Die BaFin sagt: Ja. Vergangene Woche teilte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht mit, sie habe Strafanzeige "wegen des Verdachts der Marktmanipulation in Form einer Short Attacke in Aktien der Wirecard AG erstattet". Im Klartext: Investoren, die an fallenden Kursen verdienen, hätten den Markt zu ihren Gunsten beeinflusst.

Nach ZEIT-Informationen richtet sich die Anzeige gegen mehrere namentlich und nicht namentlich genannte Personen, darunter offenbar auch Journalisten der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times. Die hatte am 30. Januar dieses Jahres einen Artikel über den Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München veröffentlicht. Darin stand, eine Anwaltskanzlei untersuche bei der Wirecard-Niederlassung in Singapur, ob Firmenmitarbeiter Verträge gefälscht und fiktive Umsätze gebucht hätten.

In den darauffolgenden Wochen druckte die FT weitere kritische Artikel zu Wirecard, auch die ZEIT berichtete über die Untersuchung der Anwälte in Singapur. Wirecard bezeichnete die Vorwürfe als "halt- und substanzlos", teilte später aber mit, einzelne Mitarbeiter in Singapur könnten gegen dortige Gesetze verstoßen haben. Infolge der Berichterstattung fiel der Wert der Aktie zwischenzeitlich stark.

Laut der BaFin könnte hinter diesen Ereignissen eine gezielte Attacke stecken. Wäre dies der Fall, hätten sich Investoren, die an fallenden Aktien verdienen, zusammentun und die Journalisten der FT in irgendeiner Weise instrumentalisieren müssen – was ein schwerer Vorwurf gegenüber einer Zeitung wäre. Sollte dies zutreffen, hätten die Journalisten das Veröffentlichungsdatum ihres Artikels den Investoren verraten müssen, damit die in Erwartung schlechter Nachrichten auf fallende Aktienkurse bei Wirecard hätten wetten können. Die FT bestreitet die Vorwürfe vehement.

Die BaFin stützt sich in ihrer Anzeige auf Artikel 12 der Europäischen Marktmissbrauchsverordnung (MMVO), die seit 2017 in Kraft ist. Demnach wird der Markt manipuliert, wenn ein Geschäft abgeschlossen wird, das "unter Vorspiegelung falscher Tatsachen" den Kurs einer Aktie beeinflusst. Oder wenn Investoren über die Medien eine "Stellungnahme zu einem Finanzinstrument" abgeben, an dessen Kursentwicklung sie mitverdienen, ohne diesen Interessenkonflikt offenzulegen. Auf Marktmanipulation stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Jedoch, so hieß es in der Zeitschrift für Bank- und Kapitalmarktrecht im Jahr 2018: "Eine reine Tatsachenbehauptung wird nicht vom Begriff der Stellungnahme erfasst." Zudem respektiert die MMVO auch die Pressefreiheit.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft München I wird nun untersuchen, wer vor der Veröffentlichung des ersten FT-Artikels Positionen eingegangen ist, mit denen man auf fallende Kurse der Wirecard-Aktie wetten kann, sogenannte Leerverkaufsoptionen. Laut Daten des Analysehauses Markit waren sie vor Erscheinen des FT-Artikels am 30. Januar nahezu auf einem Dreijahrestief. Gegen Ende Januar war ein leichter Anstieg der Optionen zu verzeichnen, wofür es zwei einfache Gründe geben kann: Zum einen war die Wirecard-Aktie in den Wochen davor um mehr als 20 Prozent gestiegen, zum anderen wurden am 30. Januar neue Geschäftszahlen präsentiert – beides sind Ereignisse, bei denen es nicht ungewöhnlich ist, dass Investoren auf fallende Kurse wetten.

Im Jahr 2016 wurde schon einmal wegen Marktmanipulation mit Wirecard-Aktien ermittelt. Damals fiel infolge eines anonymen Analystenberichts der Wert der Aktie stark. Die Staatsanwaltschaft untersuchte daraufhin, wer Leerverkaufsoptionen hielt, wann sie eingegangen wurden und ob es möglicherweise Absprachen gab. Zu einer Verurteilung kam es bislang nicht. Ein Verfahren wurde gegen Zahlung eines Geldbetrages eingestellt, ein weiteres läuft bei Gericht, die Staatsanwaltschaft hat den Erlass eines Strafbefehls beantragt.

Auch die neueste Sache könnte sich hinziehen. Erst in fernerer Zukunft wird man wissen, ob die BaFin mit ihrer Einschätzung recht hat, wonach die Kurse bei Wirecard manipuliert wurden.