Mit historischer Mehrheit haben die Ukrainer also einen Komiker, Geschäftsmann und Schauspieler zu ihrem Präsidenten gewählt. Einen, der in einer Fernsehserie zwar den Präsidenten spielt, aber in der Realität von Politik keine Ahnung hat. Das ist eine gute und eine schlechte Nachricht.

Gut ist sie deshalb, weil in der Ukraine, die seit fünf Jahren vom Krieg zerrieben wird und mehr als zehntausend Tote zu betrauern hat, die unter Korruption leidet und das ärmste Land Europas ist, weil also in diesem gebeutelten Land nicht etwa ein Hetzer oder Rechtsextremer gewonnen hat. Sondern der freundliche Wolodymyr Selenskyj: 41 Jahre alt, politisch unberührt, unkonventionell. Auf Wahlkampfauftritte und Interviews verzichtete er bis zu seinem Sieg, über seinen Kurs als Präsident schwieg er sich aus. Sprach er doch mal, dann klang er immerhin so versöhnlich, dass sich die unterschiedlichsten Wähler hinter ihm versammelten: Junge und Alte, Konservative und Liberale, Städter und Dörfler, Bürger aus Ost und West. Das ist also die radikalste Antwort, die sich die überwältigende Mehrheit der Ukrainer in diesen schwierigen Zeiten aus Protest zu geben erlaubt hat.

Selenskyj steht für einen neuen Typus Politiker: Den unverdorbenen Außenseiter

Wolodymyr Selenskyjs Erfolg gründet auf der Abkehr vom politischen Establishment. Er gibt sich als der Außenseiter, als der Unpolitische und deshalb Unverdorbene – und befindet sich in guter Gesellschaft. In Slowenien regiert ein Komiker, in Italien ist die Bewegung des Satirikers Beppe Grillo an der Macht, in Island war ein Comedian Bürgermeister der Hauptstadt. In den USA ist ein Unternehmer an der Macht, in der Slowakei wurde gerade erst eine Journalistin zur Präsidentin gewählt. International gesehen, erscheint die ungewöhnliche Wahl in der Ukraine gar nicht mehr so ungewöhnlich. Auch wenn die heutige Ukraine mit Italien, Island oder den USA nicht zu vergleichen ist – dass sich Wähler aus Wut und Misstrauen von etablierten Parteien abwenden, ist kein rein ukrainisches Phänomen, sondern wird in den kommenden Jahren weltweit sehr viele Politiker beschäftigen. Selenskyj ist es immerhin gelungen, Millionen frustrierter Wähler vorerst zurückzuholen und ihre Radikalisierung zu verhindern. Und ganz nebenbei widerlegt sein Sieg die russische Propagandamaschine, die seit Jahren die ukrainische Führung als eine faschistische Junta zu denunzieren sucht: Selenskyj ist alles andere als ein Rechtsradikaler, ebenso der ukrainische Premierminister.

Was also könnte an der Nachricht von Selenskyjs Sieg auch nur ansatzweise schlecht sein? Nicht Wolodymyr Selenskyj wurde gewählt, sondern das alte System abgewählt. Deshalb konnte es so lange egal sein, wer Selenskyj eigentlich ist und was er will. Zwei Tage vor der Wahl rief er seinem Konkurrenten Petro Poroschenko ins Gesicht: "Ich bin nicht Ihr Gegner, ich bin Ihr Urteil!"

Doch wie abhängig ist er von dem ukrainischen Oligarchen, der im TV-Geschäft sein Partner ist? Will er sich mit den mächtigen Oligarchen im Land anlegen – oder sie lieber doch umarmen? Wie ernst ist es ihm mit alldem?

Dank seiner Strategie, sich bloß nie festzulegen und Witze statt Wahlversprechen zu liefern, wurde Selenskyj zur perfekten Projektionsfläche. Nun ist er eine Art Barack Obama der Ukraine, der von den Erwartungen und Hoffnungen erdrückt wird, noch bevor er angefangen hat. Dabei wird Selenskyj nicht alles anders machen als sein Vorgänger, das könnte er gar nicht. An dem Westkurs seines Landes wird er weiterhin festhalten, an der Zusammenarbeit mit der Nato ebenfalls.

Auch das Verhältnis der Ukraine zu Russland wird unter Selenskyj nicht plötzlich ein anderes, wenn die russische Seite weiterhin so tut, als habe sie nichts mit dem Krieg in der Ostukraine zu tun. Immerhin will sich Selenskyj anders als sein Vorgänger um die Menschen in dem besetzten Teil des Donbass bemühen. In der Innenpolitik aber verspricht Selenskyj nicht weniger, als "das System zu brechen".

Viel Zeit, sich zu beweisen, hat er nicht. Die ukrainische Politik, sagt ein Berater aus seinem Team, folgt einem Zyklus: Erwartung, Enttäuschung, Apathie, schließlich Wut. Ausgerechnet ein Anti-Politiker soll diesen traurigen Polit-Zyklus durchbrechen. Dafür wird Wolodymyr Selenskyj aber erst mal zeigen müssen, wer er wirklich ist.