In der Ukraine hat der politisch komplett unerfahrene Fernsehstar Wolodymyr Selenskyj die Präsidentschaftswahl gewonnen. Was ist nun von ihm zu erwarten?

Sein dünnes Programm bietet allenfalls Anhaltspunkte. Selenskyj hat sich hier und da geäußert, aber konkrete Pläne gezielt vermieden. Er setze auf Experten, höre wirklich zu, sagen diese, er lerne schnell. Das ist Selenskyjs Stärke und Schwäche zugleich – er lässt sich auf Neues ein, ist aber womöglich manipulierbar. Was für ein Präsident Wolodymyr Selenskyj sein wird, hängt deshalb davon ab, wer seine Berater und sein Team sein werden.

Das offizielle Team hat Selenskyj kurz vor der Wahl vorgestellt: 20 Namen aus der gesamten Ukraine. Deutlich mehr Männer als Frauen, viele unverbrauchte Gesichter, aber auch einige erfahrene Politiker aus dem alten System. Die Jüngste in diesem Team ist 26, der Älteste 62 Jahre alt. Doch eigentlich gibt es nicht ein Team. Um Selenskyj herum wirken viele Gruppen, und es ist unklar, auf wen der künftige Präsident hören wird. Es gibt Freunde aus seiner Produktionsfirma Quartal 95, die er seit über 20 Jahren gut kennt und die am Wahlabend mit ihm feierten. Es gibt Bekannte des Oligarchen Ihor Kolomojskyj, der Selenskyjs Produktionen in seinem TV-Sender ausstrahlt. Und es gibt die Reformer, die sich von Poroschenko abgewandt haben, Selenskyj unterstützen und über eine WhatsApp-Gruppe miteinander vernetzt sind. Immerhin muss Selenskyj in den kommenden Monaten noch viele Posten vergeben – in der Präsidialverwaltung oder in seiner Partei, die nach seiner TV-Serie "Diener des Volkes" benannt ist und bis zu der Parlamentswahl im Oktober eiligst mit Inhalten und Menschen gefüllt werden muss.

Wer mit Leuten aus den unterschiedlichen Gruppen um Selenskyj spricht, gewinnt den Eindruck, dass zwar noch immer beängstigend wenig klar ist, aber eines gewiss scheint: Angela Merkel muss sich keine Sorgen machen. War sie im Wahlkampf eher Petro Poroschenko zugeneigt als einem unberechenbaren Neuling, muss sie auch jetzt keine außenpolitische Kehrtwende befürchten. Die Westorientierung gilt fort, auch wenn in Selenskyjs TV-Serie die EU und der IWF schlecht wegkamen. Die ukrainische Russlandpolitik dürfte sich ebenfalls nicht wesentlich verändern. "Eine Wende gegenüber Russland wird es nicht geben. Der jetzige Kurs bleibt", sagt Oleksandr Mereschko, Jurist und Professor für internationale Beziehungen, der vier Sprachen fließend beherrscht, viel im Ausland gelehrt hat und dann in die Ukraine zurückkehrte, um Richter am Antikorruptionsgericht zu werden. Er fühlte sich dort ausgebootet, wandte sich mit Verbitterung ab und schloss sich wegen all des Frusts über das System trotz vieler Zweifel dem offiziellen Team von Selenskyj an. Mereschko klingt sicher, aber ganz sicher kann sich niemand dessen sein, was Selenskyj plant. Vielleicht nicht einmal er selbst.

Selenskyj hat am Wahlabend erklärt, dass das wichtigste Ziel die Freilassung von 24 ukrainischen Seeleuten sei, die in Moskau im Gefängnis sitzen. Außerdem will er am Minsker Abkommen von 2015 festhalten, mit dem die Ostukraine befriedet werden soll, und an den regelmäßigen Treffen mit Russen, Deutschen und Franzosen. Allerdings wird er womöglich versuchen, die USA stärker als bisher einzubinden, weil es mit dem Minsker Prozess seit Jahren nicht vorangeht. Dazu passt, dass Selenskyj sich mit dem US-amerikanischen Sonderbeauftragten für die Ukraine traf und dessen Friedensplan unterstützt. Außerdem soll er eine amerikanische PR-Firma beauftragt haben, ihn in den USA besser zu vernetzen.

Selenskyj unterstützt wie sein Vorgänger Poroschenko eine Mitgliedschaft der Ukraine in der Nato – wenn das Volk in einem Referendum dafür stimmt. Poroschenko hat zwar das Ziel eines Nato-Beitritts erst kürzlich in der Verfassung festschreiben lassen, doch EU- und Nato-Mitgliedschaft sind derzeit unerreichbar für die Ukraine, beides spielt für Selenskyj faktisch keine Rolle.

Im Donbass wollte Poroschenko die von prorussischen Kräften besetzten Gebiete in der Ostukraine wirtschaftlich isolieren. Selenskyj hingegen will mit einem proukrainischen russischsprachigen Sender um die dortigen Bewohner werben und sie mit humanitären Gesten erreichen, etwa indem er ihnen den Bezug einer Rente erleichtert.