Bindekraft der konservativen Volkspartei Partido Popular (PP). Was in Deutschland lange für die CDU/CSU galt, das galt auch für die PP: Rechts von ihr gab es keine Partei von Gewicht. Abascal war eine Randfigur. Jemand, der aus der Vergangenheit zu kommen schien, als Stierkämpfe noch als zentraler Teil spanischer Kultur galten und der Machismo unumschränkt herrschte. Bei den spanischen Parlamentswahlen 2015 und 2016 hatte Vox jeweils 0,2 Prozent bekommen. Im Juli 2017 schrieb das renommierte amerikanische Magazin Foreign Affairs einen langen Essay über "Die spanische Ausnahme. Warum Spanien dem Rechtspopulismus widerstanden hat!".

Rückblende. Es ist August 2018, Santiago Abascal sucht in der südspanischen Stadt Algeciras einen Versammlungssaal für seinen Auftritt. Vergeblich. Es findet sich niemand, der ihn bei sich auftreten lassen will, kein Hotel, kein Verein, kein Club, keine Behörde – niemand. Andalusien ist eine Hochburg der Sozialisten, einer wie Abascal soll hier keinen Fuß auf den Boden bekommen. Schließlich tritt er mangels Alternativen auf dem Marktplatz von Algeciras auf. Die Veranstaltung ist kein rauschender Erfolg, rund 150 Leute hören ihm zu.

Doch Abascal spricht über das Thema, das auch andere radikal rechte Parteien in Europa stark gemacht hat: Migration. Algeciras ist Grenzregion, von Marokko ist es nur eine kurze Bootsfahrt entfernt. Am 2. Dezember 2018 finden in Andalusien Regionalwahlen statt. 382.076 Andalusier stimmen für Vox, in der Hochburg der Linken.

Es ist eine Sensation! Wie hat Santiago Abascal das geschafft?

Dazu muss man zu allererst auf die kulturellen Codes achten, auf die Signale, die er aussendet. Während seiner Rede in Santander benutzt Abascal immer wieder das Wort valiente, was so viel heißt wie "tapfer", "mutig", "kühn". Valiente ist eines der Schlüsselwörter zum Verständnis von Vox. Es öffnet die Tür zu einem imaginären Raum, in dem die Welt klar aufgeteilt ist zwischen den Mutigen und den Feigen, zwischen denen, die widerstehen, und denen, die klein beigeben. Tapfer ist der Stierkämpfer, mutig ist der Macho, kühn sind die conquistadores, die früheren Eroberer. Sobald das Wort valiente fällt, füllen sich diese Figuren mit Kraft und Leben.